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StartseiteSport am WochenendeDie Angst vor den Folgen29.12.2019

Studie zu WhistleblowingDie Angst vor den Folgen

Viele Athleten und Athletinnen lehnen es ab, Dopingpraktiken zu melden. Das haben Kelsey Erickson und Laurie Patterson in einer Studie für die Welt-Antidopingagentur herausgefunden. Die Befragten seien eher dazu bereit, Dopingsünder direkt zu konfrontieren, berichteten die Forscherinnen im Dlf.

Kelsey Erickson und Laurie Patterson im Gespräch mit Marina Schweizer

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Julia Stepanowa bei der Leichtathletik-EM 2016 in Amsterdam (Sputnik/dpa/picture alliance)
Yuliya Stepanova hat als Whistleblowerin entscheidend zur Aufdeckung des russischen Staatsdopings beigetragen. Heute lebt sie an einem geheimen Ort. (Sputnik/dpa/picture alliance)
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Marina Schweizer: Als vor Jahren das Ehepaar Stepanov Doping in Russland aufdecken wollte, haben sie in der Welt-Anti-Doping-Agentur keine adäquate Anlaufstelle gefunden und sind an den Journalisten Hajo Seppelt verwiesen worden. Diese Anlaufstelle will die WADA jetzt selbst liefern. Es gibt inzwischen die Plattform Speak Up, an die sich Hinweisgeberinnen und Hinweisgeber wenden können. Die WADA hat auch eine Studie in Auftrag gegeben, bei der Athletinnen und Athleten befragt wurden: Wann würden sie Hinweise auf Dopingpraktiken in ihrem Umfeld geben?

Diese Studie haben zwei Forscherinnen an der englischen Leeds Beckett Universität durchgeführt, die US-Amerikanerin Kelsey Erickson und die Britin Laurie Patterson. Ich habe sie als erstes gefragt: Was haben die Athletinnen und Athleten gesagt in Ihrer Studie: In welchem Fall würden Sie sich trauen, etwas zu verraten?

Kelsey Erickson: Wir haben uns erst einmal die studierenden Athletinnen und Athleten in den USA und Großbritannien angesehen und eine Sache, die wir herausgefunden haben, war: Sie würden es ablehnen, Doping zu melden. Aber sie könnten sich vorstellen, die betroffene Person zu stellen und mit dieser zu sprechen und dann zu sagen: Ich weiß was du machst und das muss aufhören oder ich muss den nächsten Schritt gehen und das anzeigen.

Dazu haben wir einen Artikel veröffentlicht und die Rückmeldung war: Das ist ja schön und gut, aber es dreht sich hier um studierende Athleten. Es wäre offensichtlich anders, wenn es sich um Olympioniken drehen würde, von Goldmedaillengewinnern abwärts. Und das ist ein gutes Argument. Also haben wir uns damit beschäftigt. Und für das Projekt, für das die WADA jetzt Geld gegeben hat, haben wir uns Athletinnen und Athleten aus den USA und Großbritannien angesehen, die auf internationalem Level konkurrieren. Auch Trainer, aber das ist ein Nebenschauplatz.

Die Lücke zwischen Vermuten und Melden

Wir haben ihnen die gleichen Fragen gestellt. Die haben sich hauptsächlich darum gedreht: Warum würdest Du etwas melden und warum würdest du nicht? Und wieder war es so, dass eine Mehrzahl es ablehnte, Fehlverhalten zu melden. Und das trotz der Tatsache, dass sie dadurch vielleicht einen frei werdenden Platz in einem Team nicht bekommen. Das bedeutet nicht, dass sie nicht bereit gewesen wären, irgendwas zu machen. Aber wir kamen zur Erkenntnis, dass das etwas sehr schwieriges ist.

Schweizer: Sie haben eine Befragung durchgeführt, Sie haben also die Aussagen vorliegen. Wovor hatten die Athletinnen und Athleten Angst oder was haben sie gedacht?

Erickson: Es ist vielleicht noch ganz interessant, dass ich davor auch mit Menschen gesprochen habe, die zu Whistleblowern in Sachen Doping geworden waren. Es war auch für die, die etwas gemeldet haben, nicht einfach. Da gab es davor erst einmal ein Gefühlschaos. Das war nicht einfach: Ah, ich glaube, da dopt jemand. Jetzt werde ich das automatisch melden. Da gab es eine Lücke zwischen Identifizieren oder Vermuten und Melden.

Und als ich dann die Interviews mit der nächsten Gruppe gemacht habe - also Menschen, die noch nicht unbedingt eine Whistleblowing-Erfahrung gemacht hatten - da waren es diese Athleten auf internationalem Level, die ja potenziell in eine solche Situation kommen könnten, dass sie etwas melden sollten. Und eine Sache, die sie davon abhalten würde, ist etwas ganz Essentielles: Sie wussten nicht, wie sie das richtig tun sollten. Also: An wen soll ich das melden? Muss ich das Ganze wirklich gesehen haben? Muss ich harte Beweise haben, bevor ich etwas sage oder reicht es, wenn ich es so melde?

"Angst davor, Beziehungen zu beschädigen"

Ich vermute, sie haben Angst davor, Beziehungen zu beschädigen. Also: Wenn ich eine Person melde und diese dann bestraft wird und ich weiß, dass ich dafür verantwortlich bin - vielleicht weiß es die Öffentlichkeit nicht, aber ich weiß es ja. Obwohl man dann stolz wäre, gibt es da immer noch ein Schuldgefühl, dass man derjenige war, der den Hinweis gegeben hat. Und es gab auch eine Angst davor, dass sich das auf die Sponsoren auswirken könnte und auf die Mannschaften: Wer wird sich noch für mich interessieren, wer will noch mit mir in Verbindung gebracht werden? Es wurde auch darüber gesprochen: Was, wenn ich was sage? Dann werden sich die Menschen von mir distanzieren. Es gab also eine ganze Bandbreite von Dingen, die Athletinnen und Athleten zögern lassen - angefangen bei einfachen Wissenslücken bis hin zu zwischenmenschlichen und komplexeren Dingen.

Schweizer: Whistleblower kommen ja nicht nur im Sport vor. Es passiert in der Wirtschaft oder wo auch immer. Würden Sie sagen, dass diese zwischenmenschliche Sache etwas Sportspezifisches ist? Haben Sie dafür Beweise gefunden?  

Erickson: Es gab wirklich nicht viel Literatur zu dieser Beziehungssache. Es gab natürlich Sachen darüber, dass es ein richtiges moralisches Dilemma ist - also: Muss ich loyal gegenüber der Person sein, die ich kenne oder nicht? Und gleichzeitig habe ich die Verpflichtung, den Ruf meiner Gruppe zu schützen. Das gab es schon und daraus haben wir auch etwas gezogen. Was wir da gefunden haben, ist das moralische Dilemma: Bin ich einer Person oder einer Gruppe verpflichtet? Also, erhebe ich meine Stimme zum Wohle aller Athleten und des sauberen Sports oder halte ich den Mund, um das Ansehen und Wohlergehen einer Person zu schützen?

Angst, sich selbst auch verdächtig zu machen

Und es gab noch ein weiteres Element. Dieses: Ich muss auch an mich selbst denken, weil, wenn ich als Athlet etwas melde, dann bin ich bestimmt auch verdächtig. Wie konnte ich davon erfahren ohne ein Teil des Betrugs zu sein, wie lange wusste ich davon und warum habe ich nicht schon früher was gesagt? Also muss ich doch da mit drin hängen. Und dann gab es eine Sorge, dass Leute dachten: Wenn ich das melde, dann werden Leute immer denken, dass ich das jetzt die ganze Zeit mache und Leute reden dann nicht mehr mit mir. Es war alles zusammen: Ich musste über ein Individuum nachdenken, über die Gruppe und auch über mich.

In der Literatur gab es viel mehr Dinge über Macht-Dynamik und darüber, wie man über einen Vorgesetzten oder einen Untergebenen in einem Büro etwas meldet. Es gab nicht viel über Beziehungen.

Laurie Patterson: Eine interessante Sache, die Kelsey schon früh herausgearbeitet hat, war: Wir dachten bei Beziehungen immer eher an Mannschaftskameraden versus Konkurrenten. Aber als Kelsey mit den Leuten geredet hat, ging es eher darum: Jemand, der mir nahe steht versus, jemand, mit dem ich in keiner persönlichen Beziehung stehe. Und das ist nicht immer analog zu Mannschaftskameraden und Konkurrenten. Es war wirklich interessant, wie komplex dieser Beziehungsaspekt ist. Es geht nicht darum, dass derjenige dein Mannschaftskamerad ist und deshalb schützt du ihn. Oder du wirst zum Whistleblower, weil es sich um deinen Konkurrenten handelt. Es ging eher um die Nähe.

Schweizer: Es wird ja oft gesagt, im Sport gibt es eine Art Omertá, ein Schweigekartell, man will die Dinge innerhalb des Sports lösen, man will sich nicht an öffentliche Stellen oder so wenden. Haben Sie Hinweise darauf gefunden?

Erickson: Absolut, das ist im Prinzip das, was sie uns erzählt haben, Mir ist nicht unbedingt wohl dabei, vorzutreten und etwas zu melden. Aber ich würde die Person selbst konfrontieren. Und wir haben schon früh darüber diskutiert, als es darum ging, Personen zu ermöglichen, potenzielle Dopingpraktiken anzugehen - da mussten wir wirklich erklären, dass es uns nicht darum geht, zu sagen: Du sollst kein Whistleblower werden. Aber ungeachtet des Kontexts ist die Realität, dass nie jeder bereit sein wird, Dinge zu melden. Und wir können ihnen entweder weiter sagen, dass sie es tun sollen und sie tun es trotzdem nicht. Oder wir können einfach erkennen, dass es eine große Gruppe an Menschen gibt, die es nicht tun werden. Dennoch geben sie uns ja eine Alternative. Sie sagen: Aber ich würde jemanden direkt konfrontieren.

Trainer und Trainerinnen im Konflikt

Ja, vielleicht läuft das dann auf diese Omertá hinaus. Aber es wird trotzdem etwas getan. Sie sind proaktiv und sie handeln, um Doping zu stoppen. Und es mag dann nicht in einem offiziellen Doping-Regelbruch enden, aber wenn es dazu führt, Doping zu stoppen, dann bekommen wir ja, was wir wollen. Und das ist: kein Doping im Sport. Also wir wissen, dass es das auf jeden Fall gibt. Es gibt eine Angst, aber es bedeutet nicht, dass man da nichts tun kann. Wir haben sogar ein Schulungsprogramm aufgelegt, das auf dieser Annahme basiert. Es heißt Reactive. Das steht für "recognize", also Erkennen, und "take action", also handeln. Und der Gedanke dabei ist, Menschen mit der Fähigkeit auszustatten, Doper zur Rede zu stellen.

Patterson: Und was die Omertá angeht - ich habe ja auch Trainer und Trainerinnen interviewt. Und es ist komisch, denn wir schauen ja hier auf zwei verschiedene Dinge, aber wir haben einige Ähnlichkeiten gefunden. Die Trainer mit denen ich schon früh gesprochen habe, haben gesagt, dass sie sich lieber intern um Sachen kümmern. So haben sie es formuliert. Sie waren in einem Konflikt zwischen: Athleten zu schützen, ihren Verein zu schützen und sich selbst zu schützen. Und sie haben explizit gesagt, dass Doping für sie ein dunkles Thema ist, etwas, über das sie lieber nicht sprechen und mit dem sie nicht in Verbindung gebracht werden wollen.

Das war nicht unbedingt, weil sie etwas verstecken wollten. Sie hatten einfach Angst vor den Auswirkungen, weil die Dinge dann ganz schnell eskalieren. Also sagten sie, wenn sie das intern, könnten sie das Narrativ kontrollieren. Sie hatten also Angst, dass Informationen nach draußen gehen und dass sie falsch wiedergegeben oder manipuliert werden. Zum Beispiel durch die Medien. Also, es ist nicht unbedingt ein Schweigekartell mit bösen Absichten. Das ist manchmal etwas komplex. Aber für manche bedeutet dieses Schweigekartell, dass sie Menschen schützen wollen vor Vergeltung oder anderen Dingen, die daraus resultieren können.

Nicht das einzige Werkzeug im Kampf gegen Doping

Schweizer: Also - war einer der Wünsche, den sie äußerten, wenn sie zu Whistleblowern werden sollen, dass sie sich eine Art Briefkasten innerhalb der eigenen Organisation wünschten, keine Behörde außerhalb? Würde das helfen, damit Dinge gemeldet werden oder gäbe es dann wieder Zweifel, dass auch wirklich etwas getan wird?

Erickson: Das war glaube ich gar kein Thema. Wenn sie sich etwas wünschten, dann etwas, was total unabhängig und außerhalb des ganzen Sports und der Anti-Doping-Arbeit ist - auch um potenzielle Vertrauensprobleme zu überwinden. Auch für die, die in dieser möglichen Omertá agierten, ging es einfach darum, dass sie nicht nichts getan haben. Auch wenn sie nichts melden würden, würden sie ja etwas tun. Und ich finde, das ist eine grundlegende Unterscheidung. Ja, Whistleblowing ist sehr effektiv und es ist eines der besten Werkzeuge, die wir haben, um Doping zu entdecken und zu bestrafen. Aber es ist nicht das einzige. Wenn wir also die breitere Gemeinschaft aktivieren wollen, dann müssen wir auch weitere Möglichkeiten in Betracht ziehen, wenn wir wollen, dass mehr Menschen zu Whistleblowern werden. Sie wollen es nicht unbedingt intern halten. Sie müssen aber einfach wissen, wo sie es tun können und sie müssen wissen, mit wem sie sprechen und was daraus resultiert. Es ging da mehr um Vertrauen als um einen bestimmten Ort. Und Vertrauen hängt an Individuen und nicht so sehr an einer Organisation, in der diese Person sitzt.

Patterson: Und aus den Fragebögen wissen wir: Es ist wichtig, dass gewisse Bestimmungen gelten, wenn Leute Whistleblower sein sollen. Vieles davon drehte sich um die Art der Unterstützung. Wie machen sie es? Was passiert danach? Sie wollten Transparenz, was den Verlauf angeht. Eine Sache, die die Befragten explizit genannt haben, war, dass sie sich Anonymität und Geheimhaltung wünschten. Viele Organisationen sagen schon jetzt, dass sie den Leuten diese Möglichkeit geben. Das ist wirklich wichtig. Wenn sie also anonym etwas melden wollen, können sie das. Wenn sie ihren Namen nennen und um Kontaktaufnahme bitten, dann können sie das auch tun.

Psychologische Unterstützung benötigt

Es braucht also eine Bandbreite an Möglichkeiten, weil verschiedene Personen da auch unterschiedlich herangehen. Wenn Du kommunikativ bist, bist du vielleicht jemand, der darüber gerne mit jemandem am Telefon spricht. Oder man ist vielleicht jemand, der das gerne per Mail macht. Vielleicht willst Du aber auch mit jemandem von Angesicht zu Angesicht sprechen. Es geht darum, dass wir Menschen unterschiedliche Vorlieben haben, wie wir kommunizieren. Und wir sollten Möglichkeiten für alle bieten.

Schweizer: Sie haben Ihre Studie zu Doping gemacht. Aber was ich mich frage, ist: Wir sehen gerade große Missbrauchsskandale und die basieren auf Hinweisen von Whistleblowern und Menschen, die vielleicht sogar ihre eigene persönliche Geschichte erzählen, bei einem sehr sensiblen Thema. Und dann natürlich Korruption und Spielmanipulation. Konnten Sie irgendwelche Schlüsse für diese Bereiche ziehen? 

Erickson: Absolut. Ich bin jetzt Beauftragte für Athletenschutz beim US Radsportverband, also ich arbeite jetzt im Athletenschutz und im Anti-Doping-Bereich. Als sich diese Jobmöglichkeit ergab, war das eine perfekte Kombination dieser beiden Bereiche für mich, die ja wirklich verwandt sind. Es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede., besonders wenn es um das Konzept von Whistleblowing geht. Da gelten die gleichen Prinzipien. Im Athletenschutzbereich ist psychologische und emotionale Unterstützung vonnöten. Die Gespräche, die ich im Doping-Bereich geführt habe, haben mir gezeigt, dort wird das auch gebraucht. Also von außen sieht das für uns immer so verschieden aus, verschiedene Themen, unterschiedliche Probleme. Also: Sie müssen unterschiedlich behandelt werden, wenn es um Whistleblowing geht. Und ich glaube nicht, dass das der Fall ist. Ich glaube, da müssen sich nur Nuancen unterscheiden.  Wir können definitiv über diese Themenbereiche hinweg zusammenarbeiten - auch zum Beispiel, was Kopfverletzungen angeht. Alle diese Dinge laufen am Ende darauf hinaus, dass wir als Kernprinzip einen sicheren Ort bieten wollen. Dass wir es ermöglichen wollen und dazu ermuntern wollen, aufzustehen und Dinge preiszugeben und dass man darauf vertrauen kann. Dass das den Sport weiterbringt, in eine positive Richtung. 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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