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US-Leitzins"Die Fed kann nicht anders, als die Zinsen wieder zu erhöhen"

Dass die US-Notenbank den Leitzins doch nicht erhöht hat, sei im aktuellen Umfeld verständlich, auch mit Blick auf die Konsumlaune der Amerikaner, sagte der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung Clemens Fuest im DLF. Jetzt müsse die Fed aber "aufpassen, dass sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verliert".

Clemens Fuest im Gespräch mit Sandra Schulz | 18.09.2015

Weihnachtsgeschäft im New Yorker Kaufhaus KMart
Kommt nach dem Weihnachtsgeschäft als wichtiger Impuls für die US-Konjunktur die Leitzins-Erhöhung? (Imago/Levine-Roberts)
Die US-Notenbank könne "nicht immer wieder Zinserhöhungen ankündigen und sie dann verschieben", sagte Fuest. Dies sei nur bei völlig neuen Ereignissen angemessen, die völlig neue Bedingungen schaffen. Das sei momentan nur bedingt der Fall. In den Schwellenländern habe es eine Kapitalflucht gegeben, die den US-Dollar aufgewertet habe. Dadurch entwickelten sich die amerikanischen Exporte nicht so gut wie der Rest der Wirtschaft. Gerade weil die Inflationsrate noch so niedrig sei, habe die Notenbank sich entschlossen, abzuwarten.
Spätestens im Frühjahr müsse die US-Notenbank den Leitzins erhöhen, sagte Fuest. "Die Fed kann nicht anders, als die Zinsen wieder zu erhöhen." Die Arbeitslosigkeit in den USA habe sich im Vergleich zum Höhepunkt der Finanzkrise auf fünf Prozent halbiert. Der Effekt niedriger Ölpreise werde im nächsten Jahr verpufft sein - die Inflation werde dann wieder anziehen. "Gefährlich wird's erst, wenn die Inflation ansteigt und man dann nicht handelt."
ZEW-Präsident Clemens Fuest während der ZDF-Talkshow "Maybrit Illner"
ZEW-Präsident Clemens Fuest (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)

Das Interview in voller Länge:
Sandra Schulz: Billiges Geld, das ist gut für alle, die kein Geld haben, die sich Geld leihen wollen. Eine Politik des billigen Geldes, die macht die US-Notenbank Fed jetzt schon seit vielen Jahren, um sich gegen die Finanzkrise zu stemmen und die Konjunktur zu päppeln. Sie senkte die Zinsen auf null oder beinahe null und schon lange fragen Beobachter, wann soll das Geld eigentlich wieder eingesammelt werden. Darauf hat die Fed-Chefin Janet Yellen gestern geantwortet, höchsten Erwartungen zum Trotz: Jetzt noch nicht!
Am Telefon ist jetzt Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Guten Morgen.
Clemens Fuest: Schönen guten Morgen.
Schulz: Das Geld bleibt jetzt also billig. Traut sich Janet Yellen nicht?
Fuest: Ich glaube, was die amerikanische Wirtschaft angeht, hätte sie vielleicht sogar die Zinsen erhöht. Da ist die Lage ja ganz gut. Jetzt kommen aber die Turbulenzen in den Schwellenländern dazu. Da hat es ja eine ziemliche Kapitalflucht gegeben in den letzten Monaten und da wollte die Fed nicht zusätzliches Öl ins Feuer gießen, denn die Dollar-Aufwertung, die mit dieser Kapitalflucht verbunden ist, führt schon jetzt dazu, dass die amerikanischen Exporte sich zum Beispiel nicht so sonderlich gut entwickeln, und die amerikanische Wirtschaft hat natürlich kein Interesse an Börsenturbulenzen, an Unruhe an den Finanzmärkten. Gleichzeitig war die Inflationsrate in den USA oder ist die Inflationsrate noch so niedrig, dass man gesagt hat, okay, vor diesem Hintergrund warten wir noch mal.
Finanzmarktturbulenzen befürchtet
Schulz: Wenn die Fed jetzt alles so lässt wie es ist, wenn das Geld weiter so billig bleibt, sind das schon Symptome von einer Sucht? Sagt denn nicht ein Süchtiger, ja, ich höre auf, aber erst morgen?
Fuest: So schlimm ist es, glaube ich, nicht. Klar, man fürchtet sich vor Finanzmarktturbulenzen, und leider hat man sich in der Tat selbst in die Situation manövriert, dass jetzt die Kurse an den Bond-Märkten vor allem sehr hoch sind. Die Zinsen auf Bonds sind ja sehr niedrig, auch auf Bonds in mittlerer Qualität, sage ich mal, und wenn man jetzt die Zinsen schnell erhöhen würde, dann würden die abstürzen und viele Investoren würden Verluste machen. Davor fürchtet sich die Bank sicherlich und eben vor den internationalen Turbulenzen. Gleichzeitig hat aber Janet Yellen gesagt, die Zinswende wird kommen. Ich denke, gefährlich wird es erst, wenn die Inflation ansteigt und man dann nicht handelt.
Schulz: Damit, dass sie sagt, die Zinswende kommt, aber die kommt später, damit erhöht sie ja jetzt wiederum auch den Druck auf sich selbst und schürt auch weiter Erwartungen. Ist das ein Fall, in dem die Wirtschaft wirklich vor der Psychologie einknickt?
Fuest: Ja, die Fed muss aufpassen, dass sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verliert. Man kann nicht immer wieder Zinserhöhungen ankündigen und sie dann verschieben. Man kann das nur dann machen, wenn wirklich neue Ereignisse eintreten, die völlig neue Bedingungen schaffen. Das ist hier aber nicht wirklich so. Es gibt ja immer die eine oder andere Turbulenz. Ich glaube also, dass sie allerspätestens, wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, im nächsten Frühjahr dann wirklich den ersten Zinsschritt gehen muss.
Auch die Inflation wird wieder anziehen
Schulz: Gleichzeitig mit dem Status quo gibt es ja das Problem, dass die Fed ein ganz wichtiges Steuerungselement schlichtweg aus der Hand gegeben hat oder nicht wieder in die Hand nimmt. Ist das kein Problem?
Fuest: Wir dürfen nicht vergessen, dass die Fed ja die Anleihenkäufe gestoppt hat im letzten Winter. Das heißt, einen Schritt beim Ausstieg aus der expansiven Finanzpolitik ist sie schon gegangen. Es ist richtig, sie hat jetzt nicht das Instrument der Zinssenkung. Da die Zinsen bei null sind, können sie, wenn eine neue Krise kommt, dieses Instrument nicht einsetzen. Man könnte aber zurückkehren zu den Anleihekäufen. Man steht also nicht völlig blank da.
Schulz: Ich verstehe Sie auch richtig, dass Sie davon ausgehen, dass die Zinswende tatsächlich doch irgendwann kommt, oder bleibt das jetzt für immer so bei null oder knapp über null?
Fuest: Ich bin fest überzeugt, dass sie kommt. Wir müssen sehen: Die Arbeitslosigkeit in den USA hat sich gegenüber dem Höhepunkt der Krise halbiert. Die ist von zehn auf fünf Prozent gefallen. Nächstes Jahr wird sie unter fünf Prozent sinken. Im Moment halten die niedrigen Ölpreise die Inflation noch niedrig, aber dieser Effekt ist nächstes Jahr auch nicht mehr da, sodass ich überzeugt bin, dass die Inflation auch wieder anziehen wird, und vor dem Hintergrund kann die Fed gar nicht anders als die Zinsen erhöhen.
Schuld ist nicht allein die Geldpolitik
Schulz: Das was im Gespräch war, war ja auch nur ein ganz kleiner geplanter Schritt. Ich glaube, 0,25 Prozent waren im Gespräch. Das hätte ja nichts daran geändert, dass für Sparer das Modell Sparen eigentlich gar nicht mehr wirklich in Frage kommt. Hat das Modell ausgedient?
Fuest: Die niedrigen Zinsen sind natürlich unangenehm für die Sparer. Es ist aber nicht ganz in Ordnung, die Schuld dafür allein der Geldpolitik in die Schuhe zu schieben. Wir haben in Europa noch mehr als in den USA wirklich eine maue Wirtschaftsentwicklung und es wird wenig investiert und damit gibt es auch wenig Nachfrage nach Krediten. Der Zins ist eben der Preis für Kredite und wenn die Nachfrage niedrig ist, muss auch das Angebot niedrig sein. Es ist nicht allein die Geldpolitik, die das verursacht und die das so ohne Weiteres steuern kann. Für die Sparer wird es erst dann wieder angenehm, wenn wirklich die Investitionen anspringen und es genug Unternehmen gibt, die Kredite haben wollen.
Schulz: Dass wenig investiert wird, ist das nicht auch eine Folge davon, dass es einfach wenig Ansammlung von Vermögen gibt, weil das einfach überhaupt nicht attraktiv ist?
Fuest: Es gibt schon genug Ersparnisse. Daran mangelt es eigentlich nicht. Woran es mangelt, das sind Projekte, interessante Projekte, und das ist vor allem Optimismus, was die Zukunft angeht. Wir haben in Europa immer noch mit den Folgen der Verschuldungskrise zu leben. In vielen Ländern sind Haushalte, Banken, Unternehmen verschuldet und wollen erst mal ihre Schulden abbauen, bevor sie jetzt wieder neue Kredite aufnehmen, um zu investieren. Das heißt, wir müssen von diesen Schulden herunterkommen, bevor das wieder besser wird. Das geht langsam, aber dieser Schuldenabbau kommt voran und irgendwann starten die Investitionen dann auch wieder.
"Verschiebung der Zinserhöhung ist vertretbar"
Schulz: Wenn wir jetzt noch mal auf die Ausgangslage schauen. Es gab für gestern wie gesagt für die Zinsentscheidung ja ganz hohe Erwartungen. Die hatte Yellen ja selbst auch mit aufgebaut mit Andeutungen in den vergangenen Monaten. Es war jetzt klar, dass sie Erwartungen enttäuschen musste. Konnte sie überhaupt richtig entscheiden?
Fuest: Ja, es ist viel darüber geredet worden, ob die Fed quasi unter dem Diktat der Finanzmärkte steht und die Fed letztlich die Erwartungen der Finanzmärkte erfüllen muss. Solche Ideen muss eine Notenbank natürlich von sich weisen. Janet Yellen hat gesagt, dass die Notenbank davon unabhängig agiert. Ich nehme ihr das auch ab. Ich denke schon, dass es jetzt weniger die Erwartungen der Finanzmärkte in den USA waren als wirklich die Überlegung, na ja, wenn jetzt der Zinsschritt kommt, dann verschärfen wir wahrscheinlich den Kapitalabfluss aus den Schwellenländern. Länder wie Brasilien beispielsweise stehen sehr fragil da. Und in Abwägung des Für und Wider hat man sich dann dafür entschieden, das Ganze zu verschieben. Ich halte das für vertretbar und ich glaube nicht, dass es quasi von Erwartungen diktiert war, die von den Finanzmärkten kommen. Ich glaube schon, dass das eine unabhängige Entscheidung der Fed war.
"Es kann zu einer Panik unter den Investoren kommen"
Schulz: Aber rechnen Sie denn damit, dass sich die Lage in Asien absehbar beruhigt? Das Argument wird ja dann nicht wegfallen.
Fuest: Nein, das Argument wird nicht ganz wegfallen. Trotzdem ist es so, dass die Kapitalabflüsse ja in der Tat nicht ewig weitergehen und die Währungsabwertung irgendwann an ein Niveau kommt, an dem die Investoren sagen, na ja, das passt langfristig. Wenn man jetzt sehr schnell reagiert hätte mit den Zinsen, dann hätte es vielleicht ein Überschießen gegeben. Das passiert auch häufig, dass Währungen dann stärker abstürzen, als fundamental gerechtfertigt ist. Es kann dazu kommen, dass eine Panik unter den Investoren um sich greift und die dann mehr Kapital aus diesen Ländern abziehen, als eigentlich gerechtfertigt ist. Etwas mehr Zeit für die Anpassung zu geben, kann dann tatsächlich helfen und kann auch dazu führen, dass beim nächsten Mal die Risiken nicht ganz so groß sind. Aber es stimmt: völlig verschwinden werden sie nicht, denn es wird immer Leute geben, die sagen, langsam, wir hätten gerne einen stärkeren Aufschwung, wartet doch noch. Ich glaube, entscheidend wird sein, was sich bei den Inflationserwartungen tut und bei der Inflationsrate selbst. Wenn es so wäre, dass sich die Inflationserwartungen, also die Erwartungen von Konsumenten und Investoren darüber, wie nächstes Jahr und übernächstes Jahr die Preise steigen, wenn sich das verschieben würde und Inflation erwartet würde, dann müsste die Fed sofort handeln.
Schulz: Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim und übrigens auch designierter Nachfolger von Hans-Werner Sinn als Chef des ifo-Instituts ab dem kommenden Jahr, hier heute Morgen im Deutschlandfunk. Herzlichen Dank.
Fuest: Ich danke Ihnen.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.