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Türkische Journalisten zur Flüchtlingskrise
"Die Türkei ist nicht Europas Gefängnis"

Mitten im Wahlkampf ist der türkische Staatspräsident Erdogan zurück im europäischen Geschäft: Gegen Geld, Visa-Erleichterungen und den Fortgang der EU-Beitrittverhandlungen will er die Grenzen seines Landes besser absichern und Flüchtlinge im Land halten. Dass die EU in der Flüchtlingskrise auf die Türkei angewiesen ist, das registrieren auch die türkischen Journalisten in Brüssel.

Von Anne Raith | 16.10.2015
    Gebäude der Zeitung Milliyet des türkischen Medienkonzerns Dogan Medya in Istanbul, aufgenommen am 20.03.2006. Foto: Robert B. Fishman +++(c) dpa - Report+++
    Gebäude der Zeitung Milliyet in Istanbul/Türkei (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)
    Gipfelbeginn in Brüssel. Gerade ist der französische Staatspräsident François Hollande vorgefahren. Bevor er ins Ratsgebäude eilt, nimmt er sich im Nieselregen einige Minuten Zeit, seine Sicht der Dinge zu schildern.
    Es gehe darum, die Länder zu unterstützen, in denen bereits viele Flüchtlinge sind. Er denke da an die Türkei, den Libanon, Jordanien. Damit die Flüchtlinge dort bleiben.
    Es sind erste Wortmeldungen eines langen Tages, die von Ata Seker und Hasan Esen im Pressesaal genau verfolgt werden. Die beiden Journalisten arbeiten für die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Sie haben einen Tisch gleich neben dem Café bezogen, in einem nur durch Glaswände abgetrennten Raum. "Uns interessiert, welches Angebot die Staats- und Regierungschefs der Türkei machen werden", erklärt Hasan Esen. Der 34-Jährige verstärkt das Büro der Agentur erst seit wenigen Tagen. Eines aber weiß er auch ohne jahrelange Gipfelerfahrung:
    "Ohne die Türkei kann die EU diese Krise nicht lösen."
    "Wir brauchen die versprochene Milliarde nicht"
    Und kann die Mitgliedsländer erst einmal kommen lassen. Was die wollen? Sein Kollege Ata Seker zuckt mit den Schultern. Obwohl er vermutlich recht genau weiß, um was es der EU geht. Aber er nutzt die Frage für eine Spitze:
    "Wir kennen die einzelnen Positionen nicht. Es gibt ja in der EU nicht DIE Position, jeder Staats- und Regierungschef hat eine eigene.
    Die müssen sich mal klar darüber werden, was sie wollen. Und das müssen sie klar sagen. Warum braucht ihr die Türkei? Was erwartet ihr von der Türkei? Wollt ihr, dass die Türkei für die EU die schmutzige Arbeit übernimmt? Dann sagt es! Und was bietet ihr dafür an? Und wo trifft man sich dann in der Mitte?"
    Darüber rätseln derzeit alle Journalisten im Pressesaal, egal welcher Nationalität. Hasan Esen schaut auf seine Smartwatch, auf der Uhr wird gerade die neuste Eilmeldung angezeigt.
    "Es geht nicht um Geld. Wir brauchen die versprochene Milliarde nicht. Noch ist da ja auch nichts klar. Außerdem haben die uns das Geld ja schon versprochen. Sie können uns nicht das Gleiche immer wieder anbieten."
    Dann kursiert beim Gipfel die Nachricht, dass es der türkischen Regierung sehr wohl auch um Geld geht. Von drei Milliarden Euro ist die Rede, die die Türkei von der EU fordert. Die verspricht sich von einer finanziellen Unterstützung wiederum, dass die Türkei ihren Grenzschutz verbessert.
    "Ich meine, selbst wenn die Türkei auf jedem Strand einen Polizisten platziert und die Küstenwache patrouilliert, werden immer wieder Menschen fliehen. Der Fluchtgrund bleibt ja. Wenn wir die Krise in Syrien, im Irak, den Konflikt mit dem IS nicht lösen, dann bleibt das so. Wenn der Weg durch die Türkei versperrt ist, dann suchen sie sich andere Wege."
    Schlüsselland in der Flüchtlingskrise
    Noch aber ist die Türkei ist als Nachbarstaat Syriens und als Anrainer der EU-Mitglieder Griechenland und Bulgarien ein Schlüsselland in der Flüchtlingskrise.
    Über zwei Millionen Menschen haben in den vergangenen Jahren dort Zuflucht gefunden - angekommen sind sie nicht, die meisten Syrer versuchen sich außerhalb der Flüchtlingslager durchzuschlagen, oft mehr schlecht als recht. Ata Seker sieht das anders:
    "Wir teilen ja alles, was wir haben", sagt er. Aber auch: "Wenn sie dann weiter wollen, können wir sie nicht aufhalten. Die Türkei ist kein Gefängnis. Sie ist nicht Europas Gefängnis."
    Sein Kollege Hasan Esen schaut wieder auf die Uhr, dieses Mal, um ihre eigentliche Funktion zu nutzen. Die Staats- und Regierungschefs beenden ihre Beratungen schließlich nach Mitternacht. Bundeskanzlerin Angela Merkel zieht Bilanz:
    "Hier hat es eine Reihe von Fortschritten gegeben erstens bezüglich der finanziellen Zusagen für die Unterstützung der Flüchtlinge die in den Lagern aber auch in der Türkei leben, aber auch was den Migrationsdialog mit der Türkei angeht, den die Kommission angestoßen mit der Türkei geführt hat."
    Im Pressesaal bricht Betriebsamkeit aus, die erste Agenturmeldung muss raus. Hasan Esen und Ata Seker beugen sich über ihre Laptops. Zeit haben sie keine. Um Visaliberalisierung wird es gehen, soviel steht fest.