Sonntag, 05. Dezember 2021

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Türkei"Eine Art Lynchstimmung" gegen Schriftsteller

Viele Schriftsteller in der Türkei hätten derzeit "wahnsinnige Angst", sagte Sascha Feuchert, Vizepräsident des deutschen PEN, im Deutschlandfunk. Für manche sei es deshalb im Moment besser, zu schweigen. Es gäbe aber Kollegen, die sehr bewusst in die Öffentlichkeit gingen - und denen müsse man den Rücken stärken.

Sascha Feuchert im Gespräch mit Stefan Koldehoff | 28.07.2016

Die Titelseite einer Ausgabe der türkischen Tageszeitung Zaman
Die türkische Tageszeitung Zaman (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Stefan Koldehoff: Worüber wir Journalisten hier in Deutschland zurzeit häufig berichten müssen, das sind keine schönen Anlässe – und immer wieder auch solche, die Fragen an den Staat und seine Organe aufwerfen. Eines aber wird sicher niemand ernsthaft bestreiten – außer vielleicht der türkische Staatspräsident, der sich das in dieser Woche noch mal vor laufender Kamera erklären lassen müsste. Und außer vielleicht den amüsanten Verschwörungstheoretikern, die alles für Lügenpresse hält, was nicht ihrem Weltbild entspricht: Bei uns kann berichtet werden. Und bei uns dürfen sich regelmäßig auch Schriftsteller – etwa in "Zeit", "FAZ", "SZ" oder bei uns im Deutschlandfunk– zu politischen Ereignissen und Entwicklungen offen äußern. Auch kritisch.
- Ich habe gesprochen mit dem Literaturwissenschaftler Sascha Feuchert, der zugleich Vizepräsident des PEN-Zentrums Deutschland ist, und ihn gefragt: Dass das Recht auf Meinungsfreiheit keine Selbstverständlichkeit ist wie bei uns, das wissen wir seit Jahren und Jahrzehnten, eigentlich seit es Literatur gibt. Mit Blick auf die aktuellen Ereignisse zum Beispiel in der Türkei oder auch die Verhaftungen in China: Wird's denn gerade wieder schlimmer?
Sascha Feuchert: Wenn Sie sich die Zahlen angucken, dann können Sie in der Tat genau diesen Eindruck haben. Wir haben beim PEN so ein zentrales Instrument, das ist die Case List, in der wir die Fälle, um die wir uns kümmern weltweit, auflisten. Und diese Zahlen steigen eigentlich kontinuierlich seit Jahren, wobei die Situation im Moment in der Türkei sicherlich zu einer Explosion auch der Fälle für uns führt.
Koldehoff: Machen Sie da eigentlich auch qualitative Unterschiede, ob jemand nur entlassen wird, ob eine Redaktion geschlossen wird, ob Journalisten und oder Autoren ins Gefängnis müssen?
Feuchert: Das Komitee, das früher das Writers in Prison Committee hieß, heißt heute auch Writers at Risk. Das heißt, wir setzen relativ früh an mit unseren Hilfen. Tatsächlich auf diese Case List, die ich gerade erwähnt habe, kommen aber nur die härteren Fälle, in denen tatsächlich Autoren verfolgt, massiv eingeschüchtert, eingesperrt oder sogar im schlimmsten Fall ermordet werden.
Koldehoff: Dann lassen Sie uns konkret über die Türkei sprechen, von der Sie gerade gesagt haben, dadurch verändert sich es gerade noch mal sehr stark, auch in den Statistiken qualitativ. Was für Nachrichten erreichen Sie aus der Türkei? Wie geht es Schriftstellerinnen und Schriftstellern dort?
Feuchert: Es erreichen uns eigentlich horrible Nachrichten. Wenn Sie jetzt gerade die Schriftstellerinnen und Schriftsteller direkt ansprechen: Dort ist es tatsächlich so, dass viele mittlerweile sich gar nicht mehr äußern, weil sie so wahnsinnige Angst haben, nicht nur Angst vor staatlichen Repressionen, sondern auch vor einer Art Lynchstimmung, die auf den Straßen dort herrscht. Von den journalistischen Kollegen hören wir natürlich, Sie können das in den Nachrichten jeden Tag verfolgen, dass sich die Situation praktisch täglich verschlechtert. Can Dündar, mit dem ich gestern mailen konnte, spricht von einer grauenhaften Situation, in der sich die Kollegen dort befinden.
Koldehoff: Heißt das, dass wir Journalisten, wir Medien in Deutschland auch gut daran tun, gar nicht erst zu versuchen, diese Menschen zu Äußerungen zu bewegen?
Feuchert: Für manche besser, zu schweigen
Feuchert: Für manche ist es sicherlich im Moment besser, zu schweigen. Gleichzeitig gibt es natürlich trotzdem in der Türkei - und ich erwähnte ja gerade Can Dündar oder sein Kollege Erdem Gül oder der am Dienstag verhaftete Bülent Mumay - Kollegen, die sehr bewusst in die Öffentlichkeit gehen und sich sehr bewusst auch äußern. Und mit denen muss man unbedingt sprechen. Denen muss man den Rücken stärken.
Koldehoff: Es hat ja früher immer geheißen, wenn man solche Fälle publik macht - und Sie haben gerade ja konkrete Namen genannt -, dann hilft das oder dann schützt das vielleicht sogar diesen Kolleginnen und Kollegen. Glauben Sie, dass das 2016 noch der Fall ist?
Feuchert: Das ist wirklich im Moment sehr, sehr schwer zu sagen, gerade im Falle der Türkei, denn die Reaktionen von Präsident Erdogan sind sehr schwer einzuschätzen im Vorhinein. Wir hatten in der Tat immer das Gefühl, wenn wir uns für Schriftsteller, für Journalisten einsetzen, ihnen hier eine Stimme geben, Lobbyarbeit machen, dann schützt das selbst Kollegen in Gefängnissen. Wenn ich mir jetzt den Fall Dündar und Gül anschaue, dann werde ich zumindest unsicher. Trotzdem - ich sagte das gerade, dass ich mit Can Dündar gestern mailen konnte - ist von ihm ganz deutlich die Aufforderung an uns, dass wir ihn weiter unterstützen sollen, dass wir weiter Öffentlichkeit herstellen sollen.
Koldehoff: Das heißt, Berichte sind nicht kontraproduktiv, sie schaden ihm nicht in diesem Moment?
Feuchert: Das ist zumindest das, was er uns sehr deutlich signalisiert. Und wir sprechen das selbstverständlich mit den betroffenen Kollegen auch ab, weil wir ihm ja nicht schaden wollen. Gestern erst hat Can Dündar uns ermutigt, weiterhin diesen Weg zu gehen.
Koldehoff: Hat das PEN-Zentrum Deutschland eigentlich in der Türkei noch einen Kontrapart, noch Ansprechpartner, mit denen man über die Situation offen sprechen kann. Und die vielleicht solche Schutzversuche oder Versuche, eine Öffentlichkeit aufrecht zu erhalten, vor Ort mit unterstützen können?
Feuchert: Situation bei der freien Presse unübersichtlich
Feuchert: Ja, natürlich. Es gibt ein türkisches PEN-Zentrum und mit diesen Kollegen sind wir sehr eng in Kontakt. Und dieses türkische PEN-Zentrum ist auch in einer Arbeitsgruppe zur Türkei, die im internationalen PEN organisiert wird. Dort sind sehr viele PEN-Zentren der Welt engagiert. Aber wir tun das selbstverständlich immer in Zusammenarbeit mit den Kollegen vor Ort.
Koldehoff: Gibt es noch unabhängige Berichterstattung, sei es durch Journalistinnen und Journalisten, sei es durch Schriftstellerinnen und Schriftsteller in der Türkei in diesem Moment?
Feuchert: Durch die Ereignisse, die sich im Prinzip jeden Tag neu einstellen, wird auch für uns langsam die Situation unübersichtlich. Ich kann Ihnen diese Frage nicht wirklich beantworten. Denn heute wieder hat es Eingriffe in die freie Presse gegeben. Ich glaube, dass es sehr wohl noch Medien gibt, die kritisch oder kritischer berichten können, aber wir müssen einfach damit rechnen, dass das jeden Tag aufhört.
Koldehoff: Das sagt Sascha Feuchert vom Deutschen PEN-Zentrum. Vielen Dank.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.