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StartseiteKalenderblattVaterländische Leibesübungen19.06.2011

Vaterländische Leibesübungen

Friedrich Ludwig Jahn eröffnete vor 200 Jahren den ersten deutschen Turnplatz

Als Friedrich Ludwig Jahn am 19. Juni 1811 auf der Hasenheide in Berlin mit dem öffentlichen Turnen begann, verfolgte er mit seinen körperlichen Ertüchtigungen nicht nur gesundheitliche Ziele: Die jungen Männer sollten auf den Krieg gegen die napoleonische Besatzungsmacht vorbereitet werden, soziale Schranken sollten dabei keine Rolle spielen.

Von Matthias Bertsch

Eine Darstellung des ersten Turnplatzes auf der Berliner Hasenheide aus dem Jahre 1818.  (picture alliance / dpa)
Eine Darstellung des ersten Turnplatzes auf der Berliner Hasenheide aus dem Jahre 1818. (picture alliance / dpa)

Dass sein Turnen "im Verein" mit anderen - also gemeinschaftlich - später einmal zum zentralen Strukturprinzip der Organisationen von Turnen und Sport in Deutschland werden sollte, konnte Jahn vor 200 Jahren noch nicht wissen.

Als Friedrich Ludwig Jahn im Frühjahr 1810 auf die damals vor den Stadttoren Berlins gelegene Hasenheide zog, waren es zunächst seine Schüler vom Grauen Kloster, mit denen er hier an den schulfreien Nachmittagen Leibesübungen an der frischen Luft abhielt.

"Der Grundansatz war allgemeine Körperertüchtigung. Man muss ja sehen, er ist auch ein Kind seiner Zeit, damals, war das Deutsche Reich besetzt von Napoleon, es gab damals die großen Bewegungen der deutschen nationalen Einheit, um sich gegen einen Außenfeind verteidigen zu können, deshalb nennt er es Turnen, um einen deutschen Begriff zu nehmen. Und was er macht ist: Spielen, man könnte es vielleicht Geländespiel nennen. Er baut Geräte auf, das, was man heute als den Barren kennt, es sind Klettergerüste da, es wird balanciert."

Die Geräte, von denen der Präsident des Deutschen Turner-Bundes, Rainer Brechtken, spricht, kamen allerdings erst im Laufe der Jahre dazu. Zunächst mussten die Äste von Bäumen als Reck herhalten.

1778 in der Prignitz geboren, verdiente sich Jahn seinen Unterhalt als Hauslehrer für deutsche Sprache und Geschichte. In Jena traf er 1807 auf den Pädagogen Johann Christoph Friedrich GutsMuths, dessen Buch "Gymnastik für die Jugend" zentralen Einfluss auf sein Denken hatte. Doch während GutsMuths seine Gymnastik an Schulen lehrte, wollte Jahn, dass die Leibesübungen im Freien stattfinden und für jedermann zugänglich sind. Am 19. Juni 1811 wurde der Turnplatz auf der Hasenheide offiziell eröffnet und bald von Hunderten junger Männer besucht - eine Neuigkeit, die sich schnell verbreitete.

"Es blieb ja nicht bei der Hasenheide, es ist von der Hasenheide aus dann eine Vielzahl von Turnplätzen in Deutschland entwickelt worden. Es waren übrigens großenteils Pädagogen, die dies gemacht haben, oder Handwerker. Man muss ja sehen, Handwerker sind damals noch auf die Walz gegangen und haben dann, wenn sie an einem Ort waren, diese Erfahrung von Berlin oder von anderen Städten weitergegeben."

Zu den Prinzipien, die auf der Hasenheide galten, gehörte: Man duzte sich und trug eine graue Leinentracht - beim Turnen sollte es keine sozialen Schranken geben. Zugleich war das Turnen kein Selbstzweck: In den Pausen wurden deutsche Lieder gesungen und Vorträge über vaterländische Geschichte gehalten. Jahn war ein glühender Nationalist. Er forderte ein Ende der deutschen Kleinstaaterei, um den Erzfeind Frankreich besser bekämpfen zu können. Und darum ging es dem Turnvater letztlich, so die Historikerin Karen Hagemann von der University of North Carolina, die ein Grundlagenwerk über die antinapoleonischen Kriege Preußens geschrieben hat.

"Jahn und seinen Freunden war sehr klar, dass für diesen erstrebten Krieg gegen Frankreich, den erhofften Rachefeldzug, wie es so schön hieß, nicht nur eine mentale Mobilisierung nötig ist, das heißt eine Erziehung, eine Staatserziehung vor allem der jungen Männer, die in den Krieg ziehen sollten, sondern auch eine physische Ertüchtigung. Und das Turnen war in dieser Zeit vor allem gedacht als eine physische Ertüchtigung für den späteren Kriegsfall."

Bei der Völkerschlacht in Leipzig wurde Napoleon vernichtend geschlagen, doch die nationale Einigung, für die Jahn eintrat, blieb aus. Seine Kritik an den politischen Verhältnissen in Deutschland machte ihn und seine Turnbewegung zunehmend zu Staatsfeinden. 1819 wurde Jahn von der preußischen Regierung zu mehreren Jahren Festungshaft verurteilt. Der Turnplatz auf der Hasenheide wurde geschlossen, die Geräte wurden abgerissen. Erst 25 Jahre später, im Vorfeld der Märzrevolution, wurde das Turnen auf der Hasenheide wieder erlaubt und Jahn rehabilitiert, 1848 wurde der Turnvater in die Nationalversammlung in der Paulskirche gewählt. Als er 1852 starb, war das Turnen im Verein mit anderen längst zu einer festen Organisationsform geworden: überall im deutschsprachigen Raum wurden Turnvereine gegründet. Doch Jahn wurde nach seinem Tod nicht nur vom Sport vereinnahmt, sondern auch von der Politik: So priesen ihn die Nationalsozialisten wegen seiner nationalen Rhetorik.

"Jahn ist immer auch ein Stück weit missbraucht worden, indem man ihn immer als Steinbruch verwendet hat für die jeweilige politische Position. Also für die DDR war er plötzlich ein Freiheitskämpfer, was er ja ein Stück weit war mit der 48er Revolution, für andere ist er ein Rechtsradikaler sozusagen und dann zieht man sich die Dinge heraus. Man muss sehen: Jahn hat große Defizite in der intellektuellen Auseinandersetzung, aber er war ein genialer, heute würde man sagen, Öffentlichkeitsarbeiter und einer, der sein Anliegen des Turnens in einer Weise damals in die Öffentlichkeit gebracht hat, was phänomenal ist und was letztlich dazu geführt hat, dass wir uns heute alle auf dieses System berufen."

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