Dienstag, 16. August 2022

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Thüringer Bachwochen im Luther-Jahr
"Es gibt viele Bezugspunkte, wo Bach direkt auf Luther fußt"

In diesem Jahr stehen die Thüringer Bachwochen unter besonderen Vorzeichen: Denn 2017 feiern die Protestanten auch 500 Jahre Martin Luther. Die bachsche Kirchenmusik sei ohne Luther nicht möglich gewesen, sagte der musikalische Leiter der Bachwochen, Silvius von Kessel, im DLF. Zwar habe es Kirchenmusik schon vorher gegeben, aber Bach sie erst zur Reife gebracht.

Silvius von Kessel im Gespräch mit Christoph Heinemann | 07.04.2017

    Silvius von Kessel, künstlerischer Leiter der Thüringer Bachwochen
    Bach habe in seinem Schaffen oft auf Choräle von Luther zurückgegriffen und diese zur Vollendung gebracht, erklärte der Organist Silivius von Kessel im DLF. (picture-alliance / dpa / Martin Schutt )
    Christoph Heinemann: In den kommenden Tagen zieht es wieder viele Menschen zu Bach. Kirchenchöre haben monatelang geprobt, überall im Land stehen die Passionen des Thomaskantors auf dem Programm. In einem besonderen Jahr, denn vor einem halben Jahrtausend löste ein Erfurter Augustinermönch ein historisches Erdbeben aus.
    1483 wurde dieser Martin Luther in Eisleben geboren. 200 Jahre später lag in einer Wiege in Eisenach ein kleiner Junge, der auf den Namen Johann Sebastian getauft wurde.
    Bach und Luther, die beiden Heiligen des Protestantismus, führen die Thüringer Bachwochen in diesem Jahr zusammen, und zwar von heute an. Vorsitzender und künstlerischer Leiter ist Silvius von Kessel, der Organist am katholischen Dom St. Marien in Erfurt und Professor für Orgel an der Hochschule Franz Liszt in Weimar. Ich habe ihn gefragt, ob Bachs Kirchenmusik ohne Luther denkbar gewesen wäre.
    Silvius von Kessel: Ja und nein. Das ist eine komplexe Frage. Ja, sie wäre denkbar gewesen auch ohne Luther, weil natürlich vorher auch schon eine große Kirchenmusiktradition da war. Wenn Sie allein an die frankoflämische Vokalpolyfonie denken, oder dann unmittelbar an Palestrina oder dann Gabrieli Monteverdi, bei denen Schütz gewesen ist, und das hat ja unmittelbar nach Deutschland gewirkt.
    Eine große Tradition hat bestanden und die hat auch sich ausgewirkt sehr stark in Deutschland, vor allen Dingen von Italien her. Insofern war das natürlich eine Tradition, die bestand und die sich weiterentwickelt hat.
    Aber nein, es wäre nicht möglich gewesen ohne Luther die bachsche Kirchenmusik. Nein, weil Bach sich natürlich auf viele Choräle Luthers bezogen hat und der Stellenwert der Kirchenmusik einfach größer war im Luthertum.
    Das hängt damit zusammen, dass es so wie ein integraler Bestandteil des Gottesdienstes ist, während es in der Katholischen Kirche im Reigen der Künste war. Die Musik war natürlich ebenso präsent und der Katholizismus ist insgesamt natürlich sehr kulturfreundlich, aber ist wie gesagt ein Reigen der Künste. Die Liturgie ist insgesamt sehr reichhaltig und die Musik hat deswegen nicht so eine solitäre Funktion. Und die hat sie im Luthertum ganz sicher und das führt auch zu einem Amt wie dem des Kantors oder des Thomaskantor in Leipzig. Insofern ja, Luther führt auch zu Bach.
    Heinemann: Luthers Begeisterung für die Musik hat den Protestantismus, hat die Theologie geprägt? Kann man das so sagen?
    von Kessel: Ja, das Luthertum. Der Protestantismus ist natürlich eine viel allgemeinere Version, weil da gehören ja sehr viele Denominationen dazu, natürlich auch der Calvinismus, und der ist ja nun gerade sehr viel restriktiver gegenüber der Musik, gerade mehrstimmiger Musik. Und insofern: Man muss wirklich sagen, ja, das Luthertum ist davon geprägt worden.
    "Es gibt viele Bezugspunkte, wo Bach direkt auf Luther fußt"
    Heinemann: An welchen Stellen ist Bach besonders lutherisch?
    von Kessel: Wenn er zum Beispiel lutherische Choräle bearbeitet, vertont in einer Kantate. Meinetwegen ein solcher Choral ist "Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort" oder "Vom Himmel hoch, da komm ich her, aus tiefer Not schrei ich zu dir" oder eine Kantate "Es ist das Heil uns kommen her", die, wenn man so will, eine Kantate der Rechtfertigungstheologie darstellt. Es gibt viele Bezugspunkte, wo Bach direkt auf Luther fußt.
    "Es war ein günstiges Ineinanderwirken"
    Heinemann: Muss man als Katholik eingestehen, dass die Protestanten musikalisch die Nase vorn haben?
    von Kessel: Nein! Bei aller Liebe zu Bach: Es gibt natürlich eine ganz großartige Tradition, die – das meinte ich zu Beginn – auch in die protestantische Kirchenmusik eingeflossen ist, in die lutherische. Da haben Sie natürlich in den Jahrhunderten vorher – nehmen Sie nur Josquin Desprez oder Ockeghem oder dann nachher Palestrina oder Orlando di Lasso, dann im Barock Gabrieli Monteverdi und man könnte viel mehr Namen nennen, die einfach großartige Musik und Kirchenmusik geschrieben haben und die sich auch direkt auf die lutherische Kirchenmusik ausgewirkt haben. Das war alles sehr komplex ineinander verwoben, sehr europäisch. Da kann man überhaupt nicht sagen, dass das etwas Solitäres war. Es war ein günstiges Ineinanderwirken.
    Heinemann: Herr von Kessel, Luther hat ja politisch, hat religionspolitisch eine Menge durcheinandergewirbelt. Der Bach-Biograf Christoph Wolff hat geschrieben, dass Bach sich als Wissenschaftler verstand, der experimentierte, der etwas Neues ausprobiert hat mit Klängen. War Bach auf seine Art auch ein Reformator?
    von Kessel: Das würde ich nicht sagen. Er hat nur, wie er richtig gesagt hat, experimentiert in dem Sinne, dass er harmonisch sehr, man würde heute sagen, fortschrittlich war. Er war ja sehr für die wohltemperierte Stimmung zum Beispiel eingenommen. Deswegen hat er in allen Tonarten, siehe wohltemperiertes Klavier, Präludien und Fugen geschrieben und insofern hat er auch die Harmonik erstaunlich ausgeweitet. Max Reger hat ihn ja als den größten Harmoniker aller Zeiten bezeichnet, erstaunlicherweise nicht den größten Kontrapunktiker, sondern er ist natürlich ein Komponist, ...
    Heinemann: Kontrapunktik müssen Sie kurz erklären. Was ist das?
    von Kessel: Die Kontrapunktik, die polyfone Schreibweise ist eine Schreibweise, bei der alle Stimmen zunächst einmal horizontal ihr Eigenleben haben und bewahren.
    Heinemann: Wenn Sie jede Stimme singen würden glauben Sie, Sie haben ein unabhängiges Lied.
    von Kessel: Genau. Dann hat man einen schlüssigen Verlauf, ein Lied vor sich, und auch im Zusammenklang ergibt das eine Schlüssigkeit, eine harmonische Schlüssigkeit. Insofern sind die Horizontale und die Vertikale in einer Balance und dem gegenüber ist eine homofone Schreibweise harmonisch, vertikal vor allen Dingen induziert. Das heißt, es muss harmonisch klingen und es gibt eine Melodie und untergeordnete Begleitstimmen. Um diese Kontrapunktik geht es, die natürlich Bach ganz wesentlich repräsentiert. Aber er wird gerade in der Harmonik als besonders fortschrittlich empfunden. Ansonsten könnte man eher sagen, er hat eigentlich alles zur Reife und zur Vollendung gebracht, und mit ihm brach ja dann auch etwas ab, was dann erst wiederentdeckt werden musste.
    Heinemann: So wie Albert Schweitzer geschrieben hat, mit Bach endet, was mit Wagner beginnt: etwas Neues.
    von Kessel: Ja. Wenn man es so plakativ ausdrücken will, ja.
    "Kirchenmusik ist sehr geeignet, die Theologie zu vermitteln"
    Heinemann: Kann die Verbindung Bach-Luther, oder allgemein formuliert das Zusammenspiel von Theologie und Musik erreichen, was die Kirchen gegenwärtig kaum noch schaffen, nämlich Menschen für das Christentum zu interessieren? Sie müssen ja nicht sofort alles glauben.
    von Kessel: Ja, das kann sie insofern, weil generell die Kirchenmusik auch heute schon übers Land hinweg innerhalb der Kirchen sicher die zugkräftigste Veranstaltung ist. Das ist ein Phänomen, was man weithin bemerkt, und insofern ist die Kirchenmusik und Musik sehr geeignet, die Theologie zu vermitteln. Das ist sicher ein Phänomen. Man muss natürlich sagen, das ist jetzt auch vor deutschem Hintergrund gesprochen oder auch mitteleuropäischem. Weltweit ist es natürlich, offen gesagt, nicht ganz so, dass die Kirchen es nicht schaffen mit der Weitergabe des Glaubens. Sie schaffen es natürlich in anderen Erdteilen sehr gut auch ohne Bach, muss man zugeben, aber das ist natürlich ein ganz anderer kulturhistorischer Hintergrund. Und bei uns ist es schon so, dass man mit diesem Erbe wirklich positiv wuchern kann, im gut gemeinten missionarischen Sinne.
    "Auf Bach können sich alle einigen"
    Heinemann: Und das sagen Sie als Katholik auch über den Protestanten Bach. – Ist in der Kirchenmusik die Ökumene weiter fortgeschritten als in den beiden Amtskirchen?
    von Kessel: Sie ist selbstverständlich, und zwar da kann ich gleich mal Benedikt XVI. zitieren. Der schätzt ja Bach nun überaus und der hat das auch mehrfach zum Ausdruck gebracht. Also: Auf Bach können sich alle einigen. Sie müssen ja auch umgekehrt nicht Mozart vor den Protestanten verstecken. Das heißt, die Protestanten spielen genauso Mozart, oder wenn Sie jetzt mal in die Moderne gehen Messiaen, wie die Katholiken. Das geht völlig hin und her. Glücklicherweise: da gibt es keine Berührungsängste mehr. Wir spielen Bach und Schütz bei den Katholiken und Mozart und Bruckner und Messiaen und alles Mögliche bei den Protestanten. Da gibt es keine Befindlichkeiten.
    Heinemann: Welche Rolle spielt Luther während der Thüringer Bach-Wochen?
    von Kessel: Eine große in diesem Jahr, weil 500 Jahre Reformation ins Haus stehen, der 500. Jahrestag, nicht Jahrestag, sondern das Jahr des Thesenanschlages zu Wittenberg 1517, und deswegen ist natürlich bei den Bachwochen Luther sehr präsent. Er ist eigentlich immanent, sozusagen innewohnend immer präsent, weil die beschriebenen Verbindungen von Bach zu Luther so sind, und die wohnen immer seiner Musik inne. Nur wir haben jetzt dieses Jubiläum in diesem Jahr und deswegen wird das noch mal besonders thematisiert.
    Heinemann: Kitsch gehört offenbar zu Gedenkjahren. Ich habe gelesen, es gebe inzwischen Luther-Socken mit der Aufschrift "hier stehe ich".
    von Kessel: Ja.
    "Es gibt Lutscher und Lollypops und ich weiß nicht was von allem"
    Heinemann: Mal Hand aufs Herz: Geht Ihnen der Luther-Rummel manchmal auf die Nerven?
    von Kessel: Ja, es ist manchmal ein bisschen viel. Aber man kann es ja auch verstehen. Man muss sehen – und das sage ich nun als Katholik -, es gibt ja auch das gleiche auf katholischer Seite zum Beispiel mit dem Papst noch viel gesteigerter. Und da würde ich sagen, da muss man auch so eine gewisse Gelassenheit haben. Es gibt Lutscher und Lollypops und ich weiß nicht was von allem sozusagen, auch von Madonnen, und wenn man jetzt puristisch ist sagt man, das ist unmöglich. Aber im Grunde muss man auch wieder sagen: Ja Gott, wenn es Leute irgendwie schön finden oder es sie abholt, ja dann kann's ja auch sein. Dann sollte man nicht zu arrogant sein.
    Heinemann: Mergendising ist der neue Ablasshandel?
    von Kessel: Na ja, da wäre jetzt viel dazu zu sagen. Aber das mache ich lieber nicht, weil das ist ja ein eigenes Thema, der Ablass.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.