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UmschulungMigranten als Erzieher

In deutschen Kitas fehlen 120.000 Erzieherinnen. Interessenten mit ausländischen Abschlüssen gäbe es zu genüge. Diese werden in Deutschland aber nicht anerkannt. Ein Berliner Modellprojekt soll Abhilfe schaffen: Erzieherinnen sollen in zwei statt in drei Jahren die staatliche Anerkennung erwerben.

Von Kemal Hür | 08.08.2014

Nadezda Scheve ist studierte Musiklehrerin. Ihren Beruf hat sie in ihrer alten Heimat Weißrussland studiert und dort an Musikschulen unterrichtet. Die Mutter von zwei Kindern lebt seit 16 Jahren in Berlin. Hier wird ihr Abschluss nicht anerkannt. Deswegen hat sie als Kellnerin und Putzkraft gearbeitet. Später machte sie sich im Einzelhandel selbstständig. Aber den Gedanken, irgendwann wieder als Pädagogin zu arbeiten, hat sie nie aufgegeben, sagt sie.
"Das ist das, was mir eher liegt am Herzen. Und so alt bin ich ja nicht, kann ich noch alles machen. Und dann habe ich mich entschlossen, doch jetzt noch in pädagogischen Bereich auch wenn nicht direkt in meinen Beruf - einzusteigen."
Bildungsgutschein während der Ausbildung
Möglich macht das ein Modellprojekt an der staatlichen Erzieherschule Anna-Freud in Berlin-Spandau. Dieses wurde eigens für Akademikerinnen mit einem ausländischen Abschluss entwickelt. Die Pädagoginnen, deren Zeugnisse in Deutschland nicht anerkannt werden, sollen in zwei Jahren zu staatlich geprüften Erzieherinnen ausgebildet werden. Die reguläre dreijährige Ausbildung wäre für Nadezda Scheve nicht infrage gekommen.
"Mir fehlen die Mittel da. Wovon soll ich denn leben? Ich habe Familie zu ernähren. Ich habe hier nicht Verwandte, Familie, die mich finanziell unterstützen können. Und ich muss selber alles auf die Beine stellen."
Für die zweijährige Ausbildung bekommt Nadezda Scheve einen Bildungsgutschein vom Jobcenter. Damit ist ihr Lebensunterhalt für die Dauer der Ausbildung gesichert. Nebenbei arbeiten, das wäre kaum zu schaffen. Denn in den zwei Jahren wird der gesamte Lernstoff der regulären dreijährigen Erzieherinnenausbildung durchgenommen.
Schwerpunkt liegt auf interkultureller Kompetenz
Zusätzlich erhalten die Teilnehmerinnen fachspezifischen Deutschunterricht. So viel Stoff in nur zwei Jahren? Kein Problem, sagt Lehrgangsleiterin Dane Krause vom Trägerverein Gesellschaft für interkulturelles Zusammenleben.
"Es gibt ja nach dem Schulgesetz die Möglichkeit für alle, wenn sie pädagogisches Wissen mitbringen, die reguläre Ausbildung um ein Jahr zu verkürzen. Und das nutzen wir hier und geben eben auch Menschen mit Migrationshintergrund die Möglichkeit, die gleiche Chance zu haben, in einer kürzeren Zeit, die staatliche Anerkennung zu erreichen."
Ein besonderer Schwerpunkt der Ausbildung soll die interkulturelle Kompetenz sein. Der Migrationshintergrund der Auszubildenden bedeutet nicht per se, dass sie für die Arbeit in Berliner Kitas vorbereitet sind, sagt Krause.
"Aufgrund ihrer Erfahrungen sind sie ein Stück sensibilisiert für bestimmte Dinge. Nichtsdestotrotz haben wir es ja in Berlin mit ganz unterschiedlichen Kulturen zu tun. Und uns geht's vor allem darum, zu lernen, mit der Vielfalt umzugehen, und darauf legen wir dann den Fokus in der Ausbildung."
Modellprojekt ein Tropfen auf dem heißen Stein?
Laut dem Ländermonitor 2014 fehlen in Berlin 10.000 Erzieherinnen. So erscheint die neue Ausbildungsklasse für die Migrantinnen wie ein Tropfen auf dem berühmten heißen Stein. Trotzdem sind die 20 Ausbildungsplätze noch nicht alle besetzt. Der Berliner Senat habe sich nach einem Jahr Verhandlungszeit bereit erklärt, eine Lehrerstelle zu finanzieren. Aber das Projekt sei nicht öffentlich beworben. Deswegen gibt es noch freie Plätze.
Nadezda Scheve ist glücklich, dass sie nach 16 Jahren ihrem Traum näher gekommen ist, bald wieder als Pädagogin arbeiten zu können:
"Je älter ich geworden bin, desto bewusster wurde mir: Ich hab doch was gelernt, ich hab doch studiert, und ich kann doch in meinem Beruf. Und ich bin froh darüber, dass das nicht zu spät ist."