Samstag, 10. Dezember 2022

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Streitschrift zur Integrationspolitik

Seyran Ates - die Berliner Anwältin türkisch-kurdischer Herkunft - hat sich mit Courage vor allem für die Rechte türkischer Frauen eingesetzt. In ihrem neuen Buch nimmt sie die türkische Gemeinschaft ebenso ins Visier wie die deutsche Politik. Sie beklagt Missstände in türkischen Familien und Realitätsverlust auf Seiten der politisch Verantwortlichen. Sabine Adler stellt Buch und Autorin vor.

Redakteur am Mikrofon: Jasper Barenberg | 03.12.2007

    Seyran Ates blickt zurück auf das 40-jährige Zusammen- oder besser Nebeneinanderherleben von Deutschen und Ausländern, die zunächst als Gastarbeiter, manche auch als Flüchtlinge nach Deutschland kamen und meistenteils hier blieben.

    Gleich zu Beginn der flüssig geschriebenen knapp 300 Seiten geht Seyran Ates mit den Multi-Kulti-Anhängern ins Gericht, deren wahrhaftiges ehrliches Interesse an den Ausländern in Deutschland sie nicht erkennen kann. Nicht ihren Idealismus wirft Seyran Ates ihnen vor, sondern den Realitätsverlust, die unverbindliche Toleranz, die dann ende, wenn die Multi-Kultis Eltern würden und aus den lebhaften Vierteln wegzögen. Die zwar beim türkischen Gemüsehändler einkaufen oder in der Dönerbude essen, so die streitbare Anwältin, sich aber keinen Deut für das Leben des Verkäufers interessieren, nicht einmal wissen, dass der nicht selten seine deutschen Kunden verachtet, wie die gesamte deutsche Gesellschaft, von der er sich wo immer möglich unabhängig macht mit eigenen Ärzten, Geschäften, Dienstleistungsangeboten. Ates weist mit dem Finger auf Multi-Kulti-Fanatiker, so genannte Autonome, die den Staat verachten, der angeblich schlecht zu Ausländern ist, weshalb sie gut zu ihnen sind. Sie sind ihr ein ganz besonderer Dorn im Auge. Den gemäßigteren Multi-Kulti-Anhängern schreibt sie Mitverantwortung an der Existenz der Parallelgesellschaft zu und damit an der Duldung der Menschenrechtsverletzungen in den zum Teil archaischen Gemeinschaften.


    Ehrenmorde wurden schon in den 1970/80er Jahren verübt, genauso wie heute. Aber weder die Medien noch die offizielle Politik noch die linke Szene, die mit Hausbesetzungen und dem autonomen Kampf gegen den "Schweinestaat" beschäftigt war, machte sich Gedanken über Menschenrechtsverletzungen, die vor ihrer Nase stattfanden. Gerade die linke Szene hat von uns türkischen und kurdischen Frauen, die in den unterschiedlichsten Projekten arbeiteten, auch von den dunkelsten Flecken der Migranten-Community erfahren. Viele Linke wollten aber nicht an ihrem Weltbild vom guten Ausländer und den bösen Deutschen rütteln lassen.

    Wie Necla Keleks "Die fremde Braut" führt uns Seyran Ates Buch "Der Multikulti-Irrtum" in die Küchen, Wohn- und noch wichtiger Schlafzimmer türkischer Großfamilien, wo hinter verschlossenen Türen eine Gewalt herrscht, die jede Vorstellungskraft übersteigt. Beide wollen warnen, ihre deutsche Leserschaft zum Hinschauen zwingen. Als Familienanwältin interessiert sich Ates vor allem für die Situation der Frauen, hat sie doch immer wieder Mandantinnen vor Gericht vertreten, die häufig ein jahrelanges Martyrium durchlitten hatten. Zudem richtet sie den Blick auf die Kriminalitätsstatistik, die angeführt wird von jungen türkischstämmigen Männern mittlerweile der dritten Generation, gefolgt von südosteuropäischen und osteuropäischen. Ates Erklärung:

    "Die türkischen und kurdischen Kinder wachsen nach wie vor auf mit dieser Prämisse, dass Gewalt absolut erlaubt ist als Erziehungsmethode. Diese Kinder sind auch besonders gewalttätig, weil sie noch zusätzlich vernachlässigt werden von ihren Eltern, noch einmal mehr als sozialschwache deutsche Kinder von ihren Eltern vernachlässigt werden, denn sie haben es noch zu tun mit einer Identitätsproblematik. Sie werden hin- und her gerissen, sie werden gezwungen Loyalität zu zeigen einer Herkunftskultur, die sie nicht kennen und in der Schule die Mehrheitsgesellschaft, die angeblich gegen Muslime ist, angeblich gegen sie eine rassistische Gesellschaft, das heißt sie wachsen sehr früh auf mit dem Bild, ich lebe in einer rassistischen Gesellschaft und muss mich dagegen zu Wehr setzen."

    Den Kampf gegen die häusliche Gewalt in türkischen Familien, die im Ehrenmord gipfelt, hält die Autorin für die wichtigste Aufgabe, der sich die Politik zuwenden sollte, denn die Gewalt spiele sich längst nicht mehr nur hinter verschlossenen Türen ab.

    "Diese Gewalt richtet sich meiner Ansicht nach im Laufe der Zeit auch gegen die gesamte Gesellschaft, weil die Unzufriedenheit in der Migration, Arbeitslosigkeit und dann noch zusätzlich der Glaube oder die Vermutung, die Deutschen wollen uns assimilieren, das sich da so eine aggressive Haltung aufgebaut hat in den letzten Jahren. Gerade nach dem 11. September und mit der Angst verbunden, bzw. mit der Pseudoangst in meinen Augen, dass ihnen der Glaube genommen wird, steigt eine gewisse Aggressivität gegen die Mehrheitsgesellschaft."

    Die Aggressivität gegen das von den Kindern der türkischen Einwanderer nicht ausgewählte Land ist laut Seyran Ates unübersehbar. Junge Frauen, die von ihren Brüdern getötet wurden, mussten deren Meinung nach sterben, weil sie lebten wie eine Deutsche, was meint: wie eine Hure. Die Anwältin wundert sich, dass sich die Gesellschaft diese Beleidigung, die auch Deutschen direkt ins Gesicht gesagt wird, ungestraft gefallen lässt.

    "Wie viel Kränkung kann denn eine solche Gesellschaft noch akzeptieren und hinnehmen und insbesondere deutschen Lehrerrinnen und deutschen Frauen auf der Strasse, während doch wegen einem Karikaturenstreit eine Oper abgesagt wird. Also, dieses Einknicken vor der Parallelgesellschaft, vor der Minderheit, die hierher gezogen ist und sich jetzt aber so stark aufspielt, sich beleidigt fühlt in verschiedensten Bereichen. Aber auch noch gleichzeitig die andere Seite beleidigt. Ich bin da wirklich extrem irritiert und frage mich, wie lange die Mehrheitsgesellschaft diesen Punkt noch so ausblenden will."

    Sie vermutet dahinter Angst vor der Auseinandersetzung, Angst vor den mittelalterlichen Praktiken der Mitbürger, die man nicht mehr Fremde oder Ausländer nennen darf.

    "Da kommt wieder dieses politisch korrekte Denken und man will nicht so arrogant sein und da überhört man da schon mal. Das ist wie mit kleinen Kindern, die nicht wissen was sie tun."

    Von einem nicht unbeträchtlichen Teil der Jungen geht eine Gefahr wie von einer tickenden Bombe aus. Während türkischstämmige Mädchen, so sie deren aufgeklärte Eltern tatsächlich lernen und studieren lassen, eine gewisse Anerkennung erfahren, begegnet die Gesellschaft den Jungen mit einem Grundmisstrauen. Gerade ihrer müsste sich die Gesellschaft annehmen, Hilfsangebote schaffen, nicht anstelle der Projekte für Mädchen, parallel zu ihnen, fordert die Autorin. Nicht immer geht Gewalt in der türkischen Familie von Männern aus. Frauen, die zwangsverheiratet, von ihren Männern vergewaltigt, von deren Familien drangsaliert werden, schlagen irgendwann zurück. Erst die oft ungeliebten und ungewollt zahlreichen Kinder, später den Partner, wenn er bettlägerig wird und sich nicht mehr wehren kann. Seyran Ates nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihr Buch speist sich aus intimer Kenntnis der Lebensverhältnisse und ist voller unbequemer Wahrheiten, die dem Leser detailliert die Zustände in der türkischstämmigen Parallelgesellschaft vor Augen führt. Wer wissen möchte, wo effiziente Politik ansetzen sollte, kann es hier erfahren, auch, welche Initiativen oder Gesetzesänderungen Erfolg hatten und welche sich, gut gemeint, leider in ihr Gegenteil verkehrten. Trotz der wenig beruhigenden Details bleibt die engagierte Vorkämpferin für die Rechte freier türkischer Frauen und Männer, Mädchen und Jungen erstaunlich optimistisch.

    "Meine Bemühungen kommen in der türkisch-kurdisch-moslemischen Gesellschaft sehr gut an. Ich begegne immer wieder Männern und Frauen, die sagen, das ist richtig, was du da machst, du befreist uns, und wir sind dir dankbar dafür, dass du die Dinge aussprichst über die wir ja auch alle Bescheid wissen."

    20 Prozent ihrer Landsleute hält sie für aufgeklärt, 80 Prozent lebten nach mittelalterlichen Wertvorstellungen und Traditionen, die zum Teil unvereinbar mit dem Grundgesetz sind. Will man sie ändern, muss man Aufklärung betreiben, Bildung ermöglichen. Schon im Integrationskurs, so die Anwältin und Autorin, müsse gelehrt werden, dass Zwangsehen gesetzeswidrig sind und Ehrenmorde mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werden. Am besten freilich wäre, ihr Buch durchzuarbeiten, doch das liegt leider noch nicht auf Türkisch vor. Zum Glück aber immerhin auf Deutsch. Sie selbst denkt daran, wieder als Anwältin zu arbeiten.

    Sabine Adler über Seyran Ates: Der Multikulti-Irrtum. Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können. Das Buch ist im Ullstein Verlag erschienen, 282 Seiten kosten Euro 18,90.