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Vier Schläge auf eine dumpfe afrikanische Trommel

Der Deutsche Dienst der BBC war während des Zweiten Weltkrieges ein Hoffnungszeichen für Nazi-Gegner und Menschen, die sich jenseits der Propaganda informieren wollten. Die erste Übertragung in deutscher Sprache fand aber schon vor dem Zweiten Weltkrieg statt.

Von Brigitte Baetz | 27.09.2013
    "I am myself a man of peace in the depth of my soul …”"

    Erklärte der britische Premier Neville Chamberlain 1938 mitten in der so genannten Sudetenkrise. Alle Zeichen standen auf Krieg. Die Deutschen hatten das Rheinland besetzt, Österreich angeschlossen und forderten nun das Sudetenland. Der 70-jährige Chamberlain wollte mit einer Rede auch der deutschen Bevölkerung die britische Sicht der Dinge erklären. Auf Anweisung des Außenministeriums übertrug die BBC deshalb den Auftritt des Premiers samt deutscher Übersetzung – in der Hoffnung, dass die Ausstrahlung auch in Deutschland Hörer erreichen würde.

    ""Ich bin ein Mann des Friedens bis in die tiefste Tiefe meiner Seele. Für mich ist der bewaffnete Konflikt zwischen Nationen ein Angsttraum."

    Es war der Abend des 27. September 1938. Der deutschstämmige Maler Walter Goetz war von einer Cocktailparty weg in die Zentrale der BBC geholt worden, um die Worte Chamberlains live auf Deutsch weiterzugeben. Der Wiener Journalist Robert Ehrenzweig Lucas schrieb ihm die Übersetzung per Hand auf. Das führte zu großen Unterbrechungen – und zur Verwirrung bei den BBC-Hörern. Hatte Nazi-Deutschland den britischen Sender gekapert? Proteste formierten sich in der Empfangshalle des Radiosenders in London, doch das Missverständnis konnte aufgeklärt werden – und: über eine Wiederholung am nächsten Morgen via Radio Luxemburg hörten noch mehr Deutsche zum ersten Mal ungefiltert, was die Briten zur europäischen Politik sagten. Ironie der Geschichte: die Nationalsozialisten hatten selbst mit ihrer Hörfunkpropaganda dafür gesorgt, dass die deutsche Bevölkerung mit den "Volksempfängern" bestens für den Radioempfang ausgerüstet war.

    "Hier spricht London. Sie haben soeben eine Rede Mr. Neville Chamberlains, des Ministerpräsidenten von Großbritannien, gehört. Es folgen nun einige Nachrichten in deutscher Sprache. …"

    Diese holprigen Anfänge ließen kaum ahnen, wie wichtig die deutsche Stimme aus London einmal werden sollte. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges professionalisierte die BBC ihre Bemühungen. Hugh Carlton Greene, der Bruder des Schriftstellers Graham Greene, baute eine eigene deutsch-sprachige Redaktion auf. Gesendet wurde bald auf verschiedenen Frequenzen der Lang-, Mittel- und Kurzwelle, auch um den aktiven Störversuchen der Deutschen zu entgehen. Der Feind war für die BBC das Nazi-Regime und nicht die deutsche Bevölkerung, so das Credo Hugh Carlton Greenes.

    "Friede mit dem deutschen Volk? Jawohl! Friede mit Hitler? Niemals! (…) Selbst wenn es zwanzig Jahre dauern sollte, um Hitler und seine Kriegsmaschine zu Staub zu zermalmen."

    "(Paukenschläge BBC) Hier ist England, hier ist England."

    "Nee, nee, da will ich nischt von wissen, Kinder. Nee, dat Radio dreh ich nich an. Nee, nee, nichts zu machen. Wie leicht drehste da ein bissken zu weit und - haste nich jesehn - biste en Volksschädling."

    Meinte die Waschfrau Wernicke, eine der populärsten Figuren im Unterhaltungsprogramm der "Deutschen BBC". Verkörpert wurde sie von der Berliner Schauspielerin Annemarie Hase – einer von mehr als zwei Dutzend Emigranten, die am Radioprogramm arbeiteten. Wer im Dritten Reich wissen wollte, was wirklich geschah, der schaltete den Deutschen Dienst der BBC ein – allerdings möglichst so, dass kein Nachbar etwas davon mitbekam. Denn auf das Hören von "Feindsendern" stand Gefängnis. Die Weiterverbreitung von Nachrichten konnte sogar mit dem Tode bestraft werden. Aus dem amerikanischen Exil wandte sich Thomas Mann an seine Landsleute:

    "Deutsche Hörer! Ein düsteres Jubiläum will begangen sein! Zehn Jahre Nationalsozialismus; was haben sie dem deutschen Volke gebracht? Es gibt nur eine Alles sagende Antwort: den Krieg!"

    Die Männer und Frauen in der Londoner Zentrale wollten den Eindruck vermeiden, der deutsche Dienst der BBC sei ein Propagandainstrument. Sie glaubten an die Kraft des Wortes: an die aufklärerische Wirkung von Satire und an die Macht der unverfälschten Nachricht. Auch die Niederlagen der alliierten Truppen wurden vermeldet, direkte Aufforderungen zum Widerstand oder zur Sabotage vermieden. Diese "Strategie der Wahrheit", wie sie Carlton Greene einmal nannte, zahlte sich aus. Auch wenn man nicht weiß, wie viele Deutsche im Krieg wirklich den Deutschen Dienst an ihren Radiogeräten verfolgten, der Ruf der BBC als einem der besten Sender der Welt wurde damals begründet.