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Kita-Ausbau
Bertelsmann-Stiftung fordert Qualitätsstandards

Die Bertelsmann-Stiftung beklagt, dass es in Deutschland etwa 120.000 Erzieher zu wenig gibt, um eine hochwertige frühkindliche Bildung in den Kitas zu gewährleisten. Nach Berechnungen der Stiftung würden diese zusätzlichen Fachkräfte Personalkosten von jährlich fünf Milliarden Euro verursachen. Sie fordert bundesweit geltende Qualitätsstandards.

Von Stefan Maas | 25.07.2014

    Es ist ein gewaltiger Mangel, den die Experten der Bertelsmann-Stiftung in deutschen Kitas ausmachen. 120.000 Erzieherinnen fehlten deutschlandweit, wenn die frühkindliche Bildung eine hohe Qualität haben solle, schreiben sie in einer heute veröffentlichten Studie. Voraussetzung für gute Betreuung sei unter anderem ein angemessener Personalschlüssel. Sagt Katrin Bock-Famulla, eine der Autorinnen der Studie:
    "Im Idealfall ist es so, wie wir es auch empfehlen würden, sollten für Kinder unter drei Jahren ein Personalschlüssel von 1 zu 3 vorgehalten werden, also eine Erzieherin ist zuständig für drei Kinder, und im Bereich der Über-Dreijährigen sollte ein Personalschlüssel von 1 zu 7,5 vorgehalten werden."
    Doch von diesem Ideal ist die Realität oft weit entfernt. Dabei ist auch ein Gefälle zwischen Ost- und Westdeutschland erkennbar, sagt die Bertelsmann-Expertin:
    "Faktisch ist es aber so, dass wir jetzt im Bereich der Kinder unter drei Jahren im Durchschnitt in Deutschland einen Personalschlüssel von 4,6 haben, aber in den östlichen Bundesländern einen Personalschlüssel von 6,3."
    Auch von Bundesland zu Bundesland sei die Situation sehr verschieden. Denn jedes Bundesland legt selbst fest, um wie viele Kinder sich eine Erzieherin kümmern muss. Bremen und Baden-Württemberg kämen dem von der Bertelsmann-Stiftung angesetzten Idealverhältnis von eins zu drei sehr nahe.
    Besonders wenige Erzieherinnen in Mecklenburg-Vorpommern
    Der Blick nach Sachsen-Anhalt zeigt: Dort muss sich eine Erzieherin um doppelt so viele Kinder unter drei kümmern wie die Stiftung es für wünschenswert hält.
    "Besonders schwierig ist die Situation in Mecklenburg-Vorpommern aber auch bei den Kindern ab drei Jahren. Wir empfehlen da ja einen Schlüssel von 7,5, und in Mecklenburg-Vorpommern müssen wir feststellen, dass dort eine Erzieherin für fast 15 Kinder zuständig ist."
    Um den Personalbedarf richtig zu berechnen, sagt Bock-Famulla, sei auch wichtig, zu berücksichtigen, wie viel von ihrer Arbeitszeit Erzieherinnen tatsächlich auch für die Kinder aufwenden könnten. Denn zur Arbeit von Erzieherinnen gehörten eben auch
    "Zeiten, die erforderlich sind für Arbeiten ohne die Kinder, wie beispielsweise Elterngespräche oder auch Vor- und Nachbereitungszeiten und Urlaubszeiten. Wenn man jetzt davon ausgeht, dass von der gesamten Arbeitszeit der Erzieherinnen nur 75 Prozent – und das ist eine untere Grenze – für die Kinder zur Verfügung stehen, verschlechtert sich die Situation."
    Was das in der Praxis bedeute, lasse sich am Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns verdeutlichen.
    "Ein Personalschlüssel von 1 zu 15 bedeutet, dass für die konkrete pädagogische Arbeit dann aber eine Erzieherin für fast 20 Kinder zuständig ist."
    Bertelsmann-Stiftung fordert bundesweite Qualitätsstandards
    Um diese Situation zu verbessern, fordert die Bertelsmann-Stiftung bundesweit einheitliche Qualitätsstandards und ein Bundes-Kita-Gesetz. In dem müsse ein Personalschlüssel festgelegt werden.
    "Darüber hinaus empfehlen wir aber auch im Bereich der Kita-Leitung einen einheitlichen Standard, weil wir auch hier wissen, dass es große Unterschiede gibt. Darüber hinaus ist es auch wichtig, dass im Bereich der Fort- und Weiterbildung und auch im Bereich der Fachberatung Standards etabliert werden, und wir konnten ja jüngst auch feststellen, dass im Bereich der Mittagsverpflegung erhebliche Defizite in Deutschland bestehen, und dass auch hier einheitliche Standards erforderlich sind."
    Kosten würde das fünf Milliarden Euro im Jahr, haben die Studienautorinnen berechnet. Die Personalaufwendungen in dem Bereich müssten um ein Drittel erhöht werden. Deshalb sei es nötig, dass auch der Bund sich finanziell beteiligte, erklärt Kathrin Bock-Famulla. An den Personalkosten, aber auch an den Kosten, die entstünden, wenn bundeseinheitliche Standards geschaffen würden. Bund, Länder und Kommunen müssten sich die Kosten am Ende teilen.