Mittwoch, 06. Juli 2022

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Villagers aus Irland mit neuem Album
"Ich singe lieber, als eine Rede zu halten"

Conor O'Brien, Sänger, Gitarrist und Komponist der Villagers, veröffentlicht sein viertes Studioalbum. Auf "The art of pretending to swim" präsentiert er facettenreiche Songs zwischen Folk, Indie und Elektronik. "Musik, die mich glücklich macht, hat verschiedene Ebenen", sagte der Musiker im Dlf.

Conor O´Brien im Corsogespräch mit Anja Buchmann | 22.09.2018

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Conor O'Brien ist Sänger, Gitarrist und Komponist der irischen Band Villagers (Deutschlandradio/Kerstin Janse)
Conor O’Brien, Sänger, Gitarrist, Keyboarder und Komponist der "Villagers", hat auch schon auf dem Reeperbahnfestival gespielt, vor zwei Jahren, veröffentlicht sein viertes Studioalbum. Nachdem sein letztes sehr ruhig und folkig war, zeigt er auf "The art of pretending to swim" wieder mehr, was er drauf hat. O'Brien war zu Besuch im Dlf-Studio und hat unter anderem erzählt, was der Titel « The Art of pretending to swim » eigentlich bedeutet.
Conor O'Brien: Das ist ein interessanter Satz für mich, denn er suggeriert das Ertrinken. So erscheint mir das Leben auch manchmal: Du kannst nicht richtig schwimmen, aber du kannst ertrinken - du musst einfach weiter gehen und die Dinge möglichst gut machen. Und manchmal täuschst Du damit etwas vor. Aber das ist okay. Du musst nicht immer der olympische Schwimmer sein.

Anja Buchmann: Für mich klingt das ein bisschen wie eine Maskerade, eine Fassade: Jemand tut so, als ob er schwimmen kann, als ob er überleben kann und alles okay ist – aber in Wahrheit kann er es gar nicht, ist unsicher und hilflos. Oder ist das eine falsche Interpretation von mir?
O'Brien: Das ist genauso wahr wie meine Interpretation. Es gibt definitiv Momente auf dem Album, die genau das auch suggerieren.
Buchmann: Sie beginnen das Album mit dem Opener "Again" – und ich möchte kurz den Text zitieren: I 've found again a space in my heart again. For God again in the form of art again"; und im Refrain singen Sie weiter: "I let it flow into a bottomless hole again. As I feel it ripple and ready its soul again. Alone again. Home." Was für Gefühle beschreiben Sie dort? Verrückte Gefühle?
O'Brien: Ach, den Text noch einmal zu hören, ist sehr intensiv
Buchmann: Ohne ihn zu singen.
O'Brien: Ohne ihn zu singen, ja. Ich glaube, bei dem Song geht es ein bisschen um die Beschwörung von kreativem Fluss. Und das Wort "Gott" zu benutzen war interessant für mich. Denn vorher hätte ich das nicht gemacht, ich hatte sehr negative Konnotationen mit organisierter Religion.
Buchmann: Ja, ich fragte mich schon, ob Sie religiös sind – sind Sie nicht?
O'Brien: Nein. Okay, im weiteren Sinn vielleicht, weil ich Dinge gerne repetiere… aber ich würde nicht zwingend in die Kirche gehen. Für mich ist Spiritualität weiter gefasst. Und Kreativität und Musik ist ein geheimnisvoller Prozess, den ich nie wirklich verstehen werde. Ich will es auch nicht, denn ich bin in solchen kreativen Momenten wirklich ganz eingehüllt davon. Das ist ganz dicht an meinem Herzen und an meiner Seele. Und dieser Song drückt das aus. Es ruft die Kunst, einen Gott und…
Buchmann: Und ein Zuhause? Was bedeutet Ihnen das?
O'Brien: Das ist ein Gefühl. Zuhause ist ein Gefühl, egal wo man sich geographisch gerade befindet. Es ist eine zentrale Essenz, die dich füttert, wenn du sie brauchst. Wenn Du hungrig bist.
Buchmann: Wo wohnen Sie aktuell?
O'Brien: Geographisch? In Dublin, Irland.
Buchmann: Man hört auch ein paar Sounds von Seemöwen auf dem ersten Track. Haben Sie die selbst aufgenommen?
O'Brien: Ja, das ist der Klang von fliegenden Seemöwen, und das Album endet damit auch, wenn man genau hinhört. Ich wollte diesen Sound an diesen bestimmten Platz packen und die Hörerinnen und Hörer wissen lassen, dass es sich bei der Platte um einen Kreislauf handelt. Ein Kreislauf des Vertrauens. Wenn man den Erzählungen des Albums folgt, dann merkt man, dass der Protagonist auf eine Art Vertrauen in das Leben verliert, in die Liebe, in Gott - da gibt es verschiedene Aspekte.
Buchmann: Und man kann das Album dann immer wieder neu hören.
O'Brien: Ja, und da findet er oder sie es wieder, das Vertrauen. Das ist eben der Kreislauf.
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Conor O´Brien - Villagers - sieht im Dlf Foyer zum ersten Mal sein neues Album in Vinyl (Deutschlandradio/Kerstin Janse)
Buchmann: Viele Ihrer Stücke tragen zwei Seiten in sich: einerseits hell, groovend, positiv und hoffnungsvoll, dann aber auch wieder gedämpft, traurig oder zumindest melancholisch. Können Sie mit solchen Gedanken zu Ihrer Musik etwas anfangen?
O'Brien: Ja, die sind sehr willkommen. Ich wollte diesmal Musik machen, die auch oberflächlich zu genießen ist. Musik, die groovt, und zu der man schnell Zugang findet. Aber wenn man tiefer schaut, dann sieht man: Nicht alles ist, wie es scheint. Das wollte ich auch mit dem Cover des Albums ausdrücken. Musik, die mich glücklich macht, hat verschiedene Ebenen. Und Musik, die mich depressiv macht, das ist diese sogenannte "Happy Pop Music". Denn die zeigt nicht die Realität des Lebens. Und ich wollte das mit diesem Album in einer anderen Weise reflektieren.
Buchmann: Das ist es, was einen guten Song oder ein gutes Album ausmacht: dass es verschiedene Ebenen der Musik und der Bedeutungen gibt. Und diese Atmosphäre, die ich – und Sie auch – beschrieben habe, die empfinde ich auch beim Video zum Song "A trick oft the light". Würden Sie für die Zuhörer die Geschichte beschreiben, die dort erzählt wird?
O'Brien: Es geht um mich und meinen Freund Bob, der der Regisseur ist.
"Es geht darum, blindes Vertrauen in etwas zu haben"
Buchmann: Bob Gallagher.
O'Brien: Bob Gallagher, genau. Wir haben den Song zusammen gehört und über die Themen gesprochen. Es geht darum, blindes Vertrauen in etwas zu haben und sich selbst zu erlauben, aus den Zynismen auszusteigen, die Dich umgeben. Dann haben wir beschlossen, das geradezu buchstäblich im Video darzustellen.
Mit einem visionären, verrückt aussehenden Mann, der durch Dublin spaziert und auf verschiedenste Menschen trifft. Er sieht sozusagen die engelsgleichen Versionen von ihnen. Es ist nicht klar, ob das wirklich so ist, oder nur in seinem Kopf passiert. Das Label wollte mich dann überzeugen, den Hauptcharakter selbst zu spielen, aber ich habe das abgelehnt und stattdessen ein paar andere Figuren gespielt. Das hat Spaß gemacht.
"Ich hoffe, Bill Withers verklagt mich nicht"
Buchmann: Dieser Song erinnert mich übrigens ein bisschen an "Just the two of us" von Bill Withers. Hat Sie das beeinflusst?
O'Brien: Ja, ich kann es auch ein bisschen sehen.
Buchmann: Vielleicht in der Basslinie oder so, es ist sicher alles andere als eine Kopie.
O'Brien: Ja, ich hoffe er verklagt mich nicht!
Buchmann: Mögen Sie seine Musik?
O'Brien: Ich liebe seine Musik und vielleicht war da ein unterbewusstes Transportieren seines Vibe. Ich habe "Still Bill" intensiv gehört, ein früheres Album von ihm, und ich habe mich mit seinem Leben beschäftigt, Videos geseheen, sehr groovy!
Buchmann: Welche Instrumente auf dem Album haben Sie eigentlich selbst eingespielt? Ich glaube: Viele?
O'Brien: Ja, ich habe viele Schlagzeugparts eingespielt, Synthesizer, Piano, Gitarre, Bass und so was.
Buchmann: Aber nicht die Bläser?
O'Brien: Nein, die sind nicht von mir. Dafür habe ich mein Heimstudio verlassen und bin in ein richtiges Studio eines Freunds gegangen. Dort haben wir die Streicher und Blechbläser aufgenommen. Das hat es alles anders geordnet – insbesondere wenn Du eine Weile in deiner eigenen kleinen Kammer eingesperrt warst und du eine bestimmte Art hast, die Dinge zu betrachten. Das bringt dich dazu, andere Perspektiven einzunehmen, die Musik kommt raus in die Welt und verändert sich. Das war schon aufregend.
"Der Geist des Gedichts ist irgendwie in meine Musik gedrungen"
Buchmann: "Long time waiting" ist ein Song, der relativ sanft beginnt und letztlich in ein Crescendo übergeht, es sind lärmende Stimmen zu hören, eine spacige Improvisation… erinnern Sie sich, wie sie das Stück komponiert haben?
O'Brien: Das begann sehr besonders – ich habe Musik für einen befreundeten Dichter gemacht, Steven James Smith. Ein paar Soundscapes zu seinen Texten, die sind noch unveröffentlicht. Eines davon war ein Gedicht über ihn – er ist ähnlich wie ich, kein sehr religiöser Mensch, aber er wollte an einen Platz, der etwas abseits der Welt ist, also ging er in eine Kirche in Dublin, blieb dort ein/zwei Stunden und schrieb ein Gedicht darüber.
Und die Musik, die ich dazu schrieb, wurde dann zu meinem Song; ich habe das Riff daraus genommen. Der Geist des Gedichts ist irgendwie in meine Musik gedrungen. Ich habe ein bisschen herum experimentiert und irgendwann ist es außer Kontrolle geraten. Jemand sagte mir neulich, es ist wie ein Zeigefinger-Song: Nach dem Motto: Ich brauche dich nicht, ich brauche keine Bestätigung. Ein bisschen nach Beyonce-Art. Ein knackiger, sexy Song – naja, so nah wie ich jemals einem sexy Song komme. Und in der Mitte singe ich: Ich brauche keine Bestätigung, von niemandem – keinen Trost-Pokal für etwas, was ich nie verloren habe. Ich glaube, ein bisschen davon kommt aus der Zeit nach dem Referendum zur Homo-Ehe in Irland. Die Homo-Ehe wurde legalisiert und auf einmal sah ich ganz viel Werbung, z.B. für Alkohol, die sich mit "Gay Pride" verbunden hat. Und ich dachte: Okay, werden wir jetzt verkauft? Was geht hier ab? Das hat mich verärgert. Naja, es ist eine komplizierte Geschichte. Ich singe lieber darüber, als eine Rede zu halten.
Die verrückten Synthesizer
Buchmann: Ist dieser Song eigentlich komplett durchkomponiert? Oder haben Sie Platz für eine kleine Improvisation gelassen? Wie in dem Teil mit dieser - ich weiß nicht: ist es eine spacige, verfremdete Gitarre oder ein Keyboard?
O'Brien: Ah, die verrückten Synthesizer. Das war mein Freund Comack, der 10 Jahre bei den Villagers gespielt hat. Er kam rüber, wir tranken sehr viel Wein. Und er spielt Keyboard viel virtuoser als ich. Er spielte also und ich schrie ihn an: Los, spiel, noch verrückter, noch verrückter! Dann habe ich es in den Computer geladen, es verändert, einige Effekte hinzu gepackt. Das war eine verrückte Synthesizer Session, die bis 7 Uhr morgens ging. Dann hatten wir den Song fast fertig. Das war witzig.
Buchmann: Verglichen mit Ihrem letzten Album "Darling Arithmetic" verwenden Sie deutlich mehr musikalische Stile und Instrumente, es ist weniger intim und introvertiert, dafür facettenreicher, manchmal lärmend und mit einer guten Dosis Elektronik. War das von Anfang an Ihr Plan oder ein Prozess?
O'Brien: Am Anfang wollte ich das Ganze ohne Gesang machen, ohne Text. Wie ein Instrumentales Elektronik-Album.
Buchmann: Tatsächlich ohne Gesang?
O'Brien: Ja, und dann habe ich mit meinem Manager erzählt, dass ich Musik mache, die nicht so nach Villagers klingt und er sagte: Oh, dann müssen wir das anders nennen, das muss ein Nebenprojekt sein. Aber dann habe ich es ruiniert, indem ich Worte hinzufügt habe. Also wurde es doch ein Villagers-Album, aber in einer etwas groovigeren Version.
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