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StartseiteEuropa heuteVertriebene berichten als Zeitzeugen in Schulen08.11.2016

Tschechisches VersöhnungsprojektVertriebene berichten als Zeitzeugen in Schulen

Das Schicksal deutscher Vertriebener ist ein heikles Thema. Denn ihre Geschichte ist immer verbunden mit deutscher Schuld und Verantwortung in der NS-Zeit. Ein Projekt in Tschechien versucht, im Sinne der Versöhnung alle Aspekte von Krieg und Vertreibung aufzuarbeiten. Jugendliche haben Vertriebene nach Prag eingeladen, damit diese in Schulen als Zeitzeugen berichten.

Von Kilian Kirchgeßner

Zeitzeugin Annelies Schwarz erzählt vor Prager Gymnasiasten von ihrer Vertreibung. (Kilian Kirchgeßner)
Zeitzeugin Annelies Schwarz erzählt vor Prager Gymnasiasten von ihrer Vertreibung. (Kilian Kirchgeßner)
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In Scharen strömen die Schüler in die Aula, 15 bis 18 Jahre sind sie alt und schauen neugierig auf die Dame, die vorne steht. Annelies Schwarz heißt sie, für das eineinhalbstündige Gespräch ist sie aus Deutschland angereist: "Ich bin schon sehr alt, wie ihr seht. Ich bin eingeladen als Zeitzeugin zu reden. Deshalb müsst ihr euch heute mit einer Babicka unterhalten."

Annelies Schwarz war sieben Jahre alt, als ihre Familie nach dem Zweiten Weltkrieg aus einem Dorf in Böhmen vertrieben wurde. Diese Erlebnisse aus ihrer Kindheit beschäftigen sie ihr ganzes Leben lang. Einmal im Jahr fährt sie mindestens für eine Woche zurück in ihre alte Heimat - und jetzt ist sie hier in dieser Prager Schule, um über ihre Vertreibung zu erzählen.

Projekt "Versöhnung 2016" bringt Generationen ins Gespräch 

Nach Tschechien ist sie nicht alleine gekommen: 90 Zeitzeugen sind für ein paar Tage angereist, Gespräche in Schulen und Treffen mit älteren Tschechen stehen auf ihrem Programm. Die erste große Begegnung findet in einem Café statt. Eine der Initiatorinnen ist Vladka Vojtiskova - eine junge Tschechin, die das Projekt mit dem Namen "Versöhnung 2016" gestartet hat:

"Ich finde es schade, dass so eine Veranstaltung nicht schon vorher möglich war, als noch mehr Zeitzeugen gelebt haben. Jetzt wächst hier in Tschechien eine neue Generation heran, die sich für das Thema interessiert und nicht den kommunistisch gefärbten Unterricht mitbekommen hat. Es gab ja 40 Jahre lang keinen direkten Kontakt. Heute kann jeder sehen, dass die Sudetendeutschen mit freundschaftlichen Gedanken kommen und nicht auf Rache sinnen."

Initiative ging von jungen Menschen aus

Gedacht ist das Treffen in erster Linie als Geste an die Sudetendeutschen: Ein großes Konzert der Versöhnung gibt es, parallel findet eine Ausstellung statt, in der nachgezeichnet wird, was aus einigen sudetendeutschen Häusern heute geworden ist. An dem Projekt haben sich auch die Ackermann-Gemeinde und die Organisation Antikomplex beteiligt, die sich mit Themen der Vertreibung beschäftigen. Das Besondere ist, dass die Initiative von jungen Tschechen ausgegangen ist. Sie haben auch mit einem Spendenaufruf Geld gesammelt. Ihnen sei wichtig, sagen sie, dass jeder seinen Beitrag zur Versöhnung leisten könne. Vladka Vojtiskova, eine der Initiatorinnen, kam zum ersten Mal während ihres Studiums mit Vertriebenen in Kontakt:

"In der Schule hatte ich nichts von dem Thema gehört, wir sind im Geschichtsunterricht nicht so weit gekommen. Als ich die Erinnerungen der Betroffenen gehört habe, dachte ich: Da muss man etwas veranstalten, um ihnen zu zeigen, dass die junge Generation das anders sieht als die vorherigen."

Gefahr des Nationalismus wieder aktuell

Die Vertriebenen reagieren mit Dankbarkeit auf diese Geste. Es habe sich, sagt Annelies Schwarz, vor ihrem Auftritt im Prager Gymnasium, schon in den vergangenen Jahren allmählich etwas geändert. Die neue Atmosphäre spüre sie deutlich, wenn sie in ihrem einstigen Heimatdorf zu Besuch sei.

Dass sie an der Schule mit den jungen Tschechen redet, hat aber nicht nur mit der Vergangenheit zu tun. Die Lehre aus Krieg und Vertreibung, sagt sie, sei heute wieder aktuell: "Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Satz 'das darf nie wieder passieren' in aller Munde. Und heute ist es wieder möglich - das ist das Schlimme."

Eineinhalb Stunden hören ihr die Schüler zu. Sie berichtet von ihrer Odyssee, die sie aus dem heutigen Tschechien nach Westdeutschland führte. Immer wieder fragen die Schüler nach.

Annelies Schwarz: "Vielleicht haben auch die Jungs noch eine Frage?" Einer meldet sich und stellt mit leiser Stimme die Frage, die alle hier umtreibt: "Fühlen Sie heute noch Zorn gegen die Tschechen?"

Annelies Schwarz muss nicht lange nachdenken: Nein, sagt sie - denn nie sei ein Volk als Ganzes gut oder schlecht. Die Schüler applaudieren; beim Weg aus der Aula bildet sich spontan eine Schlange: Alle wollen der Zeitzeugin zum Abschied die Hand schütteln.

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