
Die Politik ist bei vielen Entscheidungen auf wissenschaftliche Ergebnisse angewiesen, auch was soziale Medien betrifft. Was hilft gegen Hassrede? Wie sinnvoll ist ein Social-Media-Verbot für Jugendliche? Wie verbreiten sich Desinformationen?
Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern berichten: Der Zugang zu entscheidenden Daten wird von den Plattformen stark eingeschränkt.
Die Datenapokalypse und ihre Folgen
Der Deutschlandfunk hat knapp 25 Social-Media-Forschende zu Einschränkungen in ihrem wissenschaftlichen Alltag befragt. Sie beklagen, dass vor allem in den letzten Jahren der Datenzugang über API-Schnittstellen seitens der Plattformen stark eingeschränkt wurde. Dabei geht es um den Zugriff auf Informationen wie: Wie viele Posts gibt es zu einem bestimmten Thema, wie viele Likes zählen sie und wer bekommt die Inhalte angezeigt?
Eine Folge: „Plattformen wissen viel über uns, und wir wissen wenig über sie. Das hat direkte demokratische Konsequenzen“, sagt Simon Kruschinski vom GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. Dort dokumentieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler solche Einschränkungen systematisch. Die digitale Welt ließe sich ohne ausreichend Daten nur schwerlich erforschen, sagt Kruschinski: „Das Ergebnis sind politische Entscheidungen, die auf Schlagzeilen statt auf Evidenz basieren.“
Bürokratische Hürden trotz EU-Gesetz
Durch das EU-Gesetz über digitale Dienste (DSA) haben Forschende einen Anspruch auf Daten, wenn sie sogenannte systemische Risiken für die EU untersuchen. Dazu zählen beispielsweise: die Verbreitung illegaler Inhalte, gesundheitliche Auswirkungen oder Wahlbeeinflussung durch soziale Medien. Die EU hat auf Basis des Gesetzes bereits eine Strafe gegen die Plattform X verhängt. Forschende berichten von ersten Verbesserungen der Datenlage. In der Praxis stießen sie aber weiterhin auf bürokratische Hürden.
Ein Beispiel: Um an Daten zu gelangen, müsse man meist erst einen Antrag mit teilweise Dutzenden Einzelangaben stellen, erklärt Kruschinski, „darunter auch Informationen wie Geburtsdatum, Arbeitsvertrag oder Kontoauszüge, die mit den gesetzlichen Anforderungen nur wenig zu tun haben“. In einen Antrag fließen teilweise mehrere Wochen reine Arbeitszeit, erklärt Jana Lasser, Professorin für Datenanalyse an der Universität Graz. Bis zu einer Antwort könne ein halbes Jahr vergehen. Forschende berichteten weiter von langwierigen Rückfragen der Plattformen, was Druck erzeuge, Forschungsvorhaben im Umfang einzuschränken.
Eine neue Tabak-Situation?
Hinzu kommt, dass einige Konzerne selektiv mit der Wissenschaft kooperieren, was Fragen nach der Unabhängigkeit von Ergebnissen aufwirft. Eine viel diskutierte, aber noch nicht begutachtete Studie aus dem Januar 2026 stellt fest, dass rund die Hälfte von knapp 300 untersuchten Social-Media-Studien Verbindungen zur Industrie hatten. Zwar sind Forschungskooperationen nicht ungewöhnlich, doch auffällig ist eine inhaltliche Verschiebung: Beim Thema Desinformationen beispielsweise befassten sich industrienahe Studien häufiger mit individuellem Nutzerverhalten und seltener mit Algorithmen oder Plattformdesign.
Für Stephan Lewandowsky ist die Lage ernst. Der Kognitionspsychologe von der Universität Bristol in Großbritannien forscht seit Jahren zu Desinformation und digitalen Öffentlichkeiten. „Wir haben es hier mit einer neuen Tabak-Situation zu tun. Ein Produkt macht sehr viel Geld, ist aber schädlich“, erklärt er. Teile der Tabak- und auch Erdölindustrie hatten schon vor Jahrzehnten Zweifel in der Wissenschaft an den Auswirkungen ihrer Produkte gesät – um politisches Handeln zu verhindern. Social-Media-Plattformen seien heute einflussreicher als die Tabakkonzerne es je waren, meint Lewandowsky. Entsprechend groß sei ihr Einfluss darauf, welches Wissen über ihr Wirken überhaupt entstehen könne.
Das sagen die Konzerne – oder auch nicht
Die Plattform X verfügt seit der Übernahme durch Elon Musk über keine offizielle Pressestelle mehr. TikTok hat auf eine Anfrage des Deutschlandfunks nicht reagiert. Meta verwies über eine Agentur auf bereits öffentlich zugängliche Informationen, etwa zu den bereits vorhandenen Forschungstools wie der „Meta Content Library“. Außerdem erklärten sie, dass sie Milliarden Dollar in Maßnahmen etwa gegen Desinformationen auf ihrer Plattform investierten.
„Zunächst haben Onlineplattformen eine nur sehr eingeschränkte intrinsische Motivation, Forschung überhaupt zu unterstützen“, sagt Katrin Weller vom GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, „insbesondere, wenn man davon ausgeht, dass einige Forschungsvorhaben die Rolle der Plattformen in verschiedenen Kontexten hinterfragen“. Social-Media-Plattformen sind gewinnorientierte Unternehmen. Es treffen also unternehmerische auf wissenschaftliche und politische Belange – ein Balanceakt zwischen Geschäftsgeheimnis und gesellschaftlichem Interesse.
Die Bedeutung von Daten in einer Gesellschaft
„Eine Gesellschaft ohne Daten funktioniert nicht“, sagt Daniel Vorgrimler, der mit genau so einem Balanceakt zu tun hat. Er ist Abteilungsleiter beim Statistischen Bundesamt und stellvertretender Vorsitzender im Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten. „Da brauchen sie nicht nur in die Bibel zu schauen, mit Kaiser Augustus und seiner Volkszählung. Sobald sie eine Gesellschaft bilden, brauchen Sie Daten, um diese Gesellschaft zu steuern.“
Das reicht von der Volkszählung über die Inflation bis zum Bruttoinlandsprodukt. „Natürlich: Social Media ist ein anderes Produkt als ein Einzelhändler“, sagt Vorgrimler. Der Konflikt dahinter sei aber der gleiche. „Und natürlich kann die Gesellschaft dann sagen: Wir brauchen diese Daten aus übergeordnetem Interesse.“
Das fordern Forschende
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordern daher eine strikte Umsetzung des EU-Gesetzes über Digitale Dienste (DSA) und einen verlässlichen Zugang zu Plattformdaten wie den Codes hinter den Empfehlungsalgorithmen der sozialen Medien. Beim Datenzugang greift das EU-Recht aktuell bei klar definierten systemischen Risiken wie Gesundheit oder Wahlbeeinflussung. Kritiker halten das für zu eng gefasst. Fragen nach einer Polarisierung der Gesellschaft sollten demnach beispielsweise ebenfalls als systemgefährdend eingestuft werden.
Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordern auch, dass die Unternehmen ihr internes Wissen öffentlich machen, etwa zu den Auswirkungen ihrer Angebote auf psychische Gesundheit oder Extremismus. Nur so ließe sich die digitale Welt wirklich verstehen – und verbessern.






















