Wahlkampf
Die TikTok-Taktik der AfD

Die AfD ist auf TikTok sehr präsent. Besonders bei jungen Wählerinnen und Wählern scheint sie dort gut anzukommen. Dafür flutet sie TikTok mit Inhalt und manipuliert so den Algorithmus der Plattform.

    AfD-Politiker Maximilian Krah auf der AfD-Wahlparty für die LAndtagswahl in Sachsen-Anhalt
    AfD-Politiker Krah hat auf TikTok Hunderttausende vor allem junge Nutzer erreicht. Wegen wiederholter Verstöße gegen die Richtlinien der Plattform wurde seine Reichweite im Frühjahr 2024 eingeschränkt. (picture alliance / AP Photo / Matthias Schrader)
    Der TikTok-Algorithmus ist geheim. Dennoch lässt sich beobachten, welche Inhalte besonders häufig ausgespielt werden. Warum sind darunter so viele Videos der AfD und anderer Akteure aus dem rechten Spektrum? Und welche Strategien stecken dahinter?

    Inhalt

    Der Einfluss von TikTok bei jungen Wählerinnen und Wählern
    Was über den Algorithmus bei TikTok bekannt ist
    Wie die AfD Reichweite generiert

    Der Einfluss von TikTok bei jungen Wählerinnen und Wählern

    Eins steht für Politikerinnen und Politiker fest: An TikTok und Instagram führt kaum ein Weg mehr vorbei - vor allem, wenn man junge Wählerinnen und Wähler erreichen möchte. Denn 66 Prozent der 13- bis 18-Jährigen informieren sich auf TikTok oder Instagram über Politik und Zeitgeschehen.
    Mit seinem "Entertainment-Faktor" habe TikTok das Fernsehen bei jungen Menschen abgelöst, sagt Informatiker Martin Degeling. "Insbesondere in Bezug auf die Zeit, die sie damit verbringen".

    Was über den Algorithmus bei TikTok bekannt ist

    Wieso gelingt es aber anscheinend vor allem der AfD, junge Menschen auf TikTok zu erreichen? Martin Degeling erforscht die Plattform seit vielen Jahren. Ihr Algorithmus basiere auf einem Empfehlungssystem, ähnlich den Empfehlungen von Amazon vor 15 oder 20 Jahren, sagt er. Es folgt also der Strategie: Menschen, die dieses Video mögen, könnte auch jenes gefallen.
    Damit ist TikTok die erste Plattform, die voll auf einen algorithmisch kuratierten Feed setzt. Das heiße, "dass jedes Video einzeln bewertet wird - in Hinblick darauf, ob es für mich interessant sein könnte oder nicht", so Degeling. Welche Freunde man beispielsweise auf der Plattform habe, spiele für den angezeigten Inhalt dagegen kaum eine Rolle.
    Optimiert sei der Algorithmus vor allem auf zwei Ziele: eine möglichst lange Nutzungszeit und eine hohe Nutzungsfrequenz. Also darauf, dass man lange in der App bleibt und das nächste und nächste Video schaut – und dass man TikTok wieder und wieder aufruft.

    Wie die AfD Reichweite generiert

    Die AfD ist auf TikTok auch deshalb sehr präsent, weil sie schon früher als andere Parteien auf Social Media gesetzt hat. Sie ist auch auf Facebook und Telegram seit Jahren aktiv und hat dadurch eine größere Basis auf diesen Plattformen.
    Mittlerweile haben aber auch Politikerinnen und Politiker anderer Parteien aufgeholt. Beispielsweise die Linken-Politikerin Heidi Reichinnek. Sie hat auf TikTok mehr als 24 Millionen Likes - Alice Weidel ungefähr die Hälfte.
    Doch bei dem Kampf um Aufmerksamkeit geht es längst nicht mehr nur um die einzelnen Accounts von Politikern und Politikerinnen. Denn die AfD setzt dabei offenbar vor allem auf Masse. Möglichst viele Accounts, möglichst viele Inhalte, schnell produziert, gerne auch KI-generiert. Gefälschte und automatisierte Accounts sollen dafür sorgen, dass Klickzahlen erhöht werden und bestimmte Inhalte sich so weiterverbreiten.
    Im Namen der AfD posten unzählige Fan- und Fake-Accounts kurze, sehr ähnliche Videos: Zusammenschnitte von Reden, Zitate von Politikerinnen und Politikern oder Clips, die aussehen wie Nachrichtenmeldungen. Neben blauen Herzen, einzelnen Statements von Politikern und Politikerinnen wie Alice Weidel und cooler Musik vermitteln die Videos oft eine bedrohliche Stimmung: Deutschland sei in Gefahr, besonders junge Frauen müssten Angst haben.

    Minimal verändern – und neu hochladen

    Diese vielen ähnlichen Videos spielen eine große Rolle dabei, wie stark sich rechte Inhalte auf TikTok verbreiten. Die Videos werden von verschiedenen Unterstützerinnen und Unterstützern dabei nur minimal verändert und neu hochgeladen. So werden sie als neue Inhalte erkannt und häufiger empfohlen und verbreitet - und beeinflussen damit wieder den Algorithmus.
    Um das zu verhindern, sperrt TikTok eigentlich Videos, die einfach doppelt hochgeladen werden. Aber eine kleine Veränderung reicht eben, um diese Regel zu umgehen.

    Anleitungen und Rohcontent für Unterstützer

    Auf Telegram wird dafür Rohcontent zur Verfügung gestellt inklusive Anleitung, wie einfache Variationen davon erzeugt werden können, sagt Gideon Wetzel. Er hat für das Else-Frenkel-Brunswik-Institut für Demokratieforschung in Leipzig eine Recherche zum Thema erstellt. Auf diese Weise flutet beispielsweise das Videostatement eines AfD-Spitzenkandidaten – in vielen Variationen mit verschiedenen Effekten und verschiedener Musik untergelegt – TikTok.
    Diese Flut an ähnlichen Videos wird von einer Mischung aus Fake-Accounts, hinter denen ganz normale Menschen stecken, und Bots oder KI-generierten Profilen erzeugt. So kann der Algorithmus gezielt genutzt werden, um Inhalte und Meinungen zu verbreiten.

    Handyverlosung fürs Erstellen von Social-Media-Inhalten

    Um ihre Social-Media-Reichweite zu vergrößern, nutzen die AfD und ihre Unterstützerinnen und Unterstützer aber auch noch andere Strategien: Laut einer Correctiv-Recherche verloste die in Teilen rechtsextreme Partei für das Erstellen und Teilen von Videos Handys. In der Forschung nennt man so etwas "koordiniertes inauthentisches Verhalten". Nutzerinnen und Nutzer sprechen sich ab, um durch ihr Verhalten den Algorithmus gezielt zu beeinflussen.

    Radiobeitrag: Johanna Tirnthal und Diana Köhler, Onlinetext: Leila Knüppel