Archiv


Verstärker auf der Sackkarre

Sie treten auf Betriebsfesten und Hochzeiten auf, "Country Roads" gehört genauso zu ihrem Repertoire wie "Born to be wild". Doch die Street Kings aus dem Ruhrgebiet sind keine typische Coverband. Die Profimusiker sind die mobilste Band der Welt.

Von Christoph Sterz |
    Ein Samstagmorgen im Dortmunder Südosten, vorm Proberaum der Street Kings. Die Coverband hat heute einen Einsatz in Hamm, wie immer mit dem bandeigenen Feuerwehrauto aus den 60er-Jahren - frisch restauriert und ein absoluter Blickfang, wie auch Gitarrist Stefan Goebel findet.

    "Da passt die ganze Anlage rein, da passen wir rein, da können wir sogar noch ein paar Leute mitnehmen. Die Polizei winkt uns in Einbahnstraßen, Fußgängerzonen und überall rein, hilft. Und mit dem original Blaulicht ist das natürlich auch echt schick."

    Die Instrumente sind noch vom letzten Auftritt im Wagen, befestigt auf Sackkarren - genau wie die komplette Technik der Street Kings - die sich selbst als die "mobilste Band der Welt" bezeichnet.

    Am großen Lenkrad sitzt der Bassist Carsten Risch, er hat die Street Kings vor 17 Jahren gegründet.

    Die Band spielt heute mitten auf dem Land, auf dem Sommerfest der Otmar-Alt-Stiftung, die junge Künstler unterstützt. Nach einer einstündigen Irrfahrt durchs Ruhrgebiet erreicht das rote Feuerwehrauto sein heutiges Ziel.

    Alle Bandmitglieder sind inzwischen da, also außer Carsten Risch und Stefan Goebel noch Ersatzkeyboarder Werner Melzig, Sänger Sven Miebach - und der Schlagzeuger der Band, Matthias Bonheger-Kadel. Und der macht sich gleich an die Arbeit.

    "Persönlicher Rekord im Ausladen?" - "Boah, ich würde sagen, unter zwei Minuten. Wenn wir alle auf Zack sind und der Platz rund ums Auto großzügig ist, dann dauerts vielleicht zwei, drei Minuten, maximal. Ratzfatz."

    Nach und nach holen die Bandmitglieder die vier voll beladenen Sackkarren aus dem Wagen; auf geht's zum Aufbauen, die Bühne ist heute ebenerdig, unter zwei grünen Gartenpavillons. Matthias Bonheger-Kadel baut sein Schlagzeug auf, ein paar Handgriffe nur, dann steht alles - das Schlagzeug bleibt genau wie Boxen, Mischpult und Verstärker die ganze Zeit auf der Sackkarre, der Strom kommt über Autobatterien - eine Idee des Bandgründers Carsten Risch.

    "Ich hab schon in meiner Jugend Straßenmusik gemacht und das hab ich das erste Mal in Paris überhaupt gesehen, dass es so Batterieverstärker gibt und dann kam halt so auch die Idee: Mensch, ein Schlagzeug muss man doch auch auf ner Sackkarre unterbringen können. Und das ist ne Entwicklung, die eigentlich immer noch anhält. Man muss das nur so für sich entdecken und auch den Mut haben, sowas zu machen."

    Während sich die ersten Gäste einen Kuchen holen, machen sich die fünf Musiker bereit, einen Soundcheck gibt es nicht - das passiert alles beim ersten Lied, einem Klassiker von Bill Withers.

    Die Band spielt routiniert und unaufgeregt, große Innovationen sind bei ihren Auftritten nicht gefragt - sondern vor allem die Mobilität der Band.

    "Ein Klassiker ist bei Veranstaltungen, wir starten draußen beim Empfang und gehen dann später in die Location rein und spielen da weiter, oder wenn es anfängt, zu regnen, dann ziehen wir halt um. Das ist mit ner normalen Band oder Bühne natürlich absolut nicht möglich."

    Nach einer halben Stunde steht die erste Pause an, Sänger Sven Miebach löffelt Erbsensuppe. An spärlichen Applaus und schnell wieder vorbeiziehende Zuschauer hat er sich nach eigenem Bekunden gewöhnt.

    "Wie so oft in so einer Dienstleistungstruppe, sag ich mal, steht man ja nicht als Musiker so im Mittelpunkt, sondern man ist so die Randerscheinung. Es ist mehr so, als würd's Radio laufen, hab ich dann schon mal den Eindruck."

    Langsam füllt sich der geräumige Hof der Otmar-Alt-Stiftung, ein paar ältere Semester sitzen an Biertischen, verkrümeln Käsekuchen und schlürfen Filterkaffee; ein Mann mit rotem T-Shirt und müdem Gesicht stützt sich auf einen Stehtisch, nippt am ersten Bier und wippt mit der wieder einsetzenden Musik.

    Rund 100 Stücke haben die Street Kings im Angebot, von "Country Roads" bis "Born to be wild".

    Zwei Stunden haben die Street Kings inzwischen gespielt - und es gibt auch Zuschauer, die sich nicht nur berieseln lassen, sondern die Band ganz genau beobachten. Ein Mann Ende 20 ist extra für den Auftritt nach Hamm gekommen, er soll für ein befreundetes Paar herausfinden, ob die Street Kings etwas wären für ihre Hochzeit im kommenden Jahr.

    "Die hören sich gerade sehr gut an, bringen gute Stimmung rüber. Ich kann nur sagen, bisher haben wir nen guten Eindruck. Das könnte gut klappen."

    Das mag auch am musikalischen Anspruch der Band liegen: Die hat zwar keine eigenen Lieder im Angebot, besteht aber trotzdem aus Profimusikern, die längst nicht alles mit sich machen lassen, sagt Bandchef Carsten Risch.

    "Wir machen hier handgemachte Musik. Was wir generell ablehnen, sind halt dieser typische Ballermann-Pop, elektronisch programmierte Musik. Die reproduzieren wir auch nicht."

    Und für eigene Songs, dafür haben die fünf Musiker andere Bands. Das ist okay für sie, sagen die Street Kings - denn mit der Coverband spielen sie einiges an Geld ein, sie sind ab etwa 1200 Euro pro Auftritt zu haben - und das rechnet sich, gerade auch wegen des schnellen Aufbaus mit den Sackkarren.

    Kurz nach 15 Uhr ist Schluss,

    Die Band verschwindet genau so schnell, wie sie gekommen ist. Das Equipment ist nach wenigen Minuten abgebaut und verstaut - und dann, hast-du-nicht-gesehen, machen sich die Street Kings auch schon wieder auf ihren Weg, im roten Feuerwehrauto.