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Ukraine
Hoffnung in Gelb-Blau

Die Zelte sind verschwunden vom Maidan, dem Ort, wo die Proteste in der Ukraine ihren Anfang nahmen. Geblieben ist auf dem zentralen Platz in Kiew die Hoffnung. Viele beschwören in diesen Tagen die Einheit ihres Landes - auch wenn es schwer fällt.

Von Johanna Herzing | 27.10.2014

    Menschen flanieren am ukrainischen Unabhängigkeitstag über den Maidan in Kiew.
    Die Zelte sind verschwunden vom Maidan, auch die Demonstranten. (picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka)
    Cyganow Jevgenij Aleksejewicz, Tarnname Cygan, vom Batallion Donbass. Selbst die Untereinheit nennt der Mann mit den stahlblauen Augen und den tiefen Falten im Gesicht. Er steht neben einem schwarzen Militärjeep, dessen Kofferraum geöffnet ist. Drinnen stapeln sich Plastiktüten voller Decken, Kleidung, Konserven. Alles Spenden, die hier vorbeigebracht werden, von "normalen Leuten", sagt Evgenij. Er selbst wurde bei Kämpfen verwundet. Eigentlich liegt er in einem Kiewer Krankenhaus, aber er kommt oft zum Maidan, um Kameraden zu treffen, die hier Spenden für die Armee sammeln – auch am Tag der Parlamentswahl. Die kümmert ihn nicht besonders:
    Ihm würde das Wahlrecht vorenthalten, sagt er. Evgenij stammt aus der Gegend von Luhansk in der Ostukraine. Er hätte extra hinfahren müssen, aber in seiner Heimat herrscht Krieg. Er selbst hat sich – wie so viele – freiwillig zur Armee gemeldet, die große Politik ist dem ehemaligen Stahlarbeiter eher fremd. Ginge es nach ihm, dann müsste sich die Ukraine überhaupt nicht zwischen Europa oder Russland entscheiden:
    "Ich weiß gar nicht, was das ist, die Europäische Union. Das interessiert mich auch gar nicht. Man stellt uns vor die Wahl: Russland oder die EU. Aber ich habe da ganz andere Vorstellungen. Ich möchte in einer Ukraine leben, auf die Europa und Russland neidisch sind. Lachen Sie bitte nicht, wir haben doch die reichsten Böden, das allerfleißigste Volk. Wir haben doch tolle Perspektiven. Wenn die Menschen sich nur gegenseitig mehr wertschätzen und wohlwollender sind, dann gelingt uns doch alles."
    Die prorussischen Kämpfer im Osten, das seien vor allem arbeitslose, runtergekommene Leute, die für ein bisschen Geld alles bereit sind zu machen. Die müsste man zur Vernunft bringen.
    "Man muss reden, reden, reden. Und nicht einfach abschätzig sagen: Du bist ein Separatist, du ein Bandera-Anhänger und du ein Moskowiter. Wir sind doch alle gleich. In unserem Bataillon waren welche aus Doneck, aus Luhansk und anderen Orten, wo es hieß, das sind alles Banditen und Mörder, die damals am Maidan gewütet haben. Aber wir haben mit denen ein Zelt geteilt, haben zusammen gegessen, getrunken, alles zusammen gemacht; nicht mal die Sprache war ein Problem."
    Es stapeln sich gelb-blaue Fähnchen und T-Shirts
    Die Einheit des Landes beschwören in diesen Tagen viele. Der ganze Wahlkampf war davon bestimmt, und für viele Wähler geht es vor allem um eines: Sie wollen endlich wieder Frieden im Osten des Landes. Präsident Petro Poroschenko steht für dieses Versprechen. Nicht weit entfernt von Evgenij und seinen Kameraden hat Svitlana ihren Stand aufgebaut. Auf dem Tisch vor ihr stapeln sich gelb-blaue Fähnchen und T-Shirts mit allerlei Aufschriften und Symbolen. Wilde, martialisch aussehende Kosaken sind abgebildet; außerdem das Wappen der Ukraine, der Dreizack. Gerade hat ein Student ihr so eines abgekauft.
    Die seien jetzt sehr in Mode, sagt Svitlana, die Jugend sei ganz und gar patriotisch gestimmt. Was sich sonst noch gut verkauft? Die Verkäuferin deutet auf ein paar Hemden und liest vor:
    "Hier 'Tod den Feinden', weiter unten dann 'Besser als Wolf sterben als leben wie ein Hund”. Hier haben wir noch so einen Slogan aus der Zeit der Maidan-Bewegung 'Sklaven kommen nicht ins Paradies', na und hier noch 'Lieber stehend sterben als auf Knien leben'."
    Als hier auf dem Maidan noch die Zelte standen, hat Svitlana gut verkauft; bevor sie in den Krieg zogen, hätten sich die Jungs hier bei ihr eingedeckt. Aber die Zeiten sind vorbei. Die Zelte sind verschwunden und auch die Demonstranten. Geblieben sind Tafeln, die an die Toten erinnern und Fotoaufsteller von Soldaten an der Front. Die Wahl, sagt Svitlana, habe ihr kein großes Geschäft beschert. Kaum einer hätte mehr Geld. Dass Poroschenko gewinnt, daran hat sie keinen Zweifel. Hoffnungsvoll stimmt sie das aber trotzdem nicht. Sie selbst lebt zwar seit zehn Jahren in Kiew, aber ihre Mutter und ihr Bruder, die sind in der Ostukraine. Wie es ihr selbst mit all dem geht?
    "No comment!"
    Svitlana wendet sich ab; vor Fremden weint sie nicht.