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StartseiteBüchermarktSprengmeister Friedrich Nietzsche05.08.2020

Sue Prideaux: "Ich bin Dynamit"Sprengmeister Friedrich Nietzsche

"Abstand halten" - der Philosoph Friedrich Nietzsche hat die heutige Parole noch überboten und forderte ein "Pathos der Distanz". Er sah sich als Sprengmeister, der alles, was moralisch eingefordert wurde, in die Luft jagte. Ist er daran zerbrochen? Eine Biografie der Kunsthistorikerin Sue Prideaux gibt Auskunft.

Von Ruthard Stäblein

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Zeitgenössisches Porträt des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche (picture alliance / Bifab)
Friedrich Nietzsche - zunächst ein akademisch fleißiger Stubenhocker, dann wurde er an der Luft zum Freigeist (picture alliance / Bifab)
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Was aktuell gefordert wird, praktizierte und predigte Nietzsche sein Leben lang: Abstand halten. Er nannte es: "Pathos der Distanz".  Oder auch "azurne Einsamkeit". Stundenlange Wanderungen auf einsamen Wegen waren sein Heilmittel gegen ständige Anfälle von Migräne.

Beim Gehen kam er auf seine Ideen, "durchkaute" er sie. Und beim Spazieren fand er auch seinen Stil. Er schrieb dabei seine Notizen auf, Aphorismen, Fragmente, kurze Essays. Nur kein System. Die Gotteshäuser waren ihm zu eng und zu niedrig. Er suchte seine Götter unter dem offenen Himmel, in Freiheit. Nachdem er zuerst ein akademisch fleißiger Stubenhocker war, wurde er an der frischen Luft zum Freigeist.

Friedrich Nietzsche auf der Repro eines undatierten Plakates. (picture-alliance / Zentralbild ) (picture-alliance / Zentralbild )Friedrich Nietzsche: Multitalent und Vordenker
Eigentlich sollte der Pastorensohn Friedrich Nietzsche Theologe werden. Doch er entschied sich für die Philologie. Ohne vorherige Habilitation berief ihn die Universität Basel zum Professor. Für ihn war das nicht genug. 

Das Leben als Kunstwerk

Schon mit 24 Jahren wurde Nietzsche Professor für Philologie in Basel, schrieb für Richard Wagner "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik". Aus der Begegnung von Traum und Rausch, Bewusstem und Unbewusstem; personifiziert durch die griechischen Götter Apollo und Dionysos. Nietzsche begeisterte sich in dieser Schrift für den Wagner-Effekt:

"Singend und tanzend äußert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen. Aus seinen Gebärden spricht die Verzauberung. Wie jetzt die Tiere reden, und die Erde Milch und Honig gibt, so tönt auch aus ihm etwas Übernatürliches: als Gott fühlt er sich, er selbst wandelt jetzt so verzückt und erhoben, wie er die Götter im Traume wandeln sah. Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist Kunstwerk geworden."

Das Leben ist nur als Kunstwerk gerechtfertigt, lautete die frohe, die pathetische Botschaft von Nietzsche. Aber von Wagner löste er sich schon bald. Denn der Betrieb von Bayreuth ekelte ihn. Genauso wie Wagners anschwellender Nationalismus, Wagners Hass auf die Juden. Auch als Professor von Basel ließ er sich früh beurlauben. Da war er 35. Nietzsche ging auf Wanderschaft in den Süden, nach Sils Maria und nach Italien. So wurde er zum Europäer.

Das ist kurz gefasst die Entwicklung, wie sie die anglo-norwegische Biographin Sue Prideaux in ihrem Buch mit dem Titel: "Ich bin Dynamit" nachzeichnet. Ein Zitat von Nietzsche, in dem sich der Philosoph als Sprengmeister sah, der alles, was bis hin zu ihm geglaubt und moralisch eingefordert wurde, in die Luft jagte.

Mittlere Brücke über den Rhein, Nachtaufnahme, Basel, Kanton Basel-Stadt, Schweiz, Europa, (imago stock&people) (imago stock&people)Friedrich Nietzsches Antrittsvorlesung in Basel
1869 ernannte die Universität Basel den 24-jährigen Friedrich Nietzsche ohne vorherige Habilitation zum Professor für griechische Sprache und Literatur. Für den Vielbegabten begann eine bewegende Zeit. 

"Der Wille zur Macht" und die Nazis

Die Sprengkraft seiner Ideen nutzten jedoch auch die Nazis aus. Mit Begriffen wie "der Übermensch", die "Herrenmoral", der "Wille zur Macht", wurde Nietzsche zu einem Kronzeugen der Nationalsozialisten. Für Prideaux ist das ein Missverständnis.

Sie stellt Nietzsche in ein anderes Licht, rückt ihn weg von den Nazis. Gerade die viel zitierte Stelle, in der Nietzsche von der "blonden Bestie" redet, ist für sie "meilenweit entfernt" von den Nazi-Ideen einer deutschen Herrenrasse, die die Welt unterjochen will. Prideaux zeigt den Lebensweg nach, wie Nietzsche sich zu einem "guten Europäer" entwickelte. Wie er den deutschen Nationalismus anprangerte, sich über Bismarck und alle Deutschtümelei lustig machte. Sich vom deutschen Nationalisten und Wagner wegen dessen Antisemitismus immer schärfer distanzierte. Das ist gerade das Verdienst der Biographin Sue Prideaux.

Sie gibt aber auch zu, dass bestimmte Begriffe oder Bilder wie Nietzsches Rede von "vornehmen Rassen" und "dem Rudel blonder Raubtiere" Gefahren bergen: "Zweifellos enthalten diese Textstellen auch hässliche Elemente, die sich mühelos zur Anstachelung von Rassismus und Totalitarismus ausbauen ließen. Es wäre naiv, das Ansteckungspotenzial dieser Aussagen als Ausgangspunkt für die verbindende Kraft des Denkens einfach zu ignorieren."

Insgesamt verteidigt Prideaux ihren Nietzsche. Für sie hat der Dynamitkopf "Tunnel gesprengt", durch die wir "zu neuen Welten" aufbrechen können. Ihr Argument: Nietzsche sei ein Gegner von Systemen gewesen, ein Wanderer, der mit Ideen experimentierte und mit Gedanken spielte.

Dass Nietzsche sich als Held der Einsamkeit stilisierte und in dieser Selbststilisierung Gefahren lauerten, übersieht Sue Prideaux. In seiner selbstgewählten Isolation sah Nietzsche ein Zeichen des Auserwähltseins. Deshalb auch suchte er nach einsamen Erlöserfiguren wie Zarathustra. Der Gemeinsinn verlor für ihn an Bedeutung. Gemeinschaft das sei, so muss man Nietzsche verstehen, Gemeinheit, Herde, Sklaven und Sklavenaufstand, schäbige Moral wie ohnmächtiger Hass auf die Mächtigen, Neid, kurzum Ressentiment. Letztlich machte ihn jedoch diese Existenzform der Einsamkeit krank. Friedrich Nietzsche endete im Größenwahn.

Sue Prideaux bietet in ihrer Nietzsche-Biografie einen guten Einblick in den Lebens- und Wanderweg von Friedrich Nietzsche. Sie legt erkennbar Wert darauf, Nietzsche den Lesern nahezubringen. Das dürfte auch der Grund sein, weshalb ihre Biografie in den USA so gut ankam.

Friedrich Wilhelm Nietzsche und die Biographie über ihn von Sue Prideaux: „Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche" (Porträt: imago / Buchcover: Klett-Cotta Verlag) (Porträt: imago / Buchcover: Klett-Cotta Verlag)

Die Anglo-Norwegerin ist sich aber leider nicht sicher in Geographie und deutscher Geistesgeschichte. Naumburg liegt für sie im "finsteren und bedrohlichen Thüringer Wald". Hölderlin verlor bei ihr "zum Ende" statt in der Mitte seines Lebens den Verstand, und der Philosoph Artur Schopenhauer war – anders als sie schreibt – bereits berühmt, als Nietzsche ihn für sich entdeckte.

Auch die Übersetzung hakt gelegentlich. Ein Beispiel: Richard Wagner benutze in seiner Redeweise Wortspiele und "Barbarisches", heißt es im Buch. Richtig wäre: Er benutzte Barbarismen, also Wortneuschöpfungen. Manche Sätze klingen ziemlich umständlich und verknotet. Aber schon bei Prideaux selbst.

Nietzsche und die Frauen

An Fahrt gewinnt Prideaux, wenn sie von Orten erzählt, die sie selbst besucht hat, zum Beispiel die Villa von Tribschen, in den Schweizer Bergen, wo Nietzsche mit Cosima und Richard Wagner für kurze Zeit in trauter Dreisamkeit lebten. Einen eigenen Akzent setzt sie, wenn sie Nietzsches Umgang mit Frauen schildert. Gegen das weitverbreitete Urteil von Nietzsche als Frauenhasser setzt sie das Bild von Nietzsche, der sich in weiblicher Gesellschaft wohl fühlt und von frühen Frauenrechtlerinnen verehrt wird, wie zum Beispiel von der wohlhabenden Aristokratin Meta von Salis.

"Sie war zehn Jahr jünger als Nietzsche und eine der 'Neuen Frauen', der Feministinnen, die sich zu einem unabhängigen geistigen Leben ermutigt sahen.
Sie sprachen über Dostojewski. Beim gemeinsamen abendlichen Spaziergang am See entlang zum Zarathustra-Felsen hatte Nietzsche Tränen in den Augen. Meta hatte Nietzsche im vergangenen Sommer das Rudern auf dem See beigebracht."

Diese engagierte Feministin Meta von Salis spendete hohe Summen für den Druck von Nietzsches Werken.

Manchmal jedoch schießt Prideaux über das Ziel hinaus. Dann ist sie ergriffen von des Denkers "imponierender Stirn", seinem "entschlossenen Kinn", seinen "sinnlichen", "vollen und wohlgeformten Lippen, die Lou-Andreas Salome als eine der wenigen Frauen küssten."

Prideaux kann gut Anekdoten aufbereiten und Nietzsches Leben lebhaft schildern. Was ihr aber fehlt, ist eine starke These. Dazu ist sie philosophisch zu wenig bewandert. Ihr Buchtitel verspricht Dynamit, aber bietet doch zu wenig Sprengkraft. Das Meiste ist nur nacherzählt. Aber wie sie das macht, ist erfrischend. Und frische Luft können wir gerade brauchen.

Sue Prideaux: "Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche."
Aus dem Englischen von Thomas Pfeiffer und Hans-Peter Remmler
Klett & Cotta Verlag, Stuttgart. 559 Seiten. 25 Euro.

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