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Sturm auf die Bastille
Die Zerstörung der Tyrannenfestung

Am Morgen des 14. Juli wurden das Waffendepot im Hôtel des Invalides in Paris geöffnet, danach drängten die Massen zur Bastille, einer Gefängnisfestung, die den Zugang zur Vorstadt Saint-Antoine versperrte. Im Laufe des Tages wurde dieses Symbol der Monarchie gestürmt, das war der Anfang der Französischen Revolution vor 225 Jahren.

Von Jochen Stöckmann | 14.07.2014
    Peter Weiss:
    "Paris, das war die Metropole der Dichtung, der Malerei, der Philosophie. Paris, das waren die Volksmassen, die sich mit Stöcken, Hacken, Brecheisen hermachten über die in Rauch gehüllte Bastille, das war der Triumph der Hände über versteinerte Tyrannei, das war das Gewühl winziger Menschen zwischen dem Aufgetürmten, Gewaltigen."
    Man könnte meinen, die Pariser Gefängnisfestung mit ihren auf acht mächtigen Türmen postierten Kanonen sei eben erst gefallen. Ganz nah führt Peter Weiss in seiner „Ästhetik des Widerstands" den Fall der Bastille vor Augen. Tatsächlich lag der 14. Juli 1789 gut anderthalb Jahrhunderte zurück. Aber in der Sicht des Schriftstellers war der Sturm des hungernden Volks von Paris auf das Symbol der verhassten, im luxuriösen Versailles residierenden Monarchie nicht nur der Auftakt zur Französischen Revolution. Es war der Wendepunkt der Neuzeit:
    Karl Hillebrand:
    "Bis dahin herrschte im darbenden Volke die Resignation. Die Masse ergibt sich in ihr Geschick: ‚Wenn eine Mauer gar zu hoch ist, denkt man nicht einmal daran, sie zu erklettern.' Jetzt aber, 1787, 1788, wird Abschaffung des Missstandes versprochen, überall sogar der Anfang gemacht: Es ist also doch möglich zu reagieren!"
    Karl Hillebrand, Frankreichkenner und Sekretär von Heinrich Heine, hatte um 1880 analysiert, wie auch zaghafte Verbesserungen den Weg zu gewaltsamen Umwälzungen öffnen können. Unter Ludwig XVI. war es Jacques Necker gewesen, der die Steuerlast gerechter verteilen wollte und eine Generalversammlung aller Stände einberief, dann aber als Finanzminister entlassen wurde. All das spielte sich im fernen Versailles ab, war Kabinettspolitik hinter verschlossenen Türen. Erst mit dem Sturm von einigen tausend Parisern auf die Bastille betritt das Volk die politische Bühne. Mit durchschlagendem Erfolg:
    Camille Desmoulins
    "In diesem Augenblick legt man die Bastille nieder; Necker ist zurückberufen; der Gouverneur der Bastille ist enthauptet; etwa hundert Menschen sind bei der Bastille umgekommen."
    Camille Desmoulins startet seine politische Karriere auf den Trümmern der Bastille. Was der Propagandist der Revolution als Heldentat feiert, wird nur wenige Jahrzehnte später ganz anders gesehen:
    Robert Musil:
    "Le Bon erzählt die Tötung des Gouverneurs der Bastille: Zufällig hatte er einen stellenlosen Koch mit dem Fuß gestoßen. Die Menge beschloss, dass dieser ihn eigenhändig hinrichten solle. Der Koch sagt aus Patriotismus ja. Er versucht dem Gouverneur den Kopf abzuschlagen, aber der Säbel ist nicht scharf genug. Da macht er es mit seinem Taschenmesser, geschickt wie er als Koch ist."
    Dieses blutige Geschäft übernimmt in der Revolution die Guillotine, jenes mechanische Fallbeil, unter dem auch Ludwig XVI. endet. Der König war nicht ganz unschuldig an der Eskalation der Gewalt: Er hatte auf Hungerrevolten mit einer militärischen Belagerung der Stadt reagiert. Doch noch am späten Abend des 14. Juli gibt ihm ein enger Vertrauter zu verstehen, dass diese Drohgebärde ihren Zweck verfehlt hat:
    Filmausschnitt: Die Französische Revolution:
    Sire, die Pariser haben die Bastille gestürmt!
    Die Pariser die Bastille? Wozu denn das? Ist das eine Revolte?
    Nein, Sire: eine Revolution!"
    Hatte anfangs noch eine dreiköpfige Bürger-Delegation den Gouverneur der Bastille beim Gabelfrühstück in aller Form gebeten, die Kanonen einzuziehen, war es bald mit diesem Respekt vor staatlichen Autoritäten vorbei. In einer spontanen Reaktion kam es zum Sturm auf die strategisch völlig unbedeutende mittelalterliche Festung. Für die einen war es das „Volk", der bis dahin rechtlose „dritte Stand". Die anderen sprechen von „Kanaille", von „Pöbel" und „Gesindel", von Anarchie, die dann zur Schreckensherrschaft der Guillotine geführt habe.
    An die geschleifte Bastille erinnert nur noch der leere Platz gleichen Namens – auf dem aber immer noch der Mythos der Revolution beschworen wird. Etwa 2012 im Wahlkampf des Sozialisten Jean-Luc Mélenchon:
    Jean-Luc Mélenchon:
    "Geist der Bastille, der auf diesem Platz zum Ausbruch kam! Hier, wo alle unsere Revolutionen begonnen haben. Vor allem aber die erste Revolution von 1789, die die Festung der Tyrannen hinweggefegt hat."