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Krieg in der Ukraine
Viele russische Sportfunktionäre weiter im Amt

Fast alle Sportweltverbände haben Athletinnen und Athleten aus Russland und Belarus inzwischen von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. In den Verbänden selbst sitzen aber vor allem russische Funktionäre oftmals noch fest im Sattel. Daran wird sich wohl auch so schnell nichts ändern.

Von Raphael Späth | 06.06.2022
Russland-Flagge und Olympia-Flagge im Stadion
Keine Athleten unter russischer Flagge (dpa / Hannibal Handschke)
"Im Moment ist das Gefühl der Machtlosigkeit da": Jörg Brokamp ist Vorstandsmitglied des Internationalen Schießverbandes ISSF. Der Verband steht sinnbildlich für den Großteil der Sportverbände, der sich weiterhin vor Sanktionen gegen russische und belarussische Funktionäre scheut. Im Gegenteil: Mit Vladimir Lissin führt einer der mächtigsten Oligarchen Russlands auch heute noch als Präsident die Geschicke im Verband.
Vladimir Lissin, einer der mächtigsten Oligarchen Russlands und Präsident des Internationalen Schießverbandes.
Vladimir Lissin, einer der mächtigsten Oligarchen Russlands und Präsident des Internationalen Schießverbandes. (imago/ITAR-TASS)
Auch der europäische Schützenverband wird von einem russischen Funktionär geführt: Alexander Ratner ist gleichzeitig auch noch Generalsekretär des Weltverbandes. "Das heißt, man hat das gesamte System über eine Kaskade quasi eingenommen."

Forderungen, Ämter ruhenzulassen, werden ignoriert

Jörg Brokamp hat als Geschäftsführer des Deutschen Schützenbundes gemeinsam mit dem Schweizer Verband einen Brief an Lissin und Ratner geschrieben, in dem die Präsidenten dazu aufgefordert werden, zumindest vorübergehend ihre Ämter ruhenzulassen. Eine Forderung, der sich inzwischen viele weitere, weitestgehend westeuropäische und nordamerikanische nationale Verbände angeschlossen haben.
"Das ist im Grunde genommen ignoriert worden und die Position, die man dort vertritt, so wird es auch nach außen dargestellt, ist: Wir, sprich die Präsidenten der ISSF und des europäischen Verbandes, haben ja nichts mit dem Krieg zu tun. Und auch die Sanktionen des IOC richten sich ja nicht gegen einzelne Präsidenten oder Offizielle, sondern eben nur im Bereich des Sports und der direkt am Sport Betroffenen."

IOC verzichtet auf Sanktionen gegen russische Mitglieder

Auch das Internationale Olympische Komitee mit Sitz im Schweizer Lausanne verzichtet bis heute auf Sanktionen gegen die eigenen russischen Mitglieder – obwohl auch die Schweizer Politik das IOC inzwischen schon zum Handeln aufgefordert hat.
„Man muss beachten, dass die Funktionäre, um die es hier geht, meistens eine noch engere Beziehung zu den Regimen aufweisen als die Sportlerinnen und Sportler, die ja bereits sanktioniert sind. Umso unverständlicher ist für mich die Reaktion des IOC", sagt beispielsweise der Schweizer Nationalrat Roland Fischer im Schweizer Rundfunk. Das IOC beharrt aber weiterhin auf seiner Position.
„Nach internationalem Recht sollten und können keine Menschen sanktioniert werden, die nicht für etwas verantwortlich sind“, sagt IOC-Präsident Thomas Bach Ende Mai. "Der Krieg wurde nicht von den russischen Bürgern, den Athleten, dem Russischen Olympischen Komitee oder den IOC Mitgliedern in Russland gestartet. Es gibt keine Gerechtigkeit, wenn man alle über einen Kamm schert. Das wäre sogar kontraproduktiv, weil es ins Propaganda-Narrativ derjenigen fallen würde, die behaupten, dass Sanktionen nur ein weiterer Teil einer Verschwörung gegen das eigene Land seien."

"Ein Funktionär aus Russland wird immer als russischer Funktionär angesehen"

"Ich kann das nicht genau nachvollziehen, weil selbstverständlich wird ein Funktionär, der aus Russland kommt, immer als russischer Funktionär angesehen werden, genauso wie ein deutscher Funktionär als deutscher Funktionär angesehen wird", sagt Heike Ahlert, die als Vize-Präsidentin des Europäischen Tischtennis-Verbandes auch Einfluss im Weltverband hat. "Aber das ist glaube ich der Hintergrund, warum es so viele unterschiedliche Konsequenzen in den verschiedenen Verbänden gibt."
In europäischen Sportverbänden ist die Situation oftmals nicht ganz so dramatisch: Der europäische Fecht-Verband hat seinen Präsidenten auf einem außerordentlichen Kongress erst kürzlich abgewählt. Igor Levitin, ein enger Putin-Vertrauter und ehemaliges Kabinettsmitglied, ist schon Anfang März selbstständig als Präsident des europäischen Tischtennis-Verbandes vorübergehend zurückgetreten.
„Igor Levitin hat selbst gesagt: Er suspendiert sich selbst bis auf Weiteres, um dem europäischen Tischtennis-Verband nicht zu schaden“, sagt Heike Ahlert. „Also von daher – er weiß ganz genau, dass es für ihn wichtig war, sich zunächst zurückzuziehen, damit wir in der Sache weiterarbeiten können.“

In Weltverbänden ein anderes Bild

Ein anderes Bild ergibt sich in den Weltverbänden: Nur sieben von 40 olympischen Verbänden haben russische und belarussische Funktionäre bisher sanktioniert. Der Präsident des Welt-Schießverbandes Vladimir Lissin posiert auch heute noch fröhlich bei Weltcups mit Athletinnen und Athleten auf dem Siegerpodest, greift sogar aktiv ins Wettkampfgeschehen ein und fordert Regeländerungen.
"Ich sage es ist ein Good-Governance-Problem", findet Exekutivmitglied Jörg Brokamp: "Nach außen hin verkauft man Good Governance und man ist transparent und will alle einbinden. Aber letztendlich geht es darum, seine eigene Position da durchzudrücken, und das in aller Konsequenz."
Lissin selbst zählt als Stahlunternehmer zu den reichsten Menschen Russlands, schon früh in seiner Amtszeit als ISSF-Präsident hat er aus eigener Tasche einen 10-Millionen-Dollar schweren Entwicklungsfonds aufgesetzt. Davon profitiert haben vor allem die kleineren Verbände aus Afrika und Asien.
Jörg Brokamp erklärt, dass genau diese Verbände jetzt einem außerordentlichen Kongress und einer Abwahl Lissins bei der Generalversammlung im November im Weg stehen. "Es sind eben halt auch viele kleine Nationen, die dort dann auch zur Stimmabgabe gehen. Das findet auch in einem netten Rahmen statt, in Scharm El-Scheich, wo der internationale Verband dann auch die Kosten übernimmt, dass dann jede Föderation auch Delegierte entsenden kann. Und wer sagt dann schon Nein dazu? Und wenn man dann so nett eingeladen wird, wer beißt dann die Hand, die einen dort vielleicht gefüttert hat?"