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StartseiteSonntagsspaziergangDie österreichische Toskana28.06.2015

Unterwegs im SüdburgenlandDie österreichische Toskana

Beim Gedanken an Österreich fallen vielen sofort die typischen Klischees ein: hohe Berge, Almwiesen, Kühe und Lederhosen. All das findet sich im Südburgenland so gerade nicht. Es ist eine Region mit ganz eigenem Charme und einer bewegten Geschichte. Das Gebiet an der Grenze zu Ungarn wird von Insidern auch gerne als österreichischer Schmelztiegel bezeichnet.

Von Julia Batist

Ein Weingut am Csaterberg im Ort Kohfidisch (österreichisches Südburgenland) (imago/Westend61)
Ein Weingut am Csaterberg im Ort Kohfidisch (österreichisches Südburgenland) (imago/Westend61)

Die Pralinenproduktion ist nicht gerade ein typisch österreichisches Handwerk. Im ganzen Land gibt es nur 13 Chocolatiers, wie Evelien Spiegel. Die 36-jährige Holländerin hat in einen 40 Jahre alten Familienbetrieb eingeheiratet. Heute ist das Haus Spiegel bekannt für seine Schokolade. Aus Amsterdam ist Evelien Spiegel nach Bad Tatzmannsdorf ins Südburgenland gekommen.

"Ich hab gemeint, ich könnte Schokolade machen. Probieren wir es einfach und versuchen wir dann auch ein bisschen die Zutaten der Umgebung hinein zu binden. Angefangt haben wa mit Schnapsweichseln, mit Kürbiskern, Walnüsse. Für mir ist die Region mit seiner schönen Natur, seiner Ruhe. Und wenn ich jetzt wieder nach Amsterdam fahr, dann denk ich mir Mensch, da ist so viel los. Und alle sein so unter Druck, unter Stress. So verschlossen und eigentlich sein wir hier alle viel offener gegenüber einander und viel herziger."

Die Holländerin hat ihren Platz gefunden unter Burgenländern. Denen sagt man Toleranz und Weltoffenheit nach. Nicht ohne Grund, weiß der Historiker Andreas Lehner.

"Wir sind ein Schmelztiegel unterschiedlicher Volksgruppen. Wir haben eine kroatische, eine große kroatische Volksgruppe im Burgenland, eine kleine ungarische Volksgruppe und auch eine ganz kleine mit Roma und Sinti. Und das macht aber auch diese burgenländischen Traditionen aus. Diese Traditionen, die innerhalb dieser Volksgruppen gelebt werden."

Erst 1921 wurde das damalige West-Ungarn zum jüngsten Bundesland Österreichs

Das Burgenland grenzt an die Slowakei, an Slowenien, die Steiermark und an Ungarn. Der eiserne Vorhang hat Spuren hinterlassen. Mittlerweile sind Freundschaften zwischen Nachbarn gewachsen.

"Das geht von Rockkonzerten über Lesungen, über Kulturabende, zweisprachige Kabarett-Abende und so weiter, wo sich vor allem die Jugend trifft und ohne Probleme miteinander auskommt."

"Im Zuge der Entwicklung der Nationalstaaten und der nationalstaatlichen Identitäten hat auch in Ungarn ein starker Madjarisierungsschub eingesetzt. Das heißt, die ungarische Regierung hat Gesetze erlassen, dass zum Beispiel Ungarisch die einzige Amtssprache und die Schulsprache ist."

Viel später kehrt sich die Situation wieder in das genaue Gegenteil.

"Weil sich die Machtverhältnisse verschieben. Österreich hat sich ja als Teil von Deutschland verstanden. Es war klar, dass das eine deutschsprachige Republik ist."

Erst 1921 wurde das damalige West-Ungarn zum jüngsten Bundesland Österreichs, zum heutigen Burgenland.

Das Burgenland hat eine eigentümliche Landschaft. Angefangen vom Neusiedler See im Norden und den Ausläufern der Alpen im Süden. Hier bestimmen Weite und weiche Hügel das Bild. Sattes Grün im Sommer, kunterbunte Wälder im Herbst. Der "Wechsel", ein Gebirgszug, sorgt für teilweise alpines Klima. Perfekte Bedingungen für Sportler. Andrea Ochsenhofer ist Nordic-Walking-Trainerin und berät Gäste in Bad Tatzmannsdorf.

"Sieben Partnergemeinden– zur Lauf-und-Walkingarena haben sich die zusammen gefunden im Jahr 2002. Und dort sind dann diese Trainingsbahnen auch entstanden. 418 Kilometer markierte Lauf und Wanderwege."

Die Sonne scheint durch die Bäume, oberhalb der Wiesen liegt der Wald rund um Bad Tatzmannsdorf. Überall trifft man Läufer in Aktion.

Mann: "An und für sich eine ruhige Gegend, sich erholen, spazieren gehen, walken. Und dann ein bissel genesen. So machen wir es drei Wochen und dann kommen wir heim, dann sind wir wieder um zehn Jahre jünger."

Frau: "Das hat man nicht überall, die Landschaft ist einladend zum Spazierengehen. Sehr grün, alles dabei, bissel hügelig."

Das macht die Gegend auch interessant für Profi-Sportler. Andreas Groß vom Burgenland-Tourismus freut sich über Besuche professioneller Fußballmannschaften. Seit 1997 ist das Burgenland ein Hauptsponsor des österreichischen Nationalteams.

"Das ist einzigartig in ganz Europa. Es wäre beispielsweise in Deutschland undenkbar, dass ein Bundesland Partner des DFB wäre. Das Burgenland profitiert davon natürlich nachhaltig durch direkte Wertschöpfung, wenn das Nationalteam im Burgenland zu Gast ist. Wir generieren dadurch Medienberichte, es kommen Fans zu uns, die die Nationalmannschaft begleiten. Das kommt uns jetzt natürlich auch zu Gute, dass der 1. FC Köln Partner des Burgenlandes geworden ist."

Bad Tatzmannsdorf ist einer von nur zwei Thermenorten im Burgenland. Es geht ruhig zu. Keine Staus, keine Hektik. Viele Sonnenstunden streicheln die Seele.

In Österreich muss ein Kurort mindestens ein natürliches Heilvorkommen haben. Bad Tatzmannsdorf hat drei: das Thermalwasser, das Moor und Kohlensäure. 1988 wurde das Thermalwasser entdeckt, in einer Tiefe von 896 Metern. Die nächste Quelle liegt in unmittelbarer Nähe des großen Kurhotels. Moor wird hier schon seit mehr als 100 Jahren gestochen. Auch die Kohlensäure ist ein altes Heilmittel, seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts wird sie therapeutisch genutzt. Ein Bad in dem sprudelnden Quellwasser soll gut für die Gefäße sein und Herz-Kreislauf-Krankheiten entgegen wirken.

Andrea Ochsenhofer ist in Bad Tatzmannsdorf zu Hause – eine echte Südburgenländerin, die die lokale Mundart beherrscht.

"Tuets wie tun.

Typisch hianzisch.

Oder dahoam, zu Hause daheim."

Die sportliche Dame mit den halblangen Haaren führt durch das kleine Freilichtmuseum im Ort. Hier finden sich traditionelle Bauernhäuser, die man ansonsten in der Ortschaft suchen muss.

"Mit Stroh gedeckt zum Teil – wenn man sich das genauer anschaut, dann merkt man, wie klein die Leute damals waren. Und wie die Leute gewohnt haben, wie Häuser, Zimmer eben ausgeschaut haben. Sehr dörflich, sehr klein."

"Die Orte und die Menschen hier haben eine sehr arme, landwirtschaftliche Vergangenheit"

Vieles Alte musste weichen. Betonbauten dominieren. Das trübt die Landschaftsidylle ein wenig, findet Andreas Lehner.

"Es gibt natürlich Kleinstregionen, die auch noch landschaftlich und architektonisch idyllisch sind. Dort ist es manchmal, nicht überall, ab und zu gelungen, diese Gebäude oder Kleinstregionen unter Ensembleschutz zu stellen. Das heißt, es war nicht erlaubt, dort neue Gebäude hinein zu bauen. Leider ist es eben so, dass die Bauordnung im Großen und Ganzen keine wesentlichen Vorgaben macht."

Dafür hat Andreas Lehner eine Erklärung.

"Die Orte und die Menschen hier haben eine sehr arme, landwirtschaftliche Vergangenheit. Und viele verbinden die alten Bauernhäuser mit einer Zeit von Not und Elend."

Imposante alte Bauwerke gibt es dennoch. Viele Burgen sind gut erhalten. Ein architektonisches Kleinod sind die Kellerstöckl - die Weinkeller der Weinbauern. Die urigen, kleinen Häuser stammen aus den 30er-Jahren, sind originalgetreu erhalten und können heute von Urlaubern gemietet werden.

Die Bauern eines kleinen Weinbauvereins schenken regionalen Wein aus. "Beim Franz" auf dem Csaterberg in Hochcsater oberhalb des kleinen Örtchens Kohfidisch treffen sich Einheimische und Besucher. Nur zwei kleine Räume, simpel aber gemütlich.Franz Chaloupka hat seine Gastwirtschaft früher nur neben dem Job betrieben. Heute ist er hier vollends angekommen. Der Mann mit den grauen Locken, dem lässigen Look und dem milden Lächeln ist ein Aussteiger und bekannt in aller Welt.

"Da kommen Menschen von Südamerika bis Japan, Schweizer, Voralberger, Tiroler, Salzburger. Spricht sich herum. Ich hab mir damals gedacht, dass ich in der Pension eine Beschäftigung hab."

Seine Heimat beschreibt er leidenschaftlich:

"Die österreichische Toskana ist das. Das ist eigentlich der einzige Weinberg weltweit, der von Wald umgeben ist, der Csaterberg. Der ist nicht groß, das sind 40 Hektar, die ganze Fläche. Das ist rundherum von Wald umgeben. Das ist so gewachsen."

Die Einheimischen wissen den Treffpunkt zu schätzen - ein Stammgast sitzt an der Theke und plaudert.

"Ich komm oft her. Er weiß schon, was ich trinke."

Franz Chaloupka: "Das ist das offene Land – so sein die Leute auch, offener - auch fremden gegenüber offener."

Franz Chaloupkas Lebensgefährtin kommt aus Niederösterreich. Auch sie hat sich die neue Heimat bewusst ausgesucht.

"Die Freundlichkeit der Leute, die hier wohnen, das ist eine andere Atmosphäre als es irgendwo in der Umgebung gibt. Schön. Die Menschen gehen auf einen zu."

Die sechs Winzer am Eisenberg in Deutsch-Schützen arbeiten in größerem Stil. Obwohl der Eisenberg das kleinste Weinbaugebiet des Burgenlandes ist. Reinhold Krutzler ist Kellermeister, er hat in Frankreich, Italien und Südafrika gearbeitet. Trotzdem bleibt er seiner Heimat treu. Er steht auf dem Berg vor seinem Haus und blickt über die Felder. Ungarn könnte er von hier aus in zehn Minuten zu Fuß erreichen.

"Gerade vor uns ist die Ortschaft Kroatisch-Schützen. Und auf der linken Seite, das nennt sich quasi auf Deutsch ein Großdorf. Also dort leben Deutsche zum Beispiel, die Deutsch und Ungarisch sprechen.  Wie dann die Grenzen gezogen wurden nach dem zweiten Weltkrieg, war das auch schwer dann bewacht, sehr scharf bewacht. Am Anfang mit russischen Soldaten, die Jahre dann danach war das eine Mischung zwischen ungarischen und russischen Soldaten. Gleich nach dem Krieg war das ja auch zum Teil auch vermint. Und eben der Stacheldraht - ist das dann mit 1989 weg gekommen."

Zu 70 Prozent wird hier Rotwein verkauft. Viele Winzer machen ihren Umsatz direkt vor Ort.

"Welschriesling und Blaufränkisch sind eigentlich diese Rebsorten, was hier im Südburgenland wachsen. Beim Weißwein gibt es noch bissel an Weißburgunder in kleineren Mengen oder in manchen Regionen ein bisschen auch grüner Veltliner. Im Rotweinsegment ist die zweite Rebsorte eben der Zweigelt. Klimatechnisch ist es so bei uns, dass wir extrem viel Wald haben. Vor allem in der Reifephase der Traube – das ist September, Oktober –, dass der Wald dann am Abend viel stärker abkühlt wie in anderen Regionen. Und diese zwischen warmen Tagen und kühlen Nächten, spielt eine wichtige Rolle, wie der Wein schmeckt. Hier in Deutsch-Schützen haben wir den mittelschweren Lehmboden und natürlich auch mit viel Eisen, das gibt diesen Geschmack mit, wo sich jetzt unsere Region hier am Eisenberg von den anderen Regionen im Burgenland unterscheidet."

"Bei uns herrscht eine Langsamkeit"

Regionalen Wein gibt es auch in den Gaststätten vor Ort. Jürgen Csencsits hat aus dem Traditionsbetrieb der Eltern ein Exklusiv-Restaurant gemacht.

"Wir haben sehr viel Wild hier, draußen irrsinnig viel Kräuter im Wald. Wir haben Pilze, wir haben Schwammerln. Wir haben Gänse, wir haben eine eigene Ochsenzucht."

Der Sternekoch hat die alte Stammkundschaft dabei nicht vergessen.

"Ich bin jetzt nicht nach Hause gekommen und habe gesagt, es gibt kein Schnitzel mehr, es gibt kein Backhändel mehr, es gibt kein Schweinsbraten mehr. Wir haben das normal weitergeführt. Wir haben nach wie vor Sonntags unsere Taufen oder Geburtstagsfeiern. Wir haben einen Kürtag im Sommer draußen, mit böhmischer Musik, da ist Blasmusik und wir kochen Schweinsbraten im Holzofen und Schnitzel und Backhändel. Wir versuchen da mit der Ortschaft zu leben. Das Bier zum ganz normalen Preis, es gib einen Spritzer zum ganz normalen Preis, wie sonst wo in einem Gasthaus."

Ab und zu sitzt man da und tut Karten spielen oder über Fußball plaudern und so. Das lebe ich auch. Ich bin ein Junge von hier."

"Es ist so ein bisschen verschlafen hier und die Leute, was hierher kommen, sagen alle, es ist alles so ruhig. Diese Langsamkeit – bei uns herrscht eine Langsamkeit. Es ist halt wenig los. Aber diese Leute, die hierher kommen, kommen sehr bewusst und genießen das schon sehr."

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