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StartseiteKultur heute"Ich hoffe, die ganze Geschichte deeskaliert"18.04.2018

Taboris "Mein Kampf" am Theater Konstanz"Ich hoffe, die ganze Geschichte deeskaliert"

Wirbel um Taboris "Mein Kampf" am Theater Konstanz: Besucher mit Hakenkreuz dürfen gratis hinein. Wer möchte, kann einen Davidstern tragen. Theaterintendant Christoph Nix sagte im Dlf, sein Haus wolle mit den Besuchern reden, die sich für das Hakenkreuz entscheiden. Das Anheften des Davidstern hält er im Übrigen für "problematischer".

Christoph Nix im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

Inszenierung von Taboris "Mein Kampf" am Theater Konstanz (Theater Konstanz / Ilja Mess)
Inszenierung von Taboris "Mein Kampf" am Theater Konstanz (Theater Konstanz / Ilja Mess)
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Doris Schäfer-Noske: Das Theater Konstanz ist plötzlich in aller Munde. Ob es dabei um Kunst geht, prüft noch die Staatsanwaltschaft. Auf jeden Fall haben wir es aber mit einem Tabubruch zu tun: Das Theater hat nämlich Besuchern der Aufführung "Mein Kampf" – einer Farce von George Tabori - Freikarten angeboten, wenn sie während der Vorstellung eine Hakenkreuz-Binde tragen. Und das Tragen von national-sozialistischen Symbolen ist in der Öffentlichkeit verboten. Die Aktion wurde am vergangenen Wochenende bekannt. Und inzwischen haben sich tatsächlich Dutzende Interessenten gemeldet. Die Premiere findet darüber hinaus auch noch ausgerechnet am 20. April statt – also an Hitlers Geburtstag. - Frage an den Intendanten des Theaters Konstanz, Christoph Nix: Sie sind ja auch Jurist. Was machen Sie denn, wenn die Neo-Nazis aus Konstanz Hitlers Geburtstag diesmal bei Ihnen feiern?

Christoph Nix: Das kann gar nicht passieren, weil wir einen Überblick haben über die Karten, die wir verkauft haben, und wir wissen, sind im Übrigen aber auch mit nationalistischen Angriffen geprobt. Wir haben das ja erlebt, als wir ein Stück über den Völkermord der Armenier gemacht haben, und sind fast überrannt worden von einer Demonstration mit tausend nationalistischen Türken. Also ich denke, wenn ein Theater eine Relevanz entwickelt, dann muss es behutsam sein in ethischen Fragen, und es geht ja um eine ethische Frage, nicht um eine rechtliche mit dem Hakenkreuz, wie weit ist das im Kunstbereich auch ethisch vertretbar. Kurzum: So etwas wird nicht passieren, weil ich einen Überblick über die Karten habe.

"Wir haben einen Überblick"

Schäfer-Noske: Das heißt, Sie wissen, wer diese Karten bestellt hat?

Nix: Ja, wir haben das sehr seriös gemacht. Es gibt insgesamt für diese Premierenvorstellung sechs oder acht Menschen, die gesagt haben (auch die Kassenfrauen haben mir berichtet, da war eine Studentin dabei), ich möchte so eine Karte haben. Wir haben da einen Überblick und wir haben außerdem auch ein Sicherheitskonzept. Das ist nicht der Punkt.

Der Punkt ist, ob wir falsch verstanden worden sind, und das macht mir viel mehr Sorgen. Denn dieses Haus steht ja nicht für Publicity und für billige Gags oder so was, sondern das steht eigentlich dafür, dass wir eine sehr klare politische Haltung haben gegen die Rechtsentwicklung in Deutschland und meinen, da ist einfach sowohl in den Medien als auch zivilgesellschaftlich viel zu wenig getan worden. Deshalb haben wir den Tabubruch gemacht und nur aus diesem Grunde. Serdar Somuncu (rechts) und Theater-Intendant Christoph Nix (Mitte) bei der Pressekonferenz zur "Mein Kampf"-Inszenierung in Konstanz (dpa/picture-alliance/Felix Kästle) Serdar Somuncu (rechts) und Theater-Intendant Christoph Nix (Mitte) bei der Pressekonferenz zur "Mein Kampf"-Inszenierung in Konstanz (dpa/picture-alliance/Felix Kästle)

Schäfer-Noske: Aber wie verstehen Sie das denn, wenn eine Studentin sagt, sie möchte so eine Freikarte haben und sich mit einer Hakenkreuzbinde in Ihre Vorstellung setzt?

Nix: Das gibt uns die Chance, mit ihr zu reden. Wenn Menschen entweder so lethargisch sind oder so ignorant gegenüber diesen Symbolen schon in der Nachfolgegeneration, dann sind wir ja nicht diejenigen, die das wecken, sondern wir machen das sichtbar, und das ist was anderes.

Schäfer-Noske: Sie würden dann nachher mit dieser Studentin oder mit denen, die da sitzen, noch sprechen? Oder wie gehen Sie denn mit dieser Reaktion um?

Nix: Ja. Die Dramaturgen, das Hauspersonal ist da, das gesamte Marketing ist da. Es gibt auch jetzt eine Bestellung aus der Schweiz, wo wir telefonisch Kontakt aufgenommen haben. Wir lassen so was nicht einfach durchlaufen und machen das mal lustig, lustig, sondern wir machen uns die Mühe zu schauen, warum ist in dieser Region die Banalität des Bösen so groß. Das ist das Thema gewesen, warum wir das gemacht haben.

"Tabori hat den Tabubruch begangen"

Schäfer-Noske: Ihr Regisseur Serdar Somuncu hat ja auch zum Ziel der Aktion erklärt, dass man zeigen will, wie schnell man Menschen korrumpieren kann. Aber was hat denn das Ganze eigentlich mit Tabori zu tun? Sein Stück erzählt ja vom künstlerischen Versagen Hitlers, der in einem Wiener Männerwohnheim dann vom Juden Herzl psychisch aufgepäppelt wird. Wo ist da der Zusammenhang?

Nix: Tabori hat den Tabubruch begangen, einen radikalen Tabubruch, und hatte einen unglaublichen Aufstand von konservativen jüdischen Kreisen gegen dieses Stück. Weil er sagt noch was ganz anderes: Schlomo Herzl sagt in dem Stück: "Ich habe einen Fehler gemacht. Ich war zu jung, um zu wissen, dass Menschen die Liebe nicht annehmen können, die ich ihnen geben konnte", und hat da einen Versuch gemacht, wo jeder andere oder wo ich auch vorsichtig wäre, der nicht jüdischen Glaubens ist, eine psychologische Deutung gegeben für das Hitler-Phänomen. Darin lag der Tabubruch, den er begangen hat.

Der, den wir, der ja im Moment nur fantasiert ist – es gibt ja keine Symbole. Im Moment wird darüber debattiert. Wenn ein Theater gesagt hat, wir machen auf Wunsch – und das ist mir wichtig, da noch mal zu sagen – des Regisseurs und nicht auf Wunsch des Intendanten, wie der "Spiegel" falsch berichtet hat, eine Aktion, in der Menschen sich plötzlich entscheiden müssen und polarisiert werden. Das war im Grunde genommen ein Teil seiner Inszenierung gewesen. Und rechtlich ist es völlig klar, dass es Teil der Inszenierung ist, weil wir sehr geschützt haben, dass, wenn Symbole rausgegeben werden, das nur im Bühnenraum geschieht und die auch an den Türen wieder abgegeben werden. Das heißt, das ist, wenn Sie so wollen, ein sehr wagemutiges und leicht missverständliches soziales Experiment in der Frage, wie korrumpierbar sind die Menschen. Und die Frage, die wir uns zu stellen haben: Wann hat meine Großmutter oder mein Großvater irgendwann gesagt, jetzt trage ich dieses Ding auch? – Von meinem Großvater weiß ich das, die Großmutter hat sich vehement dagegen geweigert. Diesen Prozess kann man ja nicht billig wiederholen, aber man kann den Versuch machen, und das ist es bei uns gewesen. Aber Tabori hat den Tabubruch begangen, indem er Hitler sozusagen zu einem partiell bedürftigen und dann aggressiv vernichtenden Wesen gemacht hat. Das ist, glaube ich, der Punkt.

Nicht mit Kritik aus progressiven jüdischen Kreisen gerechnet

Schäfer-Noske: Nun findet die Premiere ja auch noch ausgerechnet an Hitlers Geburtstag statt, und die deutsch-israelische Gesellschaft in der Bodensee-Region und die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Konstanz haben zum Boykott des Stückes aufgerufen.

Nix: Ja.

Schäfer-Noske: Haben Sie auch damit gerechnet?

Nix: Ich habe mit den progressiven jüdischen Kreisen nicht gerechnet. Wir haben auch andere Stimmen. Ich habe gerade gestern von jüdischen Freunden aus Freiburg die Mitteilung bekommen, wir gratulieren zu dieser Idee, man muss die Tabubrüche neu setzen. Ich habe damit gerechnet, dass es eher aus konservativen Kreisen kommt, und mit den liberaleren jüdischen Kreisen mache ich mir eher den Vorwurf, dass wir zu wenig miteinander gesprochen haben, obwohl genau alle die wissen, dass wir in vielen Theaterprojekten zusammenarbeiten. Aber ich verstehe das oder ich habe mehr als Verständnis dafür, dass dieses sensible Thema erst mal so viel Emotionen und auch Wut weckt und wir zur Projektionsfläche werden – zum Teil ja für das Böse, das wir nicht sind, sondern wir machen es offenbar, und das ist die Aufgabe von Theater.

Anstecken des Davidsterns "viel problematischer"

Schäfer-Noske: Sie haben auch gesagt, oder Serdar Somuncu hat gesagt, wer eine Karte kauft, kann als Zeichen der Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft einen Davidstern tragen. Aber ist diese Übernahme der Opferrolle durch das Anheften des Judensterns nicht eine totale Anmaßung?

Nix: Ich sehe darin auch sehr schnell eine Bagatellisierung. Ich finde das, um Ihnen das ehrlich zu sagen, viel problematischer als die Hakenkreuz-Geschichte. Und ich gebe Ihnen da recht, dass sozusagen die Entscheidung eines Zuschauers, ich bin in dem Moment solidarisch, das ist schon im Grunde ja ein großes Zeichen, was man kaum leisten kann.

Somuncu bezieht sich darauf, auf Aktionen, an denen er beteiligt war im Konzentrationslager Buchenwald, wo die Personen, die mitgehen auf diesen Märschen, im Gedenken auch sich den Davidstern an das Revers heften als ein Ausdruck von Verbundenheit. Das hat nicht er empfunden, sondern er hat es im Grunde genommen aus einem eigenen Erlebnis hierher transportiert.

Schäfer-Noske: Womit rechnen Sie denn jetzt am Freitag?

Nix: Ich rechne zunächst mal damit, dass Somuncu in seinem Stück verstanden wird. Ich hoffe, dass er gut gearbeitet hat. Natürlich gehe ich auf die Proben. Und ich hoffe, dass die ganze Geschichte deeskaliert. Damit rechne ich.

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