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StartseiteEuropa heuteUneinigkeit auch 40 Jahre später25.06.2008

Uneinigkeit auch 40 Jahre später

Unterschiedliche Erinnerungen an den Prager Frühling in Ost und West

Für die einen waren es die Studentenproteste und Uschi Obermaier, für die anderen der endgültige Abschied vom Stalinismus und Alexander Dubcek: Das Jahr 1968 wurde in West und Ost vollkommen unterschiedlich wahrgenommen. Die unterschiedlichen Auffassungen und Missverständnissen waren Thema einer Veranstaltung in Prag, die "Alt- 68er" aus beiden Teilen Europas zusammenbrachte. Peter Hornung berichtet aus Prag.

Prager Frühling (AP Archiv)
Prager Frühling (AP Archiv)

Der Journalist František Cerny kann sich noch gut erinnern - hat er das Ganze doch mit organisiert. Ende März 1968 war Rudi Dutschke in Prag, der Revolutionär aus dem Westen kam in ein Land, das im Aufbruch war- die Frage war nur, wohin. Da habe Dutschke wohl ganz andere Vorstellungen gehabt als die jungen Tschechen und Slowaken.

"Ich war Augenzeuge eines totalen Missverständnisses zwischen den Hörern im überfüllten Audimax der Karlsuniversitat und Dutschke. Das war eine grosse Enttäuschung. Die Tschechen haben gesagt: In den letzten 20 Jahren haben wir noch nie so viel über den Marxismus- Leninismus gehört wie heute vom Genossen Dutschke. Und Dutschke hat wiederum festgestellt, dass diese Leute, die über eine Revolution sprachen, überhaupt keine Revolution wollen, dass es hier um einen Prozess der Restauration geht. Dass sie nicht etwas schaffen wollen, sondern dass sie das zurückhaben wollen, was hier schon einmal war: die Verhältnisse der Ersten Republik."

Tatsächlich: Es war ein profundes Mißverständnis, das Ost- West- Treffen zu Zeiten des Prager Frühlings. Aus Sicht Dutschkes wohl auch ein ideologisches Desaster. Er, voller Revolutionsgeist, das Bürgertum, das Establishment im Visier- und sie, die Prager, halb an der Seite der KP und Dubcek, halb schon auf dem Weg weg vom Sozialismus- zurück in die demokratische Vergangenheit ihres Landes. Die West- 68er jedenfalls seien blind gewesen für das, was da in Prag vor sich ging, sagt Peter Schneider, Schriftsteller und damals Wortführer der Westberliner Studentenschaft.

"Was nicht sein durfte war, dass das Ziel Sozialismus irgendwie in Frage gestellt wurde. Das spürte Rudi Dutschke natürlich, und das kam in seinen Diskussionen mit den Prager Genossen durchaus zum Ausdruck.

Es war glaube ich diese Angst, dass man seine ideologischen Eier verliert, die dazu geführt hat, dass man die Reformen hier mit gespaltener Seele verfolgt hat."

"Europa 1968- 2008: Gesellschaft im Wandel". Unter dieser Überschrift hatten sich gerade junge Geisteswissenschafter aus West und Ost mit Zeitzeugen getroffen- in einem Schloß in der Nähe von Prag, eine Veranstaltung, organisiert von der Heinrich- Böll- Stiftung und dem Prager Goetheinstitut. Alt68er West wie Peter Schneider trafen da auf Alt68er Ost- wenn man sie so nennen will, die damals im Prager Frühling aktiv waren. Die Schriftstellerin Lenka Procházková war damals erst 17, doch durch das Engagement ihrers Vaters Jan, ebenfalls Schriftsteller, war sie den Ereignissen nahe. Was im Westen geschah, sei ihr damals fern gewesen: Die Musik, die Kleidung, die Idole, aber auch die Emanzipation der Generationen und Geschlechter.

"Wir waren einfach noch nicht reif zu begreifen, was dort im Jahre 1968 passierte, darauf war es zu früh. Wir hatten andere Themen. Es waren genug Themen für uns Tschechen. Wir hatten einiges zu lösen und wir haben es gelöst."

Und diese tschechischen Themen waren andere als im Westen: Den Stalismus wollte man loswerden in allen Bereichen, die das totalitäre Regime 20 Jahre lang erfasst hatte. Gesellschaftlich sei man dabei gelegentlich sogar weiter gekommen als im Westen, sagt die Schriftstellerin Alena Wagnerová, die 1969 die Tschechoslowakei verließ und nach Deutschland ging.

"Ich habe mich in der CSSR als Frau viel freier gefühlt, aber in Deutschland habe ich mich als Bürgerin viel freier gefühlt."

"Sozialismus mit menschlichem Antlitz" wurde der Prager Kurs genannt. Dubceks Kommunistische Partei verordnete den Wandel, und trat damit Entwicklungen los, die sie selbst kaum mehr kontrollieren konnte. Bürgerintiativen entstanden, erste zarte Blüten einer Zivilgesellschaft. Seinen Marx wollte man zwar nicht ganz vergessen, aber es sollte mehr Masaryk geben, wie Autorin Wagnerova es formulierte. Mehr vom tschechoslowakischen Präsidenten der Vorkriegs- Republik, also Demokratie. Am 21. August 1968 war damit Schluss, die Panzer kamen und walzten die Träume der Tschechen von einer offeren Gesellschaft platt. Die Empörung der Revolutionäre im Westen über den Einmarsch der Sowjets hielten sich in Grenzen. Ein Flugblatt des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS zeuge davon, sagt Peter Schneider.

"Eine ganz klare Verurteilung der russischen Panzer, aber ein belehrender Ton, wo immer wieder gewarnt wird: Ihr dürft auf keinem Fall dem Kapitalismus auf den Leim zu gehen. Es war diese Sache, es dürfe eines nicht passieren in Prag, dass man seine eigene kleine Utopie vom Sozialismus verlor. Sobald die Prager ankündigten, wir sind gar nicht an einer neuen Art von Sozialismus interessiert, dann war's sofort aus mit den Sympathien."

40 Jahre später nun dieses Treffen in Tschechien- eines ist sicher, man hörte sich aufmerksamer zu als 1968. Und wo gäbe es einen besseren Ort gewesen auch für Selbstkritik der Revolutionäre aus dem Westen. Man habe zwar im August 1968 gesehen, so Peter Schneider, wozu orthodoxe Kommunisten fähig seien. Bei den Linken im Westen jedoch habe man sich viel zu spät damit beschäftigt und viel zu oberflächlich. Die Tschechoslowaken hätten da schon viel früher alle Träume vom Sozialismus begraben.

"Ich habe später in Prag Intellektuelle getroffen, die mir folgendes sagten: Wenn nach 1968 bei uns noch einer kommt, und sagt er glaubt noch an den Sozialismus und Kommunismus, dann ist er entweder ein Spion oder Verrückter."

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