Archiv

Tubist Ralf Rudolph
"Musik und Eisenbahn waren immer die zwei Eckpunkte im Leben"

Für Ralf Rudolph ist der Spagat zwischen Musiker- und Lok-Einsätzen kein Stress: Bei der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und in der Formation Rennquintett spielt er die Tuba. Durch den Pfälzerwald führt er als gelernter Dampflokführer regelmäßig das historische Kuckucksbähnel.

Von Anke Petermann | 21.08.2017
    Der Tubist Ralf Rudolph als Lokführer des historischen Kuckucksbähnels.
    Der Tubist Ralf Rudolph als Lokführer des historischen Kuckucksbähnels. (Deutschlandradio/Anke Petermann)
    Übersicht über die Sommer-Reihe "Das zweite Gesicht" - Musiker und ihre schrägen Leidenschaften
    Bahn-Betriebswerk Neustadt an der Weinstraße: Ralf Rudolph steht vorn auf der Lok und schwingt einen Hammer, kehrt dann ins Führerhaus zurück.
    "Ich habe die Luftpumpe zum Laufen gebracht. Die hat manchmal ein bisschen Anlaufschwierigkeiten, so früh morgens. Mit gezielten Hammerschlägen kann man die zum Arbeiten überreden, und das habe ich gerade gemacht."
    Seit 6 Uhr morgens hat Hobby-Lokführer Rudolph gemeinsam mit seinem Heizer das gut 100 Jahre alte Dampfross gewartet und gewienert. Lager und Ventile müssen perfekt in Ordnung sein, bevor das potenziell explosive Gefährt gegen Mittag am Neustadter Bahnhof Passagiere aufnimmt. Es zu dominieren nennt Rudolph "gelebte Physik", eine aufwändige Sache. Mit der Tuba hat es der Berufsmusiker da deutlich leichter.
    "Die Tuba-Wartung macht der Instrumentenbauer. Die größeren Arbeiten, das Reinigen, das genaue Einstellen der Ventile, das Ausbeulen, das soll schon der Instrumentenbauer machen, der kann das."
    "Tubisten sind ja Grobmotoriker"
    Rudolph zieht die Arbeitshandschuhe aus. Eine Wunde am Finger, schwarzer Ruß und Staub in den Poren zeugen von vier Stunden Schwerstarbeit schon vor dem Start der Lok. Feine Musiker-Hände, teuer versichert, stellt man sich anders vor.
    "Tubisten sind ja Grobmotoriker. Selbst so eine kleine Verletzung am Finger stört mich jetzt weniger beim Tuba-Spielen. Ich muss halt eher auf meine Lippen aufpassen oder auf meinen Gehörschutz. Ich pflege die Lippen, insofern ich gucke, dass sie geschmeidig sind, durch entsprechendes Warmspielen kriegt man das hin."
    Ganz ohne Fettstift und Sonnencreme. Der Lokführer startet vom Abstellgleis, nimmt Funkkontakt auf zum Stellwerk in Karlsruhe.
    Gehörschutz heißt für Ralf Rudolph vor allem, das Pfeifen zu dosieren, wie jetzt vor der Einfahrt in den Neustadter Bahnhof, wo hunderte alter und junger Dampflok-Anhänger schon mit gezückter Kamera warten.
    "Das ganz wichtige sind leuchtende Kinderaugen. Das ist das allerschönste Kompliment."
    Und Ralph Rudolph bekommt es an diesem Morgen wieder mal. Die jungen Fans mustern auch ihn genau: ganz in Schwarz gekleidet, von der Jeans bis zur Mütze, dazu dunkle, schwere Arbeitsschuhe. Wenn er den Führerstand verlässt, legt er die orangefarbige Sicherheitsweste an. Im Bahnhof wird der Museumszug angehängt, Eisenbahnfreunde aus Baden-Württemberg steigen ein, sie haben eine Sonderfahrt gebucht.
    Eisenbahn-Museum im pfälzischen Neustadt
    "Die zahlen unser Hobby", sagt Rudolph augenzwinkernd zu Matthias Dähling, dem Heizer. Faktisch aber finanzieren die Kuckucksbähnel-Passagiere die Erhaltung historischer Loks und Züge samt Eisenbahn-Museum im pfälzischen Neustadt.
    Ralf Rudolph leitet es ehrenamtlich: "Der Intendant sozusagen."
    Ralf Rudolph im Führerhäuschen der historischen Kuckucksbähnel.
    Ralf Rudolph im Führerhäuschen der historischen Kuckucksbähnel. (Deutschlandradio/Anke Petermann)
    Mit der linken Hand bewegt er den großen Gashebel in der Mitte des Führerhauses nach links, die Lok nimmt Fahrt auf, leicht bergauf geht es von Neustadt nach Lambrecht und durch den dichter werdenden Pfälzer Wald nach Elmstein. Es nieselt. Aber die ausrangierte Kölner Hafenlok, später als Zechenlok im Ruhrgebiet eingesetzt, hat heute einen guten Tag, das spürt Ralf Rudolph.
    "Die Lok läuft gleichmäßig, sie läuft ruhig. Und sie neigt nicht zum Schleudern, trotz des nicht ganz so guten Wetters. Viel Regen macht die Schienen schlüpfrig. Ist heute zwar auch der Fall. Aber die Lok ist heute sehr willig, sehr angenehm zu fahren."
    Um sie bei Laune zu halten, schaufelt Matthias Dähling, der Heizer, regelmäßig Kohle in das Feuerloch unterm Gashebel. Rudolph und Dähling - ein harmonisches Duo auf der Lok. Weder Lokführer noch Tuba-Spieler sind als Solisten sonderlich gefragt.
    "Man ist ein Teamplayer als Tubist. Man ist nicht das Solo-Instrument wie Trompete oder Flöte, man ist eher Zuarbeiter, so dass sich die Melodie Spielenden wohlfühlen. Das ist mein Job."
    Den auf der Eisenbahn macht der 54-Jährige schon länger: seit 42 Jahren, erzählt Rudolph, während er das Kuckucksbähnel mit dem großen Hebel in Erfenstein kurz vor Elmstein zum Foto-Stopp runterbremst.
    "Ich bin mit 12 dazu gestoßen. In der Zeit wurde auch dieses Eisenbahnmuseum - die Grundlagen gelegt zu diesem Eisenbahn-Museum. Musik und Eisenbahn, das waren immer die zwei Eckpunkte im Leben."
    Dessen musikalischer Startpunkt allerdings nicht die Tuba war.
    "Ich bin eigentlich ein gelernter Klarinettist. Ich habe mit neun angefangen an der Klarinette, in der Blaskapelle, bis 16. Und mit 16 habe ich dann entschieden, dass man eine Tuba im Blasorchester auch besser spielen kann."
    Orchester, Eisenbahn, Museum und Musikhochschule
    Orchester, Eisenbahn und Museum lasten den Volldampf-Mann nicht aus, deshalb lehrt er zusätzlich an der Musikhochschule Saarbrücken. Unter anderem bildet der Tubist dort Musik-Lehrer aus, die in sogenannten Bläserklassen unterrichten. Ein Holz- und ein Blechblasinstrument zu beherrschen, ist da nützlich. Von seinen Studierenden erwartet Rudolph Widerspruchsgeist und Diskussionsfreude. Wenn er als Lokführer einen Azubi neben sich auf dem Führerstand hat, wird er dagegen schon mal autoritär.
    "Wenn ich sag' Notbremse und der sagt, 'ja, warum ich seh' doch gar nichts' – das können zwei Sekunden sein, die können entscheiden über Leben und Tod. Und da ist ganz klar: Lokführer ist der Chef. Punkt."
    Lokführer Rudolph legt den Rückwärtsgang ein, ein paar Meter langsame Show-Fahrt stehen jetzt an. Noch ein paar Kinder glücklich machen und das Kind in vielen Männern, die ihre Kameras in Anschlag bringen.
    Als Rudolph am frühen Nachmittag zur Mittagsrast in Elmstein ankommt, hat er einen Acht-Stunden Tag schon hinter sich. Bis er die Lok am Bahnbetriebswerk Neustadt abschließt, wird es Abend. Die Saison des Kuckucksbähnel läuft bis Oktober, danach ist Rudolph weiter als Museumsleiter gefordert. In dieser Woche startet die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in die neue Spielzeit. Proben, Konzerte und Reisen heißt das für Rudolph. Klingt nach Stress. Der Spagat zwischen Tuba- und Lok-Einsätzen ist aber keiner für den Volldampf-Mann.
    "Aus beidem schöpfe ich jeweils Kraft für die andere Tätigkeit."