Donnerstag, 02. Februar 2023

Tischtennis
Der kometenhafte Aufstieg des TTC Neu-Ulm

Der TTC Neu-Ulm will die Champions League im Tischtennis gewinnen und hat sich dafür Weltklasse-Spieler wie Dimitrij Ovtcharov geholt. Dabei gab es den Verein vor drei Jahren noch gar nicht. Der Ukraine-Krieg und ein Großsponspor spielen entscheidende Rollen.

Von Michael Watzke | 24.04.2022

Dmitrij Mazunov (r.), Trainer des TTC Neu-Ulm, coacht seinen Spieler Kay Stümper.
Dmitrij Mazunov (r.), Trainer des TTC Neu-Ulm, coacht seinen Spieler Kay Stümper. (imago images/Kessler-Sportfotografie)
Tischtennis-Training in einer Sporthalle in Ulm. Zwei junge Spieler aus Russland ächzen vor Anstrengung. Ihr Trainer Dmitri Mazunov beobachtet und coacht sie auf russisch. "Das ist Vladimir Sidarenko, der ist jetzt schon zwei Jahre in Neu-Ulm. Und Maxim Grebniv, der wird nächste Saison auch in Neu-Ulm spielen."
Die beiden spielen auf hohem Niveau Bundesliga-Tischtennis – aber in der Champions League dürfen sie als Russen derzeit nicht mehr antreten. Das tun dafür die neuen Topstars des TTC Neu-Ulm. Trainer Mazunov verkündet stolz, "dass wir eine neue Mannschaft für die Champions League gebildet haben. Mit Dimitri Ovtcharov, Tomokazu Harimoto, Lin Yun-Ju, Truls Moregardh. Also wir haben die Qual der Wahl, viele Spieler. Ich freue mich riesig. Das sind absolute Weltstars. Moregardh ist vor fünf Monaten Vize-Weltmeister geworden.“

"Ziel ist natürlich die Champions League"

Vor drei Jahren gab es den Tischtennis-Club Neu-Ulm noch gar nicht - jetzt spielen in dem bayerischen Team vier der zehn weltbesten Tischtennis-Spieler. "Ziel ist natürlich die Champions League. Ich denke, wir sind gut genug, um um den Titel mitzuspielen und ihn zu holen."
Würde man den kometenhaften Aufstieg des TTC Neu-Ulm auf die Fußballbranche übertragen, dann wäre die TSG Hoffenheim über Nacht Favorit gegen Real Madrid und den FC Liverpool. Und das, obwohl die Neu-Ulmer Senkrechtstarter in der Tischtennis-Bundesliga nur im Mittelfeld spielen. Denn die großen Stars des Vereins treten ausschließlich auf europäischer Ebene an. Gegen deutsche Teams wie Ochsenhausen oder Grünwettersbach spielt die zweite Garde. „In der Bundesliga müssen wir abwarten. Wir sind noch auf der Suche nach einem weiteren Spieler. Die Jungs müssen sich weiterentwickeln, dann wird man sehen.“

Zwei Gründe für den Aufstieg

Dass ein vor kurzem noch völlig unbekannter Verein demnächst Europas Spitzenteam sein könnte, hat zwei Gründe: der eine ist der Ukraine-Krieg. Dimitri Ovtcharov, in Kiew geborener Olympia-Silbermedaillen-Gewinner, will nach der russischen Invasion in der Ukraine nicht mehr länger für den russischen Verein Orenburg spielen. "Die Situation ließ mir keine Wahl", sagt der Deutsch-Ukrainer.
Der zweite Grund heißt Florian Ebner, Verleger aus Ulm und tischtennis-begeisterter Gründer des TTC Neu-Ulm, der nach eigenen Angaben einen sechsstelligen Sponsorenbetrag investiert, um zu erreichen, "dass Tischtennis aus seinem Image-Problem vielleicht mal wieder raus kommt. Weil es sonst passieren könnte, dass es in fünf Jahren bedeutungslos geworden ist – obwohl es die größte Rückschlag-Sportart der Welt ist. Man darf nicht vergessen: Tischtennis hat über zehn Jahre jedes Jahr Mitglieder verloren.“
Corona hat auch dem Vereins-Sport Tischtennis zugesetzt. Obwohl die Pandemie das Spielen im privaten Kreis begünstigt hat, weil man eine grüne Platte daheim im Keller, der Garage und dem Garten aufstellen kann. "Und da hat der Deutsche Tischtennis-Bund eine große Chance anzuknüpfen, meiner Meinung nach. Und das auf eine breite Basis zu stellen."

Oberbürgermeisterin freut sich

Ob die 60.000-Einwohner-Stadt Neu-Ulm an der bayerisch-schwäbischen Grenze nun zum neuen Tischtennis-Mekka wird? Die Oberbürgermeisterin Katrin Albsteiger würde es freuen. "Wenn jemand den Namen der Stadt nach außen trägt, kann uns das nur recht sein."
Albsteiger kündigt an, mehr öffentliche Tischtennis-Platten in Parks und Spielplätzen aufzustellen. Die Trainings-Situation in der Stadt ist heikel. "Das ist nicht so einfach, wenn ein neuer Verein aufkommt. Unsere Hallen sind durch ganz verschiedene Sportarten belegt und stark frequentiert."
Neu-Ulm ist bisher für andere Sportarten bekannt: die Basketballer, Turnerinnen und Volleyballer spielen in der Bundesliga. Jetzt kommt noch Tischtennis dazu. "Bisher kann man an den Zahlen noch nicht ablesen, dass der große Nachwuchs-Boom ausgebrochen ist."
Das liegt auch daran, dass der TTC Neu-Ulm keine Nachwuchs-Abteilung hat. Tischtennis-begeisterte Kinder müssen sich andere Vereine suchen – etwa das 50 Kilometer entfernte Ochsenhausen mit seinem Bundesliga-Verein und Nachwuchs-Trainingszentrum.

Aufstieg wird auch kritisch gesehen

Die Nachbarvereine beobachten den plötzlichen Aufstieg des TTC Neu-Ulm durchaus kritisch. Man wird sehen, wie nachhaltig das ist, sagt ein Sportfunktionär. Tischtennis-Sponsor Florian Ebner kann die Vorbehalte einerseits verstehen. Andererseits: "Wenn sie es insgesamt sehen und sich Gedanken über ihre Sportart Tischtennis machen, müssten sie froh sein, dass so eine Aktivität zustande kommt. Und die Spieler jetzt nicht alle nach Japan abgewandert sind. Denn das wäre die Alternative gewesen."
Jetzt sucht Ebner nach einer passenden Tischtennis-Halle für prickelnde Champions-League-Abende mit – so hofft er - tausenden Zuschauern.