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Studienplatzvergabe"Von den kostbaren Plätzen soll keiner frei bleiben"

Noch immer bleiben jedes Semester Tausende Studienplätze unbesetzt. Ein Serviceverfahren sollte diese Schwierigkeiten eigentlich beheben. Es gebe aber noch Probleme bei der Anpassung der Software, sagte Thomas Grünewald von der Stiftung für Hochschulzulassung im DLF. Dennoch: Würde jeder solidarisch mitarbeiten, gäbe es einen reibungslosen Ablauf.

Thomas Grünewald im Gespräch mit Jörg Biesler | 30.09.2016

Eine Studentin liegt mit Ihrem Kopf auf einem Arbeitsheft.
Viele Studienanfänger sind verärgert angesichts der anhaltenden Probleme bei der Studienplatzvergabe. (imago)
Jörg Biesler: Gestern haben wir berichtet über die Bauchschmerzen bayrischer Politiker und den Unmut von Studierenden angesichts der anhaltenden Probleme bei der Studienplatzvergabe. 2009 wurde dafür die Stiftung für Hochschulzulassung gegründet als Nachfolgerin der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen ZVS. So richtig aber klappt das noch nicht, die meisten Studiengänge nehmen nicht an der zentralen Vergabe teil, es gibt, so heißt es, Probleme mit der Software, und in jedem Semester bleiben tausende Studienplätze unbesetzt. Daran, dass das besser wird, arbeitet die Stiftung seit fast sieben Jahren. Wo die Probleme liegen kann am besten Thomas Grünewald erklären, er ist Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium und Leiter der zuständigen Kommission bei der Kulturministerkonferenz. Mit ihm habe ich vor der Sendung gesprochen und ihn gefragt, wo die Schwierigkeiten liegen.
Zwei Drittel seien schon an das dialogorientierte Serviceverfahren angeschlossen
Thomas Grünewald: Erst mal, bevor wir von Problemen reden, reden wir doch einmal von dem, was klappt: was klappt, ist, dass 103 von 177 Hochschulen an das dialogorientierte Serviceverfahren angeschlossen sind.
Biesler: Zwei Drittel ungefähr also.
Grünewald: Das sind zwei Drittel, und jetzt kommt es drauf an, zu verstehen, für welche Art von Studiengängen das System denn gemacht ist. Es ist gemacht für die sehr großen Studiengänge, die überall in Deutschland eine örtliche Zulassungsbeschränkung haben und wo die Studienbewerberinnen und Studienbewerber es gewohnt sind, sich an ganz verschiedenen Hochschulen in ganz verschiedenen Städten zu bewerben, und dieses System funktioniert inzwischen tadellos. Das Beispiel, das ich da immer gerne nenne, ist das Fach Psychologie, das ist eines der hochumkämpften Fächer, also sehr, sehr viele Bewerbungen, und eine begrenzte Zahl von Studienplätzen, und die Psychologie läuft jetzt seit zwei oder drei Jahren über das dialogorientierte Serviceverfahren, und es gibt keine Fehler, nicht einen einzigen. Die Plätze werden alle besetzt, und die Bewerberinnen und Bewerber haben deutlich früher als in der Vergangenheit ihre Zusage auf einen Platz und also damit die Sicherheit, die sie brauchen.
Biesler: Das ist ja eine gute Nachricht, dass das in der Psychologie so gut klappt. Wenn man jetzt statistisch vorgeht – Sie haben gesagt nicht für alle Studiengänge ist das System gedacht, aber es nehmen eben einige Studiengänge dann doch noch außer Psychologie an dem System teil –, von den 4.000, wenn ich richtig informiert bin, zulassungsbeschränkten Studiengängen sind das ungefähr 750, also insgesamt nur 20 Prozent. Die anderen werden wieder kleckerweise klein, klein verteilt, also nicht über das große System. Wann wird es denn da klappen?
"Wir arbeiten mit den Hochschulen daran, dass wir bis 2018 alle zulassungsbeschränkten Studiengänge im System haben"
Grünewald: Erst mal, die 750, das wäre zu kurz gesprungen, das nur quantitativ zu betrachten. Sie müssen gucken, was für Studiengänge das sind. Das sind die Großstudiengänge. Das ist die Psychologie, das sind die Wirtschaftswissenschaften, das ist das Sozialwesen, das sind einige Ingenieurwissenschaften. Wir wir alle wissen, haben wir eine ganz riesengroße Vielfalt von Studienangeboten in Deutschland, aber die höchstnachgefragten, das sind dann doch nicht gar so viele, und deshalb würde ich gerne noch mal betonen, von den ganz wichtigen Studiengängen sind die meisten drin, und das ist eine gute und eine wichtige Botschaft. Wir arbeiten zurzeit mit der Stiftung und den Ländern und den Hochschulen daran, dass wir bis 2018 alle zulassungsbeschränkten Studiengänge im System haben.
Biesler: Das ist ziemlich zuversichtlich, aber da drücke ich Ihnen natürlich auch die Daumen, vor allen Dingen im Sinne auch der Studentinnen und Studenten oder jedenfalls derjenigen, die es werden wollen, denn das kann man ja nicht vom Tisch wischen, und über diese Probleme müssen wir einfach reden, dass es da immer noch ganz oft sehr, sehr späte Zusagen gibt, manchmal sogar, nachdem das Semester angefangen hat, zum Beispiel auch in Medizin, Pharmazie, Tiermedizin und Zahnmedizin, das sind ja Studiengänge, die dann tatsächlich zentral vergeben werden und wo es ein komplexes System gibt – ich verstehe auch, warum das komplex sein muss, es soll möglichst gerecht sein –, aber warum kommt es denn dazu, dass das so lange dauert, dass so spät die Zusagen erfolgen?
Grünewald: In der Medizin erfolgen die Zusagen nicht spät. Das ist ein völlig anderes Verfahren, das zentrale Verfahren.
Biesler: Genau.
Grünewald: Das wird erst vom Jahr 2018 an in das dialogorientierte Serviceverfahren integriert sein. Zurzeit läuft dieses zentrale Verfahren noch sowohl auf einer anderen IT-Plattform als auch in einem anderen Vergabeverfahren. Das Medizinverfahren in Deutschland läuft nicht spät, sondern läuft tadellos rund in den Routinen, die da seit Jahrzehnten entwickelt worden sind. Bei der Medizin haben wir in der Tat den höchstnachgefragten nationalen Studiengang, und alle medizininteressierten jungen Leute sind darauf eingestellt, sich an vielen verschiedenen Hochschulen in der Republik zu bewerben, und das ist jetzt natürlich ein komplizierter Prozess des Ausgleiches der Bewerbungen mit den verfügbaren Studienplätzen, aber ich kann nicht bestätigen, dass gerade das Medizinverfahren hierfür besonders lange braucht, und wir haben in der Medizin eine flächendeckende Besetzung aller Studienplätze und zwar jedes Jahr. Da bleiben keine offen.
Biesler: Wir haben berichtet darüber, auch gestern wieder gehört, dass es drei Tage vor Beginn des Semesters eine Zusage gab in einem Medizinstudiengang, aber das sind Fälle, die wir jetzt hier nicht diskutieren und nachprüfen können. Lange hieß es ja, die Software sei problematisch. Da gibt es ein neues System, aber da docken noch nicht alle Hochschulen dran an. Wann werden denn diese technischen Probleme möglicherweise behoben sein?
"Das ist Handwerk, das wird gemacht, das braucht seine Zeit, wird aber gelöst werden"
Grünewald: Also technische Probleme bestehen darin, dass die Campusmanagementsysteme, also die IT-Basis der Hochschulen, nicht in allen Fällen problemfrei mit dem zentralen System DOSV spricht. Ich sage das jetzt mal untechnisch. Da müssen Schnittstellen geschlossen werden, und dieses Schließen von Schnittstellen bedeutet Anpassung in der Software jeder Hochschule, und da haben wir bei über 250 Hochschulen in Deutschland sehr, sehr viele verschiedene Systeme. Das ist Handwerk, das wird gemacht, das braucht seine Zeit, wird aber gelöst werden.
Biesler: Braucht sieben Jahre inzwischen schon, was vielleicht auch was damit zu tun hat – lassen Sie mich da mal spekulieren –, dass nicht jede Hochschule ein großes Interesse hat, an dem Verfahren teilzunehmen. Auch das hörten wir gestern im Beitrag aus München, dass die TU zum Beispiel sagt, diese Vergabe ist für uns völlig irrelevant, wir sehen uns als eine international agierende Hochschule, und da stört uns ein solches System eigentlich nur.
Grünewald: Das muss jede Hochschule für sich selbst beantworten. Jede Hochschule hat das Interesse, ihre Studienplätze mit den besten jungen Leuten zu besetzen, und wie sie das macht, da gibt es verschiedene Wege. Die TU München ist ja eine, die sehr, sehr ehrgeizig und auf eine sehr vorbildliche Weise selbst Studierende auswählt, testet, vergleicht. Es kann jede Hochschule selbst entscheiden, wie sie das macht, und letztlich liegt es in der Strategie einer Hochschule begründet, ob sie glaubt, dass sie ihre Studienplätze besser besetzen kann, wenn sie am dialogorientierten Serviceverfahren teilnimmt oder ob sie besser damit fährt, ihre Studierenden selbst auszuwählen und auf diese Weise ihre Studienplätze optimal zu besetzen. Da müssen wir natürlich auch sagen, dass wir sehr autonome Einrichtungen haben. Hochschulen dürfen und sollen und müssen auch sehr vieles selbst entscheiden. Im öffentlichen Interesse liegt es, dass von den kostbaren Studienplätzen keine frei bleiben.
Biesler: Genau, das Problem entsteht ja dann, wenn die Hochschulen selber auswählen, wählen die vielleicht den gleichen Bewerber aus, zwei, drei unterschiedliche Hochschulen, und dann sind zwei Plätze noch mal neu zu vergeben, dadurch kommt ja diese ganze Dominokette immer ins Rollen.
"Darin liegt der Vorzug, und wenn alle Hochschulen solidarisch teilnehmen, geht das Verfahren sehr viel schneller"
Grünewald: Das ist der Marktmechanismus in dem ganzen Spiel. Die guten Leute haben die Auswahl, die dürfen sich natürlich entscheiden, ob sie lieber den einen angebotenen oder den anderen angebotenen Studienplatz nehmen wollen, und dieses Nachbesetzen von dann wieder freigegebenen Studienplätzen ist ja die hohe Kunst des dialogorientierten Serviceverfahrens. Gerade darin liegt der Vorzug, und wenn alle Hochschulen solidarisch wie in der Psychologie an dem Verfahren teilnehmen, geht das Verfahren des Besetzens der Studienplätze sehr viel schneller, und es bleibt keiner frei.
Biesler: Das ist jetzt noch mal ein Appell von Thomas Grünewald an die Hochschulen, die sich offensichtlich manchmal nicht ganz sicher sind, ob sie eigentlich teilnehmen wollen am zentralen Verfahren der Studienplatzvergabe. Er ist Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium und Vorsitzender des Stiftungsrates der Stiftung für Hochschulzulassung. Vielen Dank, Herr Grünewald!
Grünewald: Ja, besten Dank und alles Gute!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.