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"To Russia with love"

Der Violinist Gidon Kremer, die Pianistin Martha Argerich, die deutschen Schauspieler Martina Gedeck und Sebastian Koch: Bei einem Konzert in Berlin demonstrierten Musiker und Zuschauer für Menschenrechte in Russland. Ein prominenter Dirigent war Überraschungsgast.

Von Kirsten Liese | 08.10.2013

"Natürlich sind mir auch Künstler bekannt, die in die Politik verwickelt werden, ich habe es nie angestrebt, ich habe immer versucht, unabhängig zu sein und werde es auch weiter versuchen.""

Gidon Kremer nennt keine Namen, aber natürlich grenzt er sich mit seinem Bekenntnis klar ab von so genannten "Volkskünstlern" wie Anna Netrebko oder Yuri Bashmet, die Wladimir Putin in seiner Politik unterstützen.
Für das Berliner Konzert "To Russia With Love" hat er überwiegend Musik von sowjetischen und russischen zeitgenössischen Komponisten zusammengestellt, die in ihren Werken dem Leiden Ausdruck geben. Einer unter ihnen ist der lange Zeit vergessene Mieczyslaw Weinberg, der erst seit der posthumen Uraufführung seiner Oper "Die Passagierin" allmählich wiederentdeckt wird:

""Weinberg war einer der wichtigsten Komponisten Russlands, und seine Töne sehr persönlich sind eben die tragischen Töne, die eben auch Schostakowitsch verlauten lassen konnte "

Zu entdecken gab es mit Giya Kancheli zudem einen georgischen zeitgenössischen Komponisten. Gidon Kremer spielte die Solo-Violine in seinem Konzert "The angels of sorrow", das zwei Tage zuvor in dem Taunusstädtchen Kronberg uraufgeführt wurde.
"Giya Kancheli ist ein Meister der stillen Töne und mit seinen minimalen aber sehr erfüllten Tönen wendet er sich an alle Opfer, nicht nur an Michail Chodorkowski, dem das Stück gewidmet ist, sondern an alle unschuldigen Opfer. …. diese Partitur, erlaubt es jedem, der es hören wird, angesprochen zu sein, sich angesprochen zu fühlen, mit zu leiden."

Neben der sowjetischen und russischen Moderne kam aber auch die Romantik zu ihrem Recht. Pikanterweise stand sogar ein Auszug aus Tschaikowskys "Eugen Onegin" auf dem Programm, jene Oper, die kürzlich Anna Netrebko mehr Protest als Beifall eintrug, nachdem sie sich bei ihren Auftritten an der New Yorker Met nicht mit den Homosexuellen in Russland solidarisierte.
Dagegen besitzt der Flötist Emmanuel Pahud, der in Berlin die sehnsuchtsvolle Arie des Lenski in einer Bearbeitung von Guy Braunstein interpretierte, was Kritiker der Netrebko für ihre Tatjana absprachen- Tiefe und dramatische Kraft.

Mit der Tasten-Löwin Martha Argerich und Daniel Barenboim als Überraschungsgast versammelten sich auf dem Podium zwei besonders prominente erstklassige Interpreten. Doch sprach an diesem Abend nicht allein die Musik zum Publikum.
Vielmehr kamen auch zwei Persönlichkeiten zu Wort, die keine Gefahr scheuten, unbeirrbar ihren Weg zu gehen: Martina Gedeck und Sebastian Koch lasen Texte der vor sieben Jahren ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja und des politischen Häftlings Michail Chodorkowski, mit denen sich auch Gidon Kremer sehr solidarisiert:

""Ein Michael Chodorkowski sitzt schon zehn Jahre im Gefängnis, ich bin nicht das hohe Gericht, um zu entscheiden, was er alles vertan hat. Aber die Worte, die er aus dem Gefängnis gibt, ….zeugen von einer menschlichen Reife und einer Ungerechtigkeit, die leider noch immer an der Tagesordnung ist."

Angesichts dessen tut es vielleicht Not, es einmal richtig donnern zu lassen wie die junge charismatische Pianistin Khatia Buniatishvili. Ihre kraftvolle Wiedergabe eines Satzes aus der 7. Prokofjew-Klaviersonate beschwerte dem Berliner Konzert "To Russia With Love" einen umjubelten Höhepunkt.