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StartseiteFirmenporträtUmwelttechnik für den Iran11.11.2011

Umwelttechnik für den Iran

Inter3 sieht große Kundenpotenziale im Nahen Osten

Die Beraterfirma Inter3 hat sich auf Umwelttechnik spezialisiert. Abwasserversorgung spielt dabei genauso eine wichtige Rolle wie erneuerbare Energien. Einer ihrer Hauptkunden ist der Iran - trotz politischer Bedenken.

Von Julius Stucke

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad interessiert sich auch für erneuerbare Energie. (AP)
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad interessiert sich auch für erneuerbare Energie. (AP)

Ein Altbau in Berlin Charlottenburg – ein Büro im vierten Stock. Viel Glas,
die Herbstsonne durchflutet die Räume des Instituts für Ressourcenmanagement, Inter3. Die beiden Geschäftsführer Shahrooz Mohajeri und Susanne Schön sitzen vor ihren Computern, klicken sich durch Diagramme und Grafiken. Mehr als 3500 Kilometer Luftlinie entfernt von Teheran sprechen die beiden über Wasserversorgung und Wasserverbrauch in der iranischen Hauptstadt:

"Der Wasserverbrauch muss gemessen werden, das erfolgt im Iran. Die ganzen Daten werden automatisch übers Internet zu uns nach Deutschland geschickt. Und wir verwenden die Daten und entwickeln mit Hilfe einer Software Managementstrategien."

Managementstrategien für ein Land, das zu kämpfen hat: mit knappen Wasserressourcen während der Verbrauch gestiegen ist:

"Die Anstrengungen der iranischen Regierung in den letzten Jahren den Wasserverbrauch zu senken sind nicht so richtig fruchtbar gewesen. Da sind wir jetzt mit dem Energieministerium zusammen beim Aufbau einer Software, mit deren Hilfe wir herausfinden können, wo im Haushalt wie viel Wasser zu welcher Zeit verbraucht wird, um basierend darauf auch Strategien für das Verbrauchsmanagement zu entwickeln."

Zusammen mit dem iranischen Energieministerium. Der Iran und Energie. Was sind die ersten Assoziationen? Sicherlich eher der Streit um das Atomprogramm des Landes. Aber: Wassermanagement? Oder sogar der Ausbau erneuerbarer Energien? Doch auch damit befasst sich der Iran -nur findet das, so Shahrooz Mohajeri, eher wenig internationale Beachtung:

"Gleich, mit wem man hier in Deutschland spricht, ist es das erste Bild über den Iran: Konflikte, Atomenergie und all das Schlimme, das über den Iran auch in den Medien immer gesagt werden. Aber sobald man die Kollegen überzeugt hat und mit den Kollegen im Iran ist, bildet sich durchaus auch eine ganz andere Vision und ganz andere Tätigkeitsfelder."

Seit 1999 gibt es dass Institut Inter3. Wasser- und Abwassermanagement, Wissenschaftskommunikation, Infrastrukturentwicklung. Das Geschäftsfeld Iran ist eines, nicht das einzige – aber ein spannendes. Das Institut arbeitet und forscht nicht nur im Land – es will auch deutschen Unternehmen den Weg in den Iran ebnen. Man stellt Kontakte her, berät, gibt Einblicke in den riesigen Markt. Um auf dem Laufenden zu bleiben, Kontakte zu pflegen, reist Mohajeri alle drei bis vier Wochen in den Iran. Haben die Mitarbeiter des Instituts Bedenken, mit dem Iran zusammenzuarbeiten? Shahrooz Mohajeri überlegt kurz, lächelt und gibt die Frage an seine Kollegin Susanne Schön weiter:

"Es gibt natürlich im politischen Bereich Bedenken, sich mit einem Land wie Iran zu eng zu verbandeln. Bis hin zu der ganz praktischen Konfrontation als Frau, dass man da einfach nur verschleiert auftreten kann, was bei mir auch nicht auf besonders große Gegenliebe gestoßen ist. Aber dann vor Ort zu sein und das alles mal hautnah zu erleben, hat meine Einstellung ziemlich verändert. Ich fand die Diskussionskultur, auf die wir da getroffen sind, höchst anregend , sehr offen, insofern finde ich das heute mehr als gestern unterstützenswert, im Iran und mit den Iranern zu arbeiten."

Eine Arbeit, die auch von wirtschaftlichen Sanktionen berührt wird. Strenge Exportkontrollen erschweren die Zusammenarbeit – ein eingeschränkter Finanzverkehr komme hinzu, erschwere für die Iraner den Kauf deutscher Produkte, ergänzt Shahrooz Mohajeri. Doch das verhindere die Zusammenarbeit nicht, deutsche und iranische Unternehmen müssten abwägen, und bei größeren Projekten lohne sich der Mehraufwand. Interkulturell denken, international kooperieren und interdisziplinär forschen. Das ist die Idee hinter Inter3. Letzteres, interdisziplinäres arbeiten, wird konsequent bei jedem Projekt betrieben. Ingenieure, wie Shahrooz Mohajeri, Sozialwissenschaftler wie die Politologin Susanne Schön – außerdem Wirtschaftswissenschaftler und Kommunikationsexperten arbeiten bei Inter3 unter einem Dach. Die 15 Mitarbeiter bilden keine "einfache" Mischung:

"Wir haben unsere Kämpfe zivilisiert und können sie deswegen auch konstruktiv wenden. Aber im Grunde genommen ist das schon so, dass es zwei Wissenschaftskulturen gibt, das eine eher die Ingenieure und Naturwissenschaftler, das andere eher die Sozial- und Kulturwissenschaftler. Während die einen hundert Jahre forschen, bis sie herausgefunden haben, wie es wirklich ist, sagen die anderen: Ist doch egal, lass uns die Welt verbessern. Und wir machen sozusagen 'all in one'. Sehr praktisch und konkret."

Ähnlich vielfältig ist auch die Kundenmischung. Forschung – etwa, im Auftrag des Bundesumweltministeriums oder für Kommunen und Länder:

"Es sind mehr Aufträge aus dem öffentlichen Bereich, weil da einfach mehr Forschungsgeld ist. Es sind aber auch Aufträge aus dem unternehmerischen Bereich."

Dazu zählen größere Unternehmen, wie BMW, Daimler Chrysler oder diverse Wasserbetriebe,

"…bis hin zu kleineren Unternehmen, die wir zum Teil gar nicht nennen dürfen, weil wir was besonders interessantes für sie gemacht haben."

Die Finanzierung von Forschungsprojekten sei durch die Auftraggeber abgedeckt, so Shahrooz Mohajeri. Ein Nebenprodukt dieser Arbeit sind Dienstleistungen, die dann an Unternehmen im Infrastrukturbereich verkauft werden. Zum Beispiel ein sogenanntes Akzeptanzradar – das soll im Vorfeld von Großprojekten die Akzeptanz verschiedener Interessengruppen ermitteln und helfen, Konflikte zu vermeiden. Der Umsatz durch solche und andere Beratungs- und Dienstleistungen ist kontinuierlich gestiegen – auf rund 600.000 Euro jährlich. Der Gewinn allerdings sei relativ gering, so Mohajeri. Aber darum gehe es auch nicht. Eher um Forschung und Visionen. Ein Beispiel einer solchen Vision?

"Im Iran habe ich den Wunsch, dass wir eines Tages ein deutsch-iranisches Kompetenzzentrum für die Umwelttechnik aufbauen, in dem das Thema Wasser, Abwasser, erneuerbare Energie mit Hilfe der deutschen Unternehmen und deutschen Entscheidungsträger, die Inhalte und Technologien, die hier in Deutschland entwickelt sind und durchaus weltweit führend sind, auch in den Iran zu transportieren."

Der Gedanke dahinter: das Land soll nicht dieselben Fehler machen, denselben langen Weg zu gehen wie Europa in den vergangenen 100 Jahren – sondern aus Fehlern und Erfahrungen zu lernen. Dezentral und effizient in Sachen Infrastruktur und Energieversorgung - so könnte der Iran in den kommenden 20 Jahren einen großen Sprung machen. Überholungsstrategie nennen sie das bei Inter3.

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