Mittwoch, 01. Februar 2023

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Verdrängte Geschichte
Das Schicksal der "Moffenkinder" in den Niederlanden

Als "Moffenhuren" wurden sie nach Kriegsende beschimpft und gedemütigt: Niederländerinnen, die während der deutschen Besatzung mit Wehrmachtssoldaten zusammen waren. Auch "Moffenkinder" wie Monika Diederichs haben unter ihrer Abstammung gelitten – manche tun es bis heute.

07.05.2020

Die niederländische Historikerin Monika Diederichs hält in ihrem Wohnzimmer in Haarlem eine gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografie ihrer Eltern in der Hand
Die niederländische Historikerin Monika Diederichs kam während des Zweiten Weltkriegs als Tochter einer Niederländerin und eines deutschen Soldaten auf die Welt und wurde früher als "Moffenkind" beschimpft (Deutschlandradio/ Kerstin Schweighöfer)
"Die jungen Frauen und Mädchen wurden aus ihren Häusern gezerrt und zu einem öffentlichen Platz gebracht. Dort wurden sie unter dem Jubel und Gejohle der Menge kahlgeschoren. Dabei wurden Messer benutzt, Gartenscheren, alles, mit dem man schneiden konnte. Manchmal wurden die Haare auch einfach ausgerissen. Es entstanden blutende Wunden."

Monika Diederichs hält einen Moment inne. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer in Haarlem, vor ihr auf dem Tisch schwarz-weiß Aufnahmen von kahlgeschorenen jungen Frauen. Sie wurden gezwungen, in die Kamera zu schauen.
"Dann wurden die kahlgeschorenen Köpfe mit Pech beschmiert, das tat natürlich sehr weh in den offenen Wunden. Anschließend wurden die Frauen durch die Straßen getrieben - beschimpft, bespuckt und manchmal auch vergewaltigt. Polizei und Soldaten schauten weg oder machten mit. Die Frauen waren vogelfrei. Sie hatten sich mit dem Feind eingelassen – sie waren wertloser als ein Stück Dreck."
Verdrängtes Kapitel
"Moffenhuren" wurden sie genannt, die niederländischen Frauen und Mädchen, die sich während der Besatzungszeit in einen deutschen Soldaten verliebten. Rund 120.000 gab es, schätzt Monika Diederichs. Die 74-jährige Historikerin hat 400 Fälle untersucht und mit 56 dieser Frauen gesprochen. Für ihr erstes Buch, das 2006 erschienen ist. Es ist die einzige Studie zu diesem Thema geblieben. Was diesen Frauen angetan wurde, werde immer noch verdrängt: "Darüber will man nicht sprechen und darüber darf nicht gesprochen werden. Das hat nicht stattgefunden - auch 75 Jahre nach Kriegsende will man das nicht sehen."
Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe 75. Jahrestag der Befreiung - Die Niederlande und das Trauma der deutschen Besatzung.
Ein zweites Tabu seien die etwa 14.000 Kinder dieser Frauen und wie mit ihnen umgegangen wurde. Auch mit ihnen hat Historikerin Diederichs gesprochen, für ihr zweites Buch: "In den Niederlanden als Kind eines deutschen Soldaten aufzuwachsen, war eine sehr schmerzliche Erfahrung."

Monika Diederichs spricht aus Erfahrung: Sie ist selbst ein "Moffenkind". In einer Metallschatulle hat sie vergilbte schwarz-weiß Fotos von ihrer deutschen Familie aufbewahrt. Oma, Opa, in ihrem Haus bei Koblenz am Rhein. Die Urgroßeltern. Und ihr Vater Alois.
Von der eigenen Familie als "Moffenhure" beschimpft
Bei einem Sonntagsspaziergang habe ihre Mutter ihn kennengelernt. 1941, in den Wäldern bei Utrecht. Er war 19 und beim Fallschirm-Panzer-Ersatz- und Ausbildungs-Regiment Hermann Göring.

Kurz darauf, bei einer Offensive in Norditalien, trat Alois auf eine Miene und erblindete. Im Lazarett holte er sich Tuberkulose. Er war erst Anfang 20, als er starb, kurz nach Monikas zweitem Geburtstag. Ihre Mutter, die während des Krieges zu ihren Schwiegereltern nach Deutschland umgezogen war, kehrte daraufhin mit der kleinen Tochter nach Holland zurück. 1948 war das. Sie heiratete einen Verehrer aus der Schulzeit und bekam zwei weitere Kinder.
Drei Jahre nach der Befreiung musste sie zwar nicht mehr befürchten, kahlgeschoren und mit Pech beschmiert zu werden, aber: "Sie war natürlich nicht mehr willkommen in den Niederlanden. Sie war nie wirklich frei. Sie musste sich von ihrer eigenen Schwester als ‚Moffenhure’ beschimpfen lassen."
Auch für Monika begannen schwere Zeiten: Fotos aus ihrer Babyzeit wurden im Schrank verschlossen, die ihrer Stiefgeschwister ins Familienalbum geklebt. Zu ihrem Geburtstag kamen nie Kinder, selbst wurde sie auch nicht eingeladen. Es wurde getuschelt und hinter vorgehaltener Hand geflüstert.
Demütigungen als Kind eines deutschen Soldaten
Erst mit 13 sagte ihr die Mutter, dass ihr Vater ein deutscher Soldat war. "Aber das will ich nicht", habe sie entgegnet, "ich will keinen Moffen als Vater!" Sie war doch ein niederländisches Kind!

Im Geschichtsunterricht hatte sie gelernt, dass es keine schlimmeren Menschen gab als die Deutschen. Schlechte Menschen waren das. Mit einem deutschen Vater war auch sie schlecht.

Als sie erwachsen war, gingen die Demütigungen weiter. Als sie einen Job in einem Delikatessenladen annehmen wollte, wurde ihr geraten, sich fortan besser nicht mehr Monika zu nennen, sondern Monique. "Nie habe ich dazugehört. Ich wurde immer ausgeschlossen. So wie bei allen ‚Moffenkindern’ hat sich das wie ein roter Faden auch durch mein Leben gezogen, schon als Kind."
"Verliebte junge Dinger", keine Sympathisantinnen
Die meisten der Frauen, ergab Monika Diederichs Studie, hätten nicht mit den Nationalsozialisten sympathisiert, sondern sich einfach verliebt, so wie ihre Mutter:
"Wirklich darüber reden können habe ich nie mit ihr. Sobald meine Mutter die Worte ‚Moffenkind’ oder ‚Moffenhure’ hörte, geriet sie völlig aus der Fassung. ‚Hör auf, Monika, hör auf‘, rief sie dann. ‚Ich will das nicht hören. Es ist schrecklich, was sie den Frauen angetan haben!’"
Die niederländische Regierung hätte sich längst bei diesen Frauen entschuldigen müssen, findet Monika Diederichs. So wie es die norwegische Regierung 2018 getan hat. Doch anstatt endlich in den Spiegel zu schauen, stecke die niederländische Gesellschaft weiterhin den Kopf in den Sand und zeige mit dem Finger auf andere.

"Deshalb ist es bislang auch nicht gut geworden. Weder zwischen unseren Müttern und uns Kindern. Noch zwischen unseren Müttern und den Niederlanden und auch nicht zwischen uns Kindern und den Niederlanden. Ich fürchte, es wird auch niemals wirklich gut werden."