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Tornados über Deutschland

Meteorologie. - Tornados verwüsten regelmäßig die Südstaaten der USA, doch bis vergangenen Mittwoch hätte niemand gedacht, dass ein Wirbelsturm auch in Deutschland für blanken Horror sorgen kann. Seit den Schreckensbildern aus Micheln in Sachsen-Anhalt interessieren sich deutsche Meteorologen weniger theoretisch, sondern ganz praktisch für die Natur der gewalttätigen Wirbelstürme.

28.06.2004

Wie auch Erdbeben, die mittels der Richterskala klassifiziert werden, lassen sich Tornados über ihr Ausmaß einordnen. Dazu dient die 1981 von dem Japaner Fujita aufgestellte F-Skala. Der Wirbelsturm, der in der vergangenen Woche Micheln in Sachsen-Anhalt traf, fällt dabei in die Kategorie F-3 mit Tendenz zu F-4 oder deutlicher: der Sturm vom 23. Juni lag bei stark bis verheerend. Davon gab es in Deutschland bisher nicht sehr viele - zuletzt etwa 1968 in Pforzheim, als selbst Autos durch die Luft gewirbelt wurden, oder 1927, als ein vermutlicher F-4-Tornado Lingen im Emsland heimsuchte. Zwar brachte der jüngste Tornado es nicht ganz auf diese Stufe, doch hinterließ auch er, so konstatieren Experten, schwere Schäden an Massiv-Bauten und brachte zahlreiche Häuser zum Einsturz. Weil sich beispielsweise die Rotationsgeschwindigkeit eines Tornados im Nachhinein nicht ermitteln lässt, verwenden Wetterforscher Art und Ausmaß der Schäden als Kriterien zur Klassifikation dieser monströsen Phänomene.

Bei der Analyse der seit Mittwoch eingegangenen Berichte habe sich gezeigt, dass nicht nur ein einzelner, sondern mindestens vier, eventuell gar sechs unterschiedliche Wirbelstürme über Deutschland fegten. Als sicher gilt dabei ein Tornado über Borkum, der sich aus einer Wasserhose entwickelte und dann an Land ging. Zwei weitere bildeten sich bei Greetsiel in Ostfriesland und bei Marne in Schleswig-Holstein. Die Vorstellung, in Deutschland bliebe man von Wirbelstürmen verschont, sei schlicht falsch, resümiert Nikolai Dotzek von der Abteilung Wolkenphysik und Verkehrsmeteorologie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. "Die Ergebnisse zeigen, dass man auch hierzulande im langjährigen Mittel mit rund zehn Tornados pro Jahr rechnen muss. Die letzten Jahre zeigen sogar einen Wert von 20 oder Wirbelstürmen über das Jahr, wobei durch bessere Messmethoden dabei auch geringere Vorkommnisse mit eingeflossen sind." Gerade im Zeitraum um Anfang Juli bestehe die größte Gefahr für Tornados in Deutschland.

In diesem Jahr sei der Auftakt zur Tornadosaison Anfang Mai gewesen, als ein Sturm an der Grenze von Sachsen zu Brandenburg gesichtet wurde. Auch im Juni wurden weitere kleine Wirbelstürme beobachtet, bis sich schließlich der Sturm von Micheln ereignete. Auch in den kommenden Wochen, so warnen Experten, könnte es in der Folge so genannter Superzellgewitter mit Hagelbildung zu weiteren Wirbelstürmen kommen. Europäische Meteorologie-Studenten entwickelten inzwischen sogar eine kurzfristige Vorhersage von Tornados. Mit der Hilfe von erfahrenen US-Wissenschaftler sowie der Kooperation mit Wetterdiensten soll dies soweit ausgebaut werden, dass zumindest mit einigen Stunden Vorwarnzeit schlimme Stürme angekündigt werden können.

[Quelle: Volker Mrasek]