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Universiteit van NederlandDie besten Profs für alle

Die besten Professoren der Niederlande halten Vorlesungen im Nachtklub, die auf Youtube ausgestrahlt werden. Mit diesem Projekt geht die Universiteit van Nederland nun ins dritte Semester. Es geht um Fragen, die sich Menschen im Alltag stellen – ganz bodenständig und mit viel Spaß an der Wissensvermittlung.

Von Andrea Lueg | 15.08.2015

Immer mehr Menschen schauen sich Videos über Smartphones oder auch Tablets an.
Die Universiteit van Nederland lässt die besten Profs des Landes Vorlesungen halten, die auf Youtube hochgeladen werden. (imago/Thomas Eisenhuth)
Die Stimmung ist bestens im Air, einem Amsterdamer Nachtklub. Die Bühne betritt ein Mann mit einem kleinen Plastikgehirn in der Hand. Der Neuropsychologe Erik Scherder erklärt, was eigentlich in unserem Gehirn passiert, wenn wir Musik hören.
An seinem kleinen Plastikmodell zeigt Scherder, welche Bereiche im Gehirn beim Musikhören eigentlich angesprochen werden und dass die gleich neben den Bereichen liegen, die für die Motorik zuständig sind. Kein Wunder also, dass wir oft den Drang spüren, uns zu bewegen, wenn die Musik angeht.
Vier mal im Monat wird im Air vor Publikum die Universiteit van Nederland aufgezeichnet, ein Online Vorlesungsangebot für jedermann. Ein Wissenschaftler hält fünf Vorlesungen à fünfzehn Minuten, die dann in einer Woche von montags bis freitags online gestellt und auf Youtube ausgestrahlt werden. In der folgenden Woche ist der nächste Prof dran. Die Auftritte sind durchaus als Show gedacht und der Nachtklub liefert den besonderen Vibe für die Wissenschaft, erklärt Roel Bellinga, für das Marketing des Angebots zuständig.
"Da ist natürlich überhaupt keine wissenschaftliche Atmosphäre, das Licht, die ganze Umgebung da ist eben wie in einem Klub, das ist natürlich was ganz besonderes und zieht auch junge Leute an."
Gegründet wurde die Universiteit van Nederland von Alexander Klöpping, einem 28-jährigen Internet-Unternehmer und seinem Partner Marten Blankesteijn, mit dem er die App Blendle vertreibt. Die beiden wollten das Wissen der besten Profs in den Niederlanden einem breiteren Publikum zugänglich machen. Alle Vorlesungen beantworten eine Frage, zum Beispiel: Warum machen Drogen süchtig? Oder: Warum ist "Der König der Löwen" ein faschistischer Film?
Renommierteste Professoren der Niederlande dozieren für's Netz
"Es geht um Wissenschaft und es sind die bekanntesten und renommiertesten Professoren der Niederlande die vortragen, aber wir versuchen auch, Fragen zu formulieren, die wirklich sehr bodenständig sind, die was mit dem täglichen Leben zu tun haben, die sich Leute tatsächlich in ihrem Alltag stellen, zum Beispiel, warum werde ich immer von Mücken gestochen und mein Partner nie? Und das funktioniert richtig gut."
So Producerin Marissa Memelink. Die Universiteit van Nederland ist eine Stiftung und hat inzwischen drei festangestellte Mitarbeiter und ein Jahresbudget von etwa 300.000 Euro. Sie kooperiert mit verschiedenen Medien wie dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und der Tageszeitung "Volkskrant" und drei staatlichen Universitäten. Die meisten Menschen aber sehen die Universiteit van Nederland auf dem eigenen Youtube-Kanal. 10 Millionen Nutzer hat das Angebot inzwischen erreicht.
Chefredakteurin Eveline van Rijswijk arbeitet mit den Professoren gemeinsam die Vorträge aus, sagt ihnen, wenn etwas zu kompliziert ist, überlegt, welche Beispiele anschaulich sind, wie das Publikum einbezogen werden kann. Manchmal ist das ein hartes Stück Arbeit, denn die Professoren sind daran gewöhnt, zwei Stunden zu dozieren und nicht 15 Minuten in einem Klub zu unterhalten.
"Sie bekommen von uns kein Geld, aber sie bekommen eine Menge E-Mails von unseren Usern und sie erreichen ein viel größeres Publikum für ihre Themen, die sonst oft nur einen kleinen Kreis erreichen."
Auch als Nutzer kann man, anders als bei einem MOOC keine credit points erwerben. Es geht nur um den Spaß am Wissen. Trotzdem nutzen viele Abiturienten das Angebot, um sich zu orientieren, was sie studieren könnten. Aber nicht nur sie, erzählt Marissa Memelink.
"Wir bekommen zum Beispiel E-Mails von älteren Leuten, die nie studieren konnten und die schreiben, ich bin jeden Tag dabei, punkt halb acht sitze ich vor dem Computer, um mir die neueste Folge anzuschauen, aber Leute schauen es auch beim Saubermachen oder Kochen oder im Zug auf dem Weg zur Arbeit, denn es sind ja nur 15 Minuten."
Katzenvideos als Konkurrenz
Haben Tiere ein Gefühl für Musik? Wie beurteilt man, ob ein Kunstwerk gut oder schlecht ist? Warum wird man nicht glücklich, solange der Nachbar mehr verdient? Die Fragen gehen der Universiteit van Nederland nicht aus, auch nicht im dritten Semester, das im September beginnt.
Aber Roel Bellinga und seine Kolleginnen wollen mehr: "Wie können wir den Leuten, die sich für die Themen interessieren noch mehr Wissen anbieten? Wir wollen weiterführende Artikel, Videos et cetera bereitstellen, für alle, die noch mehr wissen wollen, und überlegen gerade mit unseren Partnern, zum Beispiel den Unis, wie und was wir anbieten können."
Das ist das wichtigste Ziel für das kommende Semester.
Und: Das Programm muss immer innovativ, neu und kreativ sein.
"Wir müssen auf Youtube mit Katzenvideos konkurrieren, da dürfen wir uns nichts vormachen, es gibt so viele junge Leute, die das anschauen. Und wenn wir das nicht im Hinterkopf behalten, dass wir immer was Neues bieten müssen, dann verlieren wir die Aufmerksamkeit der jungen Leute und in zwei Jahren sind wir weg vom Fenster."
Zu schnell wachsen soll die Universiteit van Nederland nicht, auch wenn schon Gespräche mit den Nachbarländern laufen.
"Wir hätten natürlich auch gerne eine Universität von Deutschland und eine Universität von Belgien und so weiter, wir wollen schon die Idee weitertragen, aber hier in den Niederlanden wird es immer die Universiteit van Nederland bleiben, auf Niederländisch, denn das ist auch wichtig für die Demokratisierung des Wissens, das jeder ohne Probleme folgen kann. Wir machen das nicht wie ein Mooc für die kleine elitäre Gruppe von Niederländern, die sehr gut Englisch sprechen."