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Vermeer im LouvreMeister der besonderen Strahlkraft

Eine Dienstmagd mit Milchkrug, eine Frau beim Briefeschreiben, eine Spitzenklöpplerin: Bis heute haben die Werke des niederländischen Malers Jan Vermeer eine ganz besondere Strahlkraft. Zwölf dieser Bilder sind im Rahmen einer Schau rund um das Goldene Zeitalter bis zum 22. Mai im Louvre zu sehen.

Von Kathrin Hondl | 21.02.2017

Sie sehen einen Journalisten, der das Gemälde "Briefschreiberin und Dienstmagd" von Vermeer filmt.
Die Werke von Jan Vermeer und seiner Zeitgenossen des Goldenen Zeitalters werden als Genremalerei bezeichnet. (AFP / François Guillot)
"Es war schon etwas gewagt", meint Kurator Blaise Ducos, "Vermeer in der Mitte seiner Zeitgenossen zu versenken, möglicherweise sogar zu ertränken. Würde er im Getöse der anderen bestehen? Ich denke, er kommt dabei gut weg. Und: Sein Beitrag zur Genremalerei wird deutlich."
Tatsächlich ist es so, dass die Bilder Vermeers inmitten der anderen, ebenfalls meisterlichen Genre-Gemälde eine ganz besondere Strahlkraft entwickeln. Dabei ähneln sich Aufbau und Motive, zum Beispiel beim beliebten Genre "Liebesbriefe". Da sehen wir auf einem Gemälde von Gerard Ter Borch eine junge Frau am Tisch beim Versiegeln eines Briefs, zu ihren Füßen liegt ein Hund, eine Dienstmagd steht daneben, offensichtlich wartet sie, den Brief mitzunehmen. Sehr viel spannungsvoller und auch rätselhafter ist direkt daneben Vermeers berühmtes Gemälde "Briefschreiberin und Dienstmagd": Eine einzige Lichtquelle erhellt die Schreibende am Tisch und das Gesicht der Magd, die - anders als bei Ter Borch – nicht die Briefschreiberin anschaut, sondern aus dem Fenster blickt.
Im Bildvordergrund liegt am Boden ein zerknülltes Papier. Ist es eine erste und dann verworfene Version des Briefs? fragt man sich. Oder vielleicht, wütend hingeknüllt, der Brief, der nun beantwortet wird? Vermeers Malerei scheint mehr zu erzählen als die seiner Zeitgenossen. Vermeer ist tiefgründiger, meint Blaise Ducos:
"Die meisten anderen Genre-Maler haben nur eine oberflächliche Psychologie. Sie sind hübsche Maler. Aber mit Vermeer ist das eine andere Geschichte: Er ist voll Psychologie!"
Kein einsames Genie
Aber Jan Vermeer, der berühmteste der niederländischen Meister des 17. Jahrhunderts, auch das wird jetzt im Louvre deutlich, war kein einsames Genie. Im Gegenteil: Er war gut vernetzt und ließ sich von den Kompositionen der anderen inspirieren.
"Er reagiert, saugt sozusagen den Honig aus den Schöpfungen der anderen. Er macht manchmal Anleihen und ist insofern kein besonders origineller Maler. Manchmal aber lehnt er die Vorlagen auch ab."
Und das zeigt sich ganz besonders bei den Paradestücken der Ausstellung, zwei Gemälden Vermeers, die allein, ohne unmittelbare Nachbarbilder eine ganze Museumswand für sich bekommen haben: Die "Dienstmagd mit Milchkrug" aus dem Amsterdamer Rijksmuseum und "Die Spitzenklöpplerin" aus der Sammlung des Louvre.
Schräg gegenüber: Dieselben Motive gemalt von Gerard Dou, dem, so Blaise Ducos, "Gegenspieler" Vermeers.
"Die Spitzenklöpplerin von Dou hat fast schon etwas Pikantes, Aufreizendes, sie schaut den Betrachter an, mit verfügbarer Anmut. Und dann ist da eine Anhäufung von Details, man sieht noch den kleinsten Faden.
Diese Detailgenauigkeit ist fast schon abstoßend, so jedenfalls muss es Vermeer empfunden haben, der im Gegenzug ein fast schon abstraktes Bild gemalt hat."
Rivalität und künstlerische Herausforderung
Rein und aristokratisch wirkt Vermeers Spitzenklöpplerin, wie die jungen Mädchen, die er beim Lautenspiel malte. Und geradezu königlich strahlt daneben die "Dienstmagd mit Milchkrug". Hier zeige sich, wie Vermeer funktionierte, sagt Blaise Ducos:
"Es geht um Rivalität und künstlerische Herausforderungen. Er nimmt die Herausforderung an, eine unscheinbare Figur über all die eleganten Damen zu erheben, die in dieser Ausstellung zu sehen sind."
Und so erklärt sich eben auch, warum gerade er, Jan Vermeer aus Delft, bis heute als Genie gilt, im erlesenen Kreis der meisterlichen Genremaler des Goldenen Zeitalters.