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Strafzölle belasten US-Farmer
Dunkle Wolken über Iowa

Weil China auf die US-Strafzölle seinerseits mit Zöllen reagiert, sind die Preise für landwirtschaftliche Produkte in den USA teilweise radikal eingebrochen. Manche Experten sprechen von einer Krise, die bereits die gesamte Landwirtschaft erfasst habe. Dennoch unterstützen viele Farmer den Kurs ihres Präsidenten.

Von Thilo Kößler | 26.07.2018
    Rick Kimberly, US-Farmer im Bundesstaat Iowa, blickt auf sein Feld. Wie viele US-Farmer hat er sich auf Mais und Sojabohnen spezialisiert.
    Viele US-Farmer haben sich auf Mais und Sojabohnen spezialisiert - deswegen wird der Handelsstreit für die Landwirte im Mittleren Westen zur Schicksalsfrage. (imago / Xinhua)
    Der riesige rote Traktor kam mit einem gewaltigen Hänger auf den Hof gefahren. Bill Shipley, 59 Jahre alt, Jeans, Bauchansatz unter dem karierten Hemd. Auf dem Kopf eine Schirmmütze. In der Ferne sind die Hausdächer von Nodaway zu sehen. Rund 100 Menschen leben dort. Die Farm seines direkten Nachbarn liegt ein paar Meilen entfernt.
    Bill Shipley ist hier geboren und aufgewachsen. Er habe es immer geliebt, Tiere und Pflanzen aufzuziehen, sagt der Farmer.
    Bill hat sich in den Schatten eines großen Nesselbaums gesetzt, der im Garten vor seinem Haus steht. Katzen spielen um seine Füße. Eigentlich ist Bill total zufrieden. Er liebt die Einsamkeit, sagt er. Nur selten kommt ein Traktor auf der Schotterpiste vorbeigefahren. Manche bräuchten Berge um sich herum. Er brauche den Blick auf seine Felder.
    Spezialisierung als Schicksalsfrage für die Landwirte
    Bill Shipley bearbeitet mit seinem Sohn knappe 2.000 Hektar Land. Einmal abgesehen von ein paar Schweinen haben sie ganz auf Sojabohnen und Mais gesetzt. So, wie meisten Farmer hier in Iowa. Doch diese Spezialisierung wird jetzt zur Schicksalsfrage für die Landwirte im Mittleren Westen. Denn als Antwort auf Donald Trumps Handelssanktionen hat China Schweine und Sojabohnen auf die Liste seiner Strafzölle gesetzt. Und jetzt haben Sojabauern und Schweinezüchter wie Bill Shipley ein Problem.
    Die Farmer reden von gar nichts anderem mehr, sagt Bill: Die Sojapreise sind bereits um über 15 Prozent gefallen - und liegen damit bereits unter den Produktionskosten. "Ich bin sehr besorgt", sagt er.
    Der US-Farmer Bill Shipley mit seinem Sohn
    "Ich hoffe, der Präsident hat einen Plan": Der US-Farmer Bill Shipley macht sich Sorgen, weil sich kein Ende des Handelsstreits abzeichnet (Thomas Spang/Deutschlandradio)
    Bill macht sich immer mehr Sorgen, je deutlicher sich abzeichnet, dass sich dieser Handelskonflikt in die Länge zieht. Dabei findet es Bill eigentlich ganz gut, dass ein amerikanischer Präsident den Chinesen endlich einmal die Stirn bietet: Man hätte sie schon längst in die Schranken weisen müssen, sagt Bill. Er hat wie die meisten Farmer hier Donald Trump gewählt. Und steht dazu. Aber er ist sich nicht mehr so sicher, ob es so klug ist, mit allen gleichzeitig Streit anzufangen: Mit China. Mit Kanada. Mit Mexiko. Und mit der EU.
    Es gebe nur zwei Möglichkeiten, meint Bill. Entweder man kommt aus dieser Krise besser heraus, als man hineinging. Oder es droht eine Katastrophe.
    Bill setzt ganz darauf, dass Donald Trump einen großen Plan hat, der am Ende aufgehen wird. "Ich hoffe, dass er den hat."
    Trump führt seinen Handelskrieg an allen Fronten
    Noch könne sich Donald Trump der Unterstützung der Farmer sicher sein, glaubt Bill. Aber wenn dieser Handelskrieg zur Katastrophe für die Landwirte wird - dann könnte sich das schnell ändern.
    Eine paar Autostunden entfernt sitzt Chad Hart vor dem Bildschirm in seinem Büro der State University of Iowa in Ames und deutet auf ein Diagramm - es zeigt die jüngste Entwicklung im Export von Sojabohnen nach China. Dargestellt in Form eines Balkens, der schockgrün in die Tiefe stürzt. Chad Hart ist Agrarwissenschaftler, und er spricht vom Beginn einer Krise, die bereits die gesamte Landwirtschaft der Vereinigten Staaten erfasst habe.
    "Die Sojafarmer sind am meisten betroffen. Bei den Viehzüchtern sind es die Schweinebauern. Aber wir sehen auch schon Auswirkungen auf dem Rindermarkt, beim Weizen- und Kornanbau, ja selbst beim Geschäft mit Obst und Gemüse. Tatsächlich ist bereits der gesamte Agrarmarkt der USA betroffen."
    Während sich das ganze Ausmaß der Krise bei den Feldfrüchten erst nach der Ernte im Herbst zeigen wird, kommen die Lagerkapazitäten für Rind- und Schweinfleisch schon jetzt an ihre Grenzen, sagt Hart. Wie lange sich dieser Konflikt hinziehen wird, wisse allein Präsident Trump. Er persönlich halte die Fäden in der Hand.
    Auch Chad Hart macht sich Sorgen, dass sich diese Krise zu einem veritablen Handelskrieg hochschaukeln könnte, bei dem es keine Gewinner geben wird, wie er meint. Bedenklich findet auch er, dass Donald Trump diesen Konflikt nicht nur an der Handelsfront mit China führt, sondern mit allen Handelspartnern gleichzeitig. Wenn Donald Trump auch noch die Verhandlungen mit Kanada und Mexiko über das Nafta-Abkommen scheitern lasse, sieht Hart weltweite Auswirkungen voraus.
    "Wenn der Streit andauert, wird er alle mit sich reißen"
    "Wenn man ein negatives Bild zeichnen wollte, müsste man die 1920er und 1930er Jahre erinnern. An die Jahre der großen Depression, die ebenfalls mit einem Handelskonflikt begann. Der Streit betrifft ja nicht nur USA und China, sondern er wird global ausgetragen. Und natürlich sind andere Länder genauso davon betroffen - wenn der Streit andauert, wird er alle mit sich reißen."
    Schon jetzt, sagt der Agrarwissenschaftler Chad Hart vor dem Schaubild mit den abstürzenden Handelsbilanzen, sei klar, dass die USA lebenswichtige Absatzmärkte wie zum Beispiel China mit dieser Politik aufs Spiel setzen. Es könne Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, das verlorengegangene Handelsterrain wieder zurückzugewinnen.
    Der Zug von Burlington nach Santa Fé ist pfeifend in der Ferne vorbeigefahren. Dunkle Wolken sind über den tiefgrünen Sojafeldern von Bill Shipley in Nodaway aufgezogen. Der aufkommende Wind schiebt die flirrende Hitze vor sich her. Ein Gewitter kündigt sich an.
    Bill Shipley, der immer noch im Schatten des Baumes vor dem Haus sitzt, hatte es geahnt: Es könnten Finanzhilfen für die Farmer nötig werden. Tatsächlich hat die Administration in Washington den Landwirten dieser Tage 12 Milliarden Dollar versprochen, um sie für die entgangenen Exporterlöse zu entschädigen.
    "Ich will das eigentlich gar nicht", sagt Bill, der seine Sojabohnen lieber gewinnbringend nach China verkaufen würde. "Aber es geht vielleicht nicht anders, um uns vor dem drohenden Untergang zu bewahren."