
"Umstrittene Justizreform", "Umstrittener Anbau am Weißen Haus" – oft titeln Zeitungen in dieser Art über Sachverhalte, die eben nicht einfach nur umstritten sind, sondern zum Beispiel objektiv verboten, manchmal rassistisch und manchmal verfassungswidrig. Es scheint aber eine Vorsicht zu geben, diese Dinge zu benennen.
Das Wort "umstritten" hatte sich ein Kollege im Deutschlandfunk schon mal genauer angesehen und gesagt: "Oft behauptet der Begriff Meinung, wo es um Fakten geht." Die Schlussfolgerung dort war, dass Journalisten das Wort nicht benutzen sollten, wenn sie es besser wissen.
Journalisten verstärkt bedroht
Also frage ich: Wieso tun sie es doch? Die Antwort darauf ist, dass sie sich mit dem Begriff selbst nicht festlegen müssen. Das passiert dann, wenn die Entscheidung über eine Formulierung von der ängstlichsten Person im Raum getroffen wird.
Es ist ja kein Geheimnis, dass Journalistinnen und Journalisten in letzter Zeit verstärkt unter Bedrohungen arbeiten. Wütende Leserbriefe wurden schon immer geschrieben, aber inzwischen werden solche Aktionen in Foren koordiniert und nicht selten durch KI und Bots komplett automatisiert.
Einknicken ist eine fatale Falle
Ich weiß das, weil ich selbst solche Zuschriften bekomme, wenn ich publiziere. Besonders in rechtsgerichteten Kreisen hat man das als Mittel für sich entdeckt. Die Angst davor führt dazu, dass Medien häufig in eine vermeintliche Neutralität flüchten, die natürlich keineswegs neutral ist. Und das führt dann zu beschwichtigenden Formulierungen wie "umstritten". Der Klimawandel ist ja nicht umstritten, sondern Fakt. Der menschliche Anteil daran genauso.
Das Problem ist, dass einzelne Briefe viel mehr Eindruck schinden als beispielsweise eine Umfrage. Weil Chefredakteure Menschen sind und das menschliche Gehirn auf eine Zuschrift nun mal anders reagiert als auf eine Zahl. Also formuliert man lieber weicher. Lieber mehr Meinung, weniger Faktenbehauptung. Dann schreibt man "Menschen sagen..." statt "Das ist so".
Das ist allerdings eine fatale Falle. Denn wenn eine Redaktion, aus verständlichem Selbstschutz, in vorauseilendem Gehorsam vor einem wütenden Mob einknickt, hat der wütende Mob nur einen Grund mehr, wütende-Mob-Dinge zu tun. Denn es funktioniert ja. Wenn ich durch Beschwerde- und Drohbriefe die Wahrheit in einer Demokratie vor mir hertreiben kann, dann werde ich das als politisch motivierte Person natürlich tun.
Es braucht klare Überschriften
Mein Rat hier wäre die alte Maxime: Mit Terroristen verhandelt man nicht. Briefe an Redaktionen sind ein legitimes und auch wertvolles Mittel, um zusätzliche Perspektiven in eine Debatte zu bringen und auch Feedback zu geben. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass sie auch instrumentalisiert werden von Leuten, die die freie Presse am liebsten komplett abschaffen würden. Und das ist ein Grund mehr, in einem Moment des Zweifels lieber einmal mutig zu entscheiden.
Nein, Massenüberwachung ist nicht umstritten, sie ist verfassungswidrig. Der Rassist hat sich nicht problematisch geäußert, er hat sich rassistisch geäußert. Und "das Internet regt sich auf über…" ist keine Schlagzeile, die ich in 2026 noch lesen möchte. Gerade in einer Zeit, in der hauptsächlich Überschriften gelesen werden, kommt es darauf an, den entscheidenden Inhalt in die Überschrift zu packen. Und "umstritten" ist da als Begriff oft zu schwach.














