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Unruhen
Ukrainer reagieren skeptisch auf Friedensvereinbarung

Auf dem Euro-Maidan-Platz in Lemberg reagieren die Ukrainer verhalten auf das Friedensangebot der Regierung. Zu tief sitzen die Vorbehalte gegenüber dem Ministerpräsidenten Janukowitsch.

Henryk Jarzcyk im Gespräch mit Simonetta Dibbern | 21.02.2014

    Simonetta Dibbern: Nach dem blutigen Donnerstag gestern in Kiew – mit 60 Toten und Hunderten von Verletzten – gibt es heute endlich positive Nachrichten aus der ukrainischen Hauptstadt: Kurz nachdem die diplomatische Mission der drei Außenminister aus Deutschland, Frankreich und Polen heute früh um 7:20 Uhr unterbrochen wurde, teilte die Kanzlei des Präsidialamtes in Kiew mit, dass eine Einigung erzielt wurde. Heute Mittag, um elf Uhr mitteleuropäischer Zeit, soll ein Abkommen über die Beilegung der Krise unterzeichnet werden. Diese Meldung ist gerade einmal eine Stunde alt – mein Kollege Henryk Jarczyk ist heute Nacht von Warschau in die Ukraine gereist, nach Lemberg, dort erreichen wir ihn jetzt am Telefon – Herr Jarczyk: Wissen die Menschen in der Ukraine schon von dieser Hoffnungsmeldung?
    Henryk Jarczyk: Also auch hier in Lemberg gibt es so etwas wie einen Maidan Platz, das nennt man hier den Euro-Maidan-Platz von Lemberg, und da versammeln sich natürlich jeden Tag Menschen – schon in den frühen Morgenstunden standen ein paar da - und als die Meldung dann dort über einen großen Beamer auch gezeigt wurde, da reagierten die Menschen wahnsinnig skeptisch. Also Jubel konnte ich überhaupt nicht wahrnehmen, Begeisterung sieht wirklich ganz, ganz anders aus – ganz im Gegenteil, die standen teilnahmslos da, hörten diesen Nachrichtensprecherinnen zu und als ich sie dann fragte, was haltet ihr davon, da sagten die, wir trauen dem Mann nicht über den Weg. Der hat uns schon so oft belogen, so oft betrogen, dass wir das einfach nicht hinnehmen, was er da mit den EU-Außenministern vereinbart haben soll oder nicht, das interessiert uns nicht. Wir wollen, dass er morgen verschwindet. Und wenn er das nicht tut, dann werden wir dafür sorgen. Das ist so die erste Reaktion der Menschen hier in Lemberg; also sie sind sehr, sehr skeptisch.
    Dibbern: Heißt das auch, dass sie eigentlich dieser diplomatischen Mission nicht trauen? Denn Janukowitsch ist ja jetzt gar nicht mehr alleine, um so etwas zu verlautbaren.
    Jarczyk: Das ist richtig, aber wissen Sie, die Menschen hier vertrauen auch Europa nicht unbedingt, zumindest hier im Westen der Ukraine, weil sie sagen: Diese Sanktionen beispielsweise, die jetzt vereinbart worden sind auf EU Ebene, die kommen viel zu spät. Die hätten im Dezember vereinbart werden müssen. Was nutzt es, wenn man Sanktionen verhängt, nachdem so viele Menschen erst sterben mussten. Aber die sind regelrecht ja wirklich irgendwo so aufgeregt und so von Hass erfüllt, dass sie all das was man als ein Quäntchen, als Hauch eines Lösungsweges aufzeigen würde, nicht bereit sind, zu akzeptieren. Ob man das jetzt noch nachvollziehen kann oder verstehen kann, ist eine andere Geschichte. Aber die Leute, die hier tagtäglich mit Bussen nach Kiew fahren, um dort die Landsleute zu unterstützen in diesem Kampf und dann hautnah erleben müssen wie während dieser Mission ein Gemetzel stattfindet… Da sagt eben einer, der grad eben zurückgekommen ist aus Kiew, der war total noch aufgeregt, der zitterte regelrecht, der sagt: Wissen Sie was, da fielen Menschen einfach so um, weil Scharfschützen auf sie geschossen haben, in den Hals, in den Kopf, er habe sie selbst alle gesehen, und dann soll ich da vertrauen einem Mann, der da gegenüber den EU-Außenministern sitzt und so tut, als ob er nicht wüsste, was auf dem Maidan Platz passiert? Nein, das akzeptieren wir nicht.
    Dibbern: Es ist natürlich auch eine große Erschöpfung, wahrscheinlich auch bei den Menschen, die auf dem Euro Maidan in Lemberg sind. Es ist aber auch so eine gewisse Lethargie zu spüren? Sie waren heute Morgen dort.
    Jarczyk: Na ja, mit der Lethargie, wissen Sie, die Leute haben es sich eigentlich schon bequem gemacht. Die Polizeistationen sind erobert, ein Kampf größeren Ausmaßes fand hier nicht statt. Es brannten drei, vier Fahrzeuge, das war’s dann auch. Die Staatsanwaltschaft ist gestürmt worden, die Akten sind dann rausgeschmissen worden, verbrannt worden, die Kaserne ist angezündet worden, die paar Soldaten sozusagen in die Flucht gejagt worden, die hier stationiert waren. Man hat die Kasernen geplündert, man hat die Polizeistationen geplündert, hat Waffen an sich gebracht. Der Bürgermeister von Lemberg steht ohnehin schon seit Langem auf der Seite der Opposition, ist natürlich mit den Leuten hier und gegen Janukowitsch und die sagen sich, an und für sich sind wir hier in Lemberg autark, autonom, wir haben mit Kiew überhaupt nichts mehr zu tun.
    Dibbern: Gibt es schon einen Fahrplan für den heutigen Tag? Wissen Sie Herr Jarczyk in welcher Form die sogenannte Friedensvereinbarung verkündet werden soll und wo dieser Kompromiss die Demonstranten in Lemberg heute erreichen wird?
    Jarczyk: Also erreichen wird der Kompromiss die Demonstranten sicherlich und die Oppositionsführer natürlich hier in Lemberg auf dem Euro-Maidan-Platz weil wie gesagt das ist so ein wesentlich kleiner als der von Kiew aber auch ähnlich eingerichtet eine Bühne eine große Leinwand auf der eben ständig Nachrichten projiziert werden mit großer Lautsprecheranlage und dann auch Tee und sonstigen Möglichkeiten, sich dort länger aufzuhalten, ohne frieren zu müssen, und da werden sicherlich diese Informationen die Menschen erreichen. Was in Kiew selbst passieren wird und dann die Unterzeichnung – wo dieses stattfinden wird, das kann ich Ihnen hier von Lemberg aus nicht sagen, weil das hier im Prinzip auch nicht zu erfahren ist, weil es die Menschen hier im Prinzip auch nicht interessiert.