
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat die EU-Pläne für die Regulierung der Nutzung von sozialen Netzwerken durch Kinder und Jugendliche vorgestellt. Ziel des EU Kids Act ist es, den Zugang zu sozialen Medien für Minderjährige deutlich zu beschränken.
Kinder unter 13 Jahren sollen künftig keine Social-Media-Plattformen nutzen dürfen. Eigene Konten sollen für Jugendliche erst ab 15 Jahren möglich sein. Die Betreiberfirmen sollen das Alter der Nutzer prüfen, ansonsten droht eine Sperrung der Plattform. Der Gesetzesvorschlag bedarf noch der Zustimmung des Europäischen Parlaments und der Mitgliedsstaaten.
Die Hintergründe des EU Kids Act
Im Frühjahr 2026 hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine wissenschaftliche Expertengruppe damit beauftragt, die psychischen und neurologischen Auswirkungen von Social Media auf das sich entwickelnde Gehirn von Kindern zu untersuchen. Im Juli empfahl das Gremium weitreichende Nutzungsbeschränkungen für Kinder unter 13 Jahren. Der EU-Gesetzesentwurf stützt sich maßgeblich auf diese Ergebnisse zu Depressionen, Suchtverhalten und Schlafmangel bei Minderjährigen.
Zwar sehen die meisten großen Plattformen ein Mindestalter von 13 Jahren vor, Kritiker bemängeln jedoch, dass die Altersbeschränkungen bisher kaum konsequent durchgesetzt werden. Viele EU-Mitgliedstaaten – darunter auch Deutschland mit einer eigenen Expertenkommission – drängen deshalb auf eine strengere Regulierung. Die EU-Kommission sah sich auch zum Handeln gezwungen, um ein einheitliches europäisches Vorgehen sicherzustellen. Dabei orientiert sie sich an Ländern wie Australien, wo bereits seit 2025 ein striktes Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren verhängt wurde.
Von Altersgrenzen bis Sucht-Stopp: Die Maßnahmen des EU Kids Act
Der Gesetzentwurf sieht einen Stufenplan vor: Kindern unter 13 Jahren wird die Nutzung sozialer Medien komplett verboten. Mit 13 und 14 dürfen Jugendliche künftig nur stark eingeschränkte, von ihren Eltern kontrollierte Konten mit einem täglichen Zeitlimit nutzen. Ein eigenes Profil ist erst ab 15 Jahren erlaubt. Die Konten bleiben bis zur Volljährigkeit standardmäßig stark geschützt und in ihrem Funktionsumfang limitiert.
Die Plattformen werden gesetzlich zu einem sicheren Design gezwungen und müssen nachweisen, dass sie süchtig machende Funktionen wie Autoplay, endlose Feeds, Belohnungssysteme und Pushnachrichten für Minderjährige deaktiviert haben. Auch Funktionen wie Kamera, Standort und Mikrofon sind standardmäßig für Minderjährige tabu.
Wie sicher können Social Media für Kinder und Jugendliche wirklich sein?
Bisher haben die Schutzmaßnahmen der EU wenig gefruchtet. Der Kids Act bringt jedoch einen entscheidenden Wechsel im Umgang mit den Tech-Konzernen mit sich: In Zukunft müssen die Betreiberfirmen selbst proaktiv beweisen, dass ihre Dienste sicher sind, statt dass Behörden ihnen Verstöße nachweisen müssen. "Das ist auch ein kluger Gedanke, vielleicht hätte man das von vornherein so machen müssen", sagt Josephine Ballon von der gemeinnützigen Organisation HateAid, die sich für Betroffene von Hatespeech einsetzt.
Der EU Kids Act ist für Ballon "ein Fortschritt, allerdings zugleich auch eine politische Kapitulationserklärung". Denn der Gesetzesvorschlag zeige, dass die bisherigen Regeln in der europäischen Plattformregulierung "einfach nicht funktioniert haben". Ballon bezieht sich dabei vor allem auf den Digital Services Act, der 2024 in Kraft getreten ist und in Artikel 28 bereits umfangreiche Schutzmaßnahmen für Minderjährige vorschreibt. Deren praktische Umsetzung scheiterte bislang an den Plattformen. "Und offensichtlich sieht sich jetzt die EU-Kommission mit ihrem Latein am Ende."
Tatsächlich hat die EU mit dem Kids Act nun aber ein Werkzeug an der Hand, das "deutlich weiter geht als alle bisherigen Diskussionen auf nationaler Ebene", meint auch Bildungsforscherin Nina Kolleck. Das Gesetz setze direkt an der Wurzel des Problems an, indem es gezielt gegen süchtig machende Algorithmen sowie gegen gewaltverherrlichende und extremistische Inhalte vorgeht.
Dazu kommt: Die Tech-Plattformen sind auf Europa angewiesen, um weiter Profit zu machen. Man könne das gut an der starken Reaktion der US-Regierung auf die bisherigen Versuche der Plattformregulierung beobachten, meint Josephine Ballon. "Die EU sollte daran festhalten. Wenn deutsche oder europäische Unternehmen in den USA Geschäfte machen wollen, müssen sie sich auch an das geltende Recht halten."
Datenschützer sehen EU Kids Act kritisch
Datenschützer beurteilen den Kids Act nicht ganz so positiv. Vor allem die einhergehenden Alterskontrollen sind umstritten, da dafür mehr persönliche Daten erhoben werden müssen als bisher. Sie sollten daher so datensparsam wie möglich ausgeführt werden. Eine geplante europaweite Verifizierungsapp, die EUDI-Wallet, soll dabei helfen und Anfang 2027 auch in Deutschland verfügbar sein. Nutzerinnen und Nutzer sollen ein Mindestalter nachweisen können, ohne persönliche Daten wie Name oder Geburtsdatum an die großen Onlineplattformen weiterzugeben.
Doch die App stößt in mehreren EU-Ländern auf bürokratische Hürden. So haben in Deutschland die wenigsten unter 16 Jahren überhaupt einen Ausweis, um ihr Alter nachzuweisen. An Alterskontrollen wird die EU jedoch kaum vorbeikommen, sagt Josephine Ballon: "Keine Alterskontrollen zu haben, würde bedeuten, dass entweder Erwachsene nur das sehen dürfen, was auch Kinder sehen können, und es nichts anderes mehr in sozialen Medien gibt. Das ist unrealistisch. Oder dass eben Kinder immer das Gleiche sehen wie Erwachsene. Und das wollen wir nicht."
In Australien berichteten Jugendliche davon, dass sich das Social-Media-Verbot leicht umgehen ließe und man die Angebote einfach weiter nutzen könne. Auch auf der User-Ebene muss demnach viel getan werden, um die Sicherheit der Kinder und Jugendlichen zu gewährleisten.
Radiobeitrag: Vladimir Balzer, Onlinetext: Philipp Jedicke, Quellen: Deutschlandfunk, tagesschau.de, Handelsblatt











