Dienstag, 29. November 2022

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Völkermord an den Armeniern
Deutsches Wissen, deutsche Schuld

Im April 1915 begann die Vernichtung der christlichen Armenier im Osmanischen Reich. Deutschland war damals nicht nur Verbündeter, sondern gab in Sachen Kriegsführung den Ton an. Hohe deutsche Militärs und Diplomaten wussten sehr genau, was im Osten des Osmanischen Reiches geschah, aber die deutsche Regierung in Berlin unternahm nichts.

Von Reinhard Baumgarten | 14.04.2015

    Was wusste Deutschland? Was tat Berlin? Sie waren Verbündete - das Kaiserreich und das Osmanische Reich. Sie waren Waffenbrüder. In Ostanatolien starben Hunderttausende armenische Christen.
    ''Aus der Korrespondenz deutscher Offiziere und Diplomaten mit dem Auswärtigen Amt in Berlin werde deutlich, dass die Deutschen über die Ereignisse im Bilde waren'', stellt der Publizist Aydin Engin fest. ''Man kann nicht sicher behaupten, die Deutschen hätten die Deportation geplant und umgesetzt. Aber sicher ist, dass sie es wussten, weggesehen und sich auf die Seite des Osmanischen Reiches geschlagen haben.''
    Deutscher Einfluss im Osmanischen Reich
    Der deutsche Einfluss auf die Hohe Pforte war groß. Generalstabschef der türkischen Streitkräfte war General Friedrich Bronsart von Schellendorf. Operationschef des türkischen Heeres war Otto von Feldmann. Marineattaché Hans Human war eng mit Kriegsminister Enver Pascha befreundet. So eng, sagt der Buchautor Jürgen Gottschlich, dass er ihn jederzeit überall aufsuchen konnte.
    ''Human war durchdrungen davon, dass er gedacht hat, ein gemeinsames deutsch-türkisches Projekt ist die Grundlage für - es wurde ja damals immer über den Platz an der Sonne geredet, Deutschland will auch seinen Platz an der Sonne haben, wie die Briten und die Franzosen. Also, die meisten haben gedacht: Kolonien. Und Human hat nicht rumgesponnen, sondern kannte das Potential des Osmanischen Reiches besser als die meisten anderen, und hat gedacht, mit den Jungtürken zusammen das ist die Chance für Deutschland, Weltmacht zu werden. Das war sein Projekt, da hat er für gelebt. Dafür muss man dann, wie er in einer ganz zynischen Anmerkung zu einem Bericht von einem der dt. Konsuln aus Mossul, der sich darüber aufgeregt hat, wie die Leichen den Tigris runterkamen, wo Human dann an den Rand geschrieben hat: Ja, ist hart, aber nützlich.''
    Der massenhafte Tod christlicher Armenier sei hart aber nützlich. Jürgen Gottschlich hat diese handschriftliche Bemerkung auf einem Dokument im deutschen Militärarchiv in Freiburg gefunden. Dort hat der 60-Jährige taz-Korrespondent der Türkei unzählige Briefe, Dokumente und Depeschen deutscher Diplomaten und Militärs gesichtet, die vor 100 Jahren Dienst im Osmanischen Reich taten.
    Berlin wusste bescheid
    Die Deutschen am Bosporus – sie waren voll im Bilde –, sagt der Sachbuchautor Jürgen Gottschlich. Berlins Botschafter, Hans Freiherr von Wangenheim erhielt Warnrufe, Protestnoten und Depeschen aus vielen osmanischen Städten.
    ''Wenn man vorsichtig ist, kann man sagen, dass Wangenheim zu Beginn im April (1915), als die Deportationen dann gesetzlich verankert wurden, noch davon ausgegangen ist, dass es wirklich darum ging, Leute aus der Kriegszone zu deportieren, sie woanders anzusiedeln, aber nicht umzubringen. Aber die Berichte, die er von seinen Konsuln gekriegt hat, nach zwei Monaten war Wangenheim dann klar, er hat es auch formuliert in Briefen nach Berlin ans Auswärtige Amt und auch an den Reichskanzler: Man muss davon ausgehen, dass das, was da jetzt passiert, auf die Vernichtung der armenischen Rasse abzielt. Das hat er wörtlich geschrieben. Und zwar schon Anfang Juli 1915.''
    Deutschland, so folgert Jürgen Gottschlich in seinem Buch "Beihilfe zum Völkermord" hätte das politische Gewicht sowie wirtschaftliche und militärische Argumente gehabt, das Massensterben der Armenier zu stoppen. Die Reichsführung aber glaubte, Größeres verfolgen zu müssen. Der Mord an den Armeniern erschien nicht nur Hans Humann als "hart, aber nützlich".