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Theater Konstanz
Brücken bauen nach Afrika

Der Intendant des Theaters Konstanz, Christoph Nix, hält schon seit Langem gute Kontakte zu Kulturschaffenden in afrikanischen Ländern. Durch den Austausch will er nicht nur Klischees durchbrechen. Seine Hoffnung: Das Theater könne an der Veränderbarkeit der Welt mitarbeiten.

Christoph Nix im Gespräch mit Stefan Koldehoff | 25.11.2014

    Christoph Nix, der Intendant des Theaters Konstanz
    Christoph Nix, der Intendant des Theaters Konstanz (dpa/picture alliance/Patrick Seeger)
    Stefan Koldehoff: Fünf Tage lang hat der Intendant des Theaters Konstanz, Christoph Nix, den deutschen Außenminister auf dessen Afrika-Reise begleitet, die nach Südafrika, Ruanda und in die Demokratische Republik Kongo führen sollte. Wenn es das gewesen wäre, hätten wir diesen Besuch wahrscheinlich am Ende dieser Sendung im Meldungsblock berücksichtigt. Nun unterhält das Theater Konstanz aber selbst Partnerschaften mit Theatergruppen in Malawi, Togo und Burundi, und da wird es natürlich für eine Kultursendung interessant. Denn: Christoph Nix appelliert an seine deutschen Kollegen, auch die kulturelle Zusammenarbeit mit Afrika zu verstärken, um gerade solchen Ländern, in denen Bürgerkrieg ist, wie Ruanda und Burundi, kulturelle Anerkennung und Perspektiven zu vermitteln. Herr Nix, warum diese Kooperation? Welche Idee steckte da am Anfang dahinter?
    Christoph Nix: Ja wenn man nicht so tut, als gäbe es nur das Handeln aus schlechtem Gewissen, oder aus konzeptionell neuen ästhetischen Gründen, dann hat es eigentlich nur einen geografischen Hintergrund gehabt. Ich bin in den 90er-Jahren, weil einer meiner Studenten - ich habe ja zunächst als Professor Jura gelehrt - in Uganda ein Projekt mit Straßenkindern gemacht hat und mich gebeten hat, da mitzufahren, damit ich dort mit den Kindern Theaterprojekte mache, und das hat schon in meinem Leben was verändert. In dem Sinne, als dass ich glaube, es ist so ungeheuer wichtig, dass wir Afrika nicht nur als den leidenden Kontinent erleben, sondern dass wir meistens ungeheuer viel geschenkt bekommen, und zwar selbst in den Ländern, in denen Armut herrscht. Nachdem ich in Uganda dann eine Theatergruppe aufgebaut habe in einem der Slums und auch im Kindergefängnis gearbeitet habe, dann war meine Botschaft ganz bescheiden: Du bist wichtig. Das war eigentlich vielleicht mein Credo, was ich in der Theaterarbeit herstellen konnte, wenn man eigene traumatisierte Konflikte aufgearbeitet hat. Da waren dann auch Kinder aus Ruanda gewesen. Und als ich Intendant hier in Konstanz wurde, war wichtig, dass diese Stadt endlich mal aufmacht, und ich bin 2008 mit Frank Steinmeier auf einer Staatsreise in Togo gewesen und habe dort Dinge erlebt, die uns beschämen könnten. Togoische Schauspieler, die gar keine Schauspielschule oder so was haben, haben uns Brecht-Gedichte in deutscher Sprache aufgesagt, zum Beispiel die Fragen eines lesenden Arbeiters. Daraus sind dann Partnerschaften entstanden, das hat sich im Haus intensiviert, es sind Freundschaften entstanden und das hat eine Stabilität bekommen, eine Stabilität in der Hinsicht, als dass wir tatsächlich gelegentlich in Togo spielen. Ich habe dort Beckett gemacht, Warten auf Godot, und die Kolleginnen und Kollegen aus Malawi kommen zu uns und erzählen uns etwas über ihre Realität, indem sie spielen.
    "Wie eine Therapie"
    Koldehoff: Ich stelle jetzt nicht die blöde Frage, wer da wem mehr gibt, wir Deutsche den Afrikanern, oder die Afrikaner uns Deutschen. Aber was ich schon gerne wüsste ist: Was kann Theater, was Politik oder Sozialarbeit zum Beispiel nicht können?
    Nix: Ich glaube schon, dass wir durch den Austausch unserer Gesänge, durch bestimmte Bewegungsmuster, die wir haben, auch Klischees durchbrechen: Die Afrikaner bewegen sich eleganter als wir, oder die Lateinamerikaner und wir reden nur. Der Kolonialismus hat aus vielen afrikanischen Theatermachern Leute gemacht, die unentwegt nur am Reden sind, und eigentlich war es manchmal umgekehrt, dass ich in der Arbeit sage, lasst uns doch mal überlegen, wie wir hier an eine Choreografie kommen. Und mit dem geben und nehmen - wenn man nicht als Postkolonialist da hinkommt, dann ist es meist so: Wenn ich zurückkomme, hat mal einer meiner Assistenten gesagt, fahren Sie doch öfters dahin, das ist wie eine Therapie für Sie und Sie haben eine große Gelassenheit, wenn Sie zurückkommen. Das klingt jetzt ein bisschen makaber, aber ich meine es so. Es relativiert zumindest für eine Zeit lang vieles von dem, was wir meinen, wo wir drunter leiden würden.
    Koldehoff: Konstanz muss aufmachen, haben Sie gerade gesagt. Was kommt an in der Stadt? Hat Konstanz aufgemacht?
    Nix: Ja, Konstanz hat eines der liberalsten Publicy, die ich jedenfalls als Intendant erlebt habe. Es ist eher so, dass das nicht mehr ganz so exotisch ist, wenn man dann die togoischen oder burundischen Schauspieler kennenlernt, oder auch Schauspieler bei dem einen oder anderen Theaterfreund zuhause leben, eigene konkrete Erfahrungen zu machen mit Menschen aus einem anderen Kontinent, die dann nicht nur unter der Matrix des Asylsuchenden oder des Boat People gesehen werden, sondern eines klugen Intellektuellen, der auch hier was mitnehmen will, wenn er zurückgeht in sein Land.
    "An der Veränderbarkeit der Welt mitarbeiten"
    Koldehoff: Sie werden, Herr Nix, immer wieder auch Rückschläge verkraften müssen. Ruanda, Kongo hätte jetzt mit auf dem Reiseplan stehen sollen, hat nicht geklappt. Ebola ist möglicherweise ein Thema. Wie verarbeiten Sie solche Rückschläge?
    Nix: Ach, das hatte ich - gerade vorgestern ist einem unserer Schauspieler dort - wir haben zusammengelegt und haben dem ein kleines Taxi gekauft, damit der irgendwie versuchen kann zu leben, für 1.800 Euro. Das ist vorgestern zum Beispiel gestohlen worden. Und in den Ländern selber haben wir ja auch Übergriffe erlebt, in Malawi. Wie geht man mit Enttäuschungen um? - Zunächst mal - und das ist mir, glaube ich, wichtig, dass ich es noch mal betone - ist ja Steinmeier überhaupt der einzige Außenminister, der Kulturleute mitnimmt auf solche Reisen. Das hat es ja vorher gar nicht gegeben. Das war Willy Brandt gewesen, und man bindet das auch mit in die Arbeit ein, damit zu dem einfachen Reden andere Austauschformen hinzutreten, und das sind dann natürlich auch Dinge, wo man das Gefühl hat, selbst wenn man hier nicht immer akzeptiert ist vor Ort oder in der Kulturpolitik Baden-Württembergs, dass dieses kleine Theater zumindest den Konjunktiv formuliert, dass das Theater an der Veränderbarkeit der Welt mitarbeiten könnte, wenn ich es mal so vorsichtig formulieren darf, und das ist vielleicht dann auch die Tröstung.
    Koldehoff: Der Intendant des Theaters Konstanz, Christoph Nix, zurück aus Afrika.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.