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Ukraine und Polen
Gemeinsam gegen Russland

Polen zeigt sich in der Krise so solidarisch wie nie mit der Ukraine. Und das, obwohl die gemeinsame Geschichte von der Figur des umstrittenen Partisanenführers Stepan Bandera überschattet wird. Historiker hoffen, dass die neue Solidarität zu einer neuen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit führt.

Von Sabine Adler | 14.04.2014
    Ein Demonstrant hält ein Schwarz-weiß-Bild von Stepan Bandera in der Hand, dessen Gesicht darauf durchgestrichen ist, im Hintergrund weitere Demonstranten und rote Fahnen
    Ein Demonstrant mit Bandera-Foto in St. Petersburg: Russland nutzt Bandera zu Propaganda-Zwecken (dpa/picture alliance/Anatoly Maltsev)
    Held oder Verbrecher? Kaum jemand in der ukrainischen Geschichte ist so umstritten wie Stepan Bandera. Der ukrainische Partisanenführer kämpfte sowohl gegen die Nazis als auch gegen die Rote Armee und wird deshalb in der Westukraine verehrt. Für die Sowjetunion war er ein Volksfeind, Nazi-Kollaborateur und Antisemit, für die Polen der Vordenker des Massenmordes an der polnischen Minderheit in der Ukraine. Doch ausgerechnet Polen, das unter den Bandera-Anhängern wie kaum ein anderes Land gelitten hat, zeigt sich immun gegen die Anschuldigungen Moskaus, auf dem Maidan und in der neuen ukrainischen Regierung herrsche eine faschistische antisemitische Clique. Der polnische Historiker Wieslaw Wladyka hat dafür eine Erklärung und empfiehlt, genau hinzuschauen.
    "Das ist natürlich Propaganda, russische. Dennoch sollten wir uns fragen, was für ein Gesicht diese Demokratie, diese ukrainische Freiheit hat, die sich da verteidigt? Man ist zurückgekehrt zum Bandera-Kult, aber das geschieht in einer mythischen Form. Das weckte Unruhe und auch Proteste in Polen. Aber die Maidan-Bewegung hat sich keineswegs radikalisiert. Hier geht es eher um eine Ästhetik - in Uniformen, Parolen, Symbolen. Die sind auf dem Maidan zu finden, wecken Spannungen. Aber das war nicht die Hauptströmung, hat die Bewegung nicht dominiert, wurde vielmehr marginalisiert. Zur Ehre der Ukrainer haben sich dort diese Tendenzen, diese Parolen oder wie Putin sagt - diese faschistische Idee - nicht gezeigt."
    Undifferenzierte Betrachtung Banderas
    Andrej Portnow, der ukrainische Historiker-Kollege, beklagt seit Jahren, dass sich Wissenschaftler in seinem Land nicht gründlich mit der komplizierten Figur Banderas auseinandersetzen, keine gesellschaftliche Debatte stattfindet. Außerdem würden Politiker, die keineswegs dessen Erbe antreten, sich dennoch nicht distanzieren. So habe die russische Propaganda leichtes Spiel.
    "Die macht sich das sowjetische Stereotyp zunutze. Das kann man nicht zerstören und man kann auch nicht dagegen ankämpfen, denn an der Figur gibt es nichts zu verteidigen. Die ukrainische Partisanenarmee hat in einer geplanten Aktion die polnische Zivilbevölkerung vernichtet, sie und Bandera werden bis heute nicht differenziert betrachtet. Ebenso wenig ihr antisowjetischer Kampf, der noch zehn Jahre nach Kriegsende geführt wurde. Es gab Kollaboration mit aber auch Aktionen gegen deutschen Faschisten, Bandera führte die ukrainischen Nationalisten. Alles sehr kompliziert. Aus russischer Sicht war es sehr klug, gerade mit der Person Bandera zu arbeiten, alle Maidan-Anhänger zu Banderowszi zu erklären, denn mit keinem anderen Namen verbindet sich so viel Negatives."
    "Die ukrainische Gesellschaft ist noch nicht reif genug"
    Die jetzige polnische Regierung tritt als Anwältin der Ukraine in Europa auf, die Polen zeigen sich solidarisch wie nie mit den von Russland bedrohten Ukrainern. Historiker Wladyka hofft, dass das hilft, sich bald auch gemeinsam der Geschichte zuzuwenden.
    "Bis jetzt war das asymmetrisch. Auf der polnischen Seite gab es die Bereitschaft, Gespräche zu führen, es sind sehr gute historische Arbeiten entstanden, die auch selbstkritisch die polnische Tradition beleuchten. Die ukrainische Gesellschaft ist noch nicht reif genug. Was bei vielen Staaten der Fall ist, die sich aus der sowjetischen Gefangenschaft befreit haben. Sie sind bis heute nicht imstande, ihre Geschichte kritisch anzuschauen. Die Polen sind da die große Ausnahme."