Montag, 27. Juni 2022

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Venezuela
Zwischen Parade und Tränengas

Venezuela hat den ersten Jahrestag des Todes von Ex-Präsident Hugo Chávez begangen. Sein Nachfolger im Amt, Nicolás Maduro, nutzte das Gedenken auch, um die eigene Stärke zu beschwören. Gleichzeitig gingen wieder Tausende gegen ihn auf die Straße.

Von Martin Polansky, ARD-Hörfunkstudio Mexiko-Stadt, zzt. Caracas | 06.03.2014

Parade zu Ehren des verstorbenen Comandante Hugo Chávez. Offiziell ein zivil-militärischer Aufmarsch. Tausende sozialistische Kämpfer und Revolutionäre in olivgrün oder rot. Auf der Ehrentribüne Boliviens Staatschef Evo Morales und auch Kubas Präsident Raul Castro - einer der wichtigsten Empfänger der venezolanischen Petrodollar. Castro dürfte mit Sorge verfolgen, dass in Venezuela seit Wochen demonstriert wird gegen die sozialistische Führung.
Hugo Chávez' Nachfolger, Präsident Nicolas Maduro, beschwört vor den Kampfgenossen die eigene Stärke: "Ein Jahr nach dem Tod unseres Comandante steht die bolivarische Revolution auf festen Füßen. Siegreich im Kampf und auf dem Weg zum christlichen, chavistischen Sozialismus - vereinter denn je."
Das Armenviertel Petare am Stadtrand von Caracas. Hier vor einem Supermarkt werden die Worte des Präsidenten nicht gehört. Hunderte Menschen stehen in einer langen Schlange. Milchpulver soll hier heute verkauft werden. Das hat sich herumgesprochen in der Gegend. Polizisten lassen die Wartenden in kleinen Gruppen in das Geschäft. Die anderen harren aus: "Das kann doch wohl nicht wahr sein, dass man für Milch stundenlang ansteht. Der Präsident sagt, alles ist gut. Es ist Lüge. Wir leben hier bald wie in Kuba", sagt ein Wartender. Eine Frau schaltet sich ein. "Es geht uns besser als früher. Die Leute wissen das."
Ein paar Kilometer weiter in Altamira, einem der reicheren Viertel von Caracas. An die 2000 Menschen haben sich hier am Nachmittag versammelt. Viele tragen Basecaps in den Nationalfarben oder haben sich eine venezolanische Flagge um die Schultern gelegt. Trikolore statt dem Rot der Sozialisten. "Bei allem Respekt für den toten Hugo Chávez. Ich bin nicht hier, um ihm nachzutrauern. Er ist schuld an der Lage im Land. Ich bin hier, um die protestierenden Studenten zu unterstützen. Wir wollen Freiheit für unser Venezuela."
Die Stimmung ist angespannt. In Sichtweite warten große Polizeiaufgebote. Auf Seiten der Demonstranten verstärken junge Männer mit Schutzmasken immer wieder die Barrikaden auf den Straßen. Dann feuert die Polizei die ersten Tränengasgranaten in die Menge. Die Maskierten schmeißen Steine. Fast schon ein Ritual - allerdings mit bisher mindestens 18 Toten im Land.
Caracas am ersten Todestag von Hugo Chávez. Die Staatsführung lässt fröhliche Lieder anstimmen zu Ehren des Comandante. Ein Land in Schieflage. Aber die Combo spielt.