Mittwoch, 08. Dezember 2021

Bundesliga in der vierten Corona WelleVolle Intensivstationen, volle Stadien?

Die Corona-Inzidenzen liegen auf Rekordniveau, das RKI empfiehlt die Absage von Großveranstaltungen. Trotzdem dürfen zehntausende Fans in die Bundesliga-Stadien. Ein Besuch bei Borussia Dortmund zeigt – die Risiken liegen vor allem außerhalb der Arenen.

Von Maximilian Rieger | 21.11.2021

Die gut besetzte Südtribüne im Dortmunder Stadion
Es ist kurz vor 14 Uhr am Samstag, als der Stuttgarter-Partyzug am Dortmunder Stadion einrollt. An Bord: Hunderte VfB-Ultras – und ein Live-DJ, der in einem extra Discowagen aufgelegt hat. Offiziell dürfen nur Geimpfte und Genese mitfahren, und es gilt FFP2-Maskenpflicht – bei den Fans, die aussteigen, sehe ich nur ganz selten überhaupt eine Mundbedeckung.

Volle Busse und U-Bahnen bei An- und Abreise

Ein paar hundert Meter ein ähnliches Bild, diesmal bei den Dortmundern. Fanclubs haben Reisebusse für die Anreise organisiert – kaum ein Fan trägt eine Maske. Obwohl gerade Busreisen ein gefährliches Setting sind: Dutzende finnische Fans hatten sich bei der Rückreise von der EM genau so angesteckt.
Und auch in den U-Bahnen stehen die Fans dicht an dicht, die Jacken pressen gegen die Türen. Immerhin: Hier tragen fast alle eine Maske, wenn auch häufig nur eine OP-Maske.

67.000 Leute in Dortmund – das ist schon, ich sag mal, sehr mutig.

Die Skepsis bei Ingo Nürnberger ist deutlich zu hören. Nürnberger ist Sozialdezernent in Bielefeld, ich erreiche ihn einen Tag vor dem Spiel. Während wir sprechen, verkündet Markus Söder für Bayern einen de-facto Lockdown für Ungeimpfte. Beim BVB dürfen Ungeimpfte noch ins Stadion, genauso wie bei Borussia Mönchengladbach. Das sei ja nicht verboten, meint Gladbachs Sportdirektor Max Eberl.

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Es gibt klare Vorgaben, die versuchen wir, einzuhalten. Wenn dann so sanft nach dem Motto angegeben wird: Ihr könntet es ja strenger machen – davon halten wir nichts.

Vor einem Jahr hatten die deutschen Profi-Clubs noch mehr „Demut“ beschworen, man wolle eine Vorbildrolle einnehmen. Die beschränkt sich bei manchen Clubs jetzt darauf, nicht mehr zu machen, als unbedingt nötig.

2G in Bielefeld und Leverkusen

Bayer Leverkusen und Arminia Bielefeld handeln anders. Bayer lässt schon seit Wochen nur Genesene und Geimpfte ins Stadion, Bielefeld verkündet diese Entscheidung unter der Woche. Vernünftig, sagt Sozialdezernent Ingo Nürnberger.

Die sind von sich aus auf uns zugekommen und haben uns über diese Überlegungen informiert. Und natürlich haben wir sie darin bestärkt zu sagen, wir machen hier 2G.

Deshalb sei es auch noch vertretbar, dass die Bielefelder ihr Stadion zu 90% besetzen dürfen, also mit maximal 25.000 Fans.

Stadionbesuche nicht „komplett unverantwortlich“

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen uns immer, draußen ist deutlich ungefährlicher als drinnen. Und das zeigen auch alle unsere Erfahrungen. Deswegen ist es zwar so, dass es nicht komplett ungefährlich ist. Und je näher man sich da kommt, umso größer auch die Gefahr. Aber ich halte es nicht vornherein für komplett unverantwortlich.

Das scheint nicht nur in Bielefeld so zu sein. Für diesen Beitrag habe ich mehr als 50 Städte und Landkreise angeschrieben, die Clubs aus den Bundesligen für Fußball, Eishockey, Basketball und Handball beherbergen. Fast 30 antworten. Stadien und Hallen als Hotspots meldet niemand.

Wenige Kontrollen von Ordnungsämtern

Einzelne Infektionen sind aber trotzdem gut möglich – zumal viele Infektionsketten nicht mehr nachverfolgt werden. Auffallend ist außerdem: Viele Ordnungsämter kontrollieren nicht, wie die Corona-Schutzmaßnahmen von den Clubs umgesetzt werden.
Kontrollen der Maßnahmen beim BVB seien nicht vorgesehen, schreibt zum Beispiel die Stadt Dortmund.
Deswegen mache ich den Versuch: Wie weit komme ich nur mit einem negativen Schnelltest, der bereits abgelaufen ist?

Wie gut sind die 3G-Kontrollen beim BVB?

Erstmal will ich vor dem Spiel in eine Kneipe direkt neben dem Stadion, ein beliebter Treff für BVB-Fans. Ich frage die Security am Eingang, was ich vorzeigen müsse, um reinzukommen.
„Gute Laune“ antwortet der Türsteher und winkt mich durch. Einfach so. An den überdachten Tischen draußen trinken dutzende Fans ihre Biere, genauso sieht es auch im Innenraum aus. Maske trägt kaum einer. Wohlfühlatmosphäre – auch fürs Coronavirus.
Der Stadion-Einlass scheint härter zu werden. Die Ordnerin vor mir hat ein Tablet in der Hand. Und sie erkennt, dass mein Test von gestern ist. „Kommt man damit nicht rein?“, frage ich. „Nein, der muss von heute sein. Steht auch so auf der Website“.
Keine Chance, bis sie mein Impfzertifikat gescannt hat. Dann darf ich rein. Fast 60.000 andere auch. Das Stadion ist nicht ausverkauft – die Südtribühne trotzdem lautstark und beeindruckend.

„Solche Bilder können fatal sein“

„Es ist natürlich so, wenn ich solche Bilder liefere, dass dann Menschen falsche Schlüsse ziehen und denken: Es ist wieder alles in Ordnung. Und man kann doch. Und das ist natürlich ziemlich fatal“, sagt Detlef Wagner, Dezernent für Soziales und Gesundheit in Berlin – beim Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf.
Er ist unter anderem für Hertha BSC zuständig. „Andererseits sind diese Bilder von Sportveranstaltungen, wo Menschen unter Menschen sein können, auch positiv zu bewerten, um einfach zu sagen: 'Liebe Freunde, es gibt noch ein bisschen Normalität.'“

„Ich muss dem Bürger vertrauen“

Es ist ein Zwiespalt, vor dem viele Entscheidungsträger nach eineinhalb Jahren Pandemie stehen – gerade auch, weil es eben schon Millionen Geimpfte gibt, die sich nicht mehr einschränken wollen. Eigenverantwortung sei ein großer Wert, findet auch Wagner.

Ich muss dem Bürger vorerst mal vertrauen. Wenn ich dann sehe – und das ist im Augenblick sehr ernst gemeint – wenn ich dann sehe, dass dieses Vertrauen enttäuscht wird, dann kann ich mich immer noch über gesetzliche Regelungen unterhalten, die dieses Vertrauen einschränken.

Und sollte es zu einem Super-Spreading Event in einem Stadion kommen, rechnet Wagner mit einer schnellen Reaktion aus der Politik. Geisterspiele wären dann wahrscheinlich.

Zugige Gänge, aber Gedränge auf Toiletten

Im Dortmunder Stadion haben die meisten Fans während des Spiels keine Masken an. Und auf der Südtribüne singen die Ultras Arm in Arm. In der Halbzeitpause drängen sich die Menschen auf den Toiletten. Ein Ordner erinnert tapfer daran, die Maskenpflicht einzuhalten: „Nur für dich“ ruft ein Fan ihm zu, als er widerwillig seine OP-Maske rauskramt. Abgesehen von den Toiletten sind die Gänge aber so zugig, dass mögliche Corona-Aerosole schnell verweht werden.

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Dementsprechend haben sich die meisten Fans auch recht sicher gefühlt, ein flaues Gefühl bleibt bei manchen aber trotzdem.
Sicher habe ich mich schon gefühlt“, sagt eine Zuschauerin. „Es war eine Überraschung, sonst wäre ich von mir aus nicht gegangen, weil's mir doch zu viele Menschen sind. Aber, es war auch so, dass links und rechts von mir Plätze frei waren, von dem her haben wir uns gut sicher gefühlt – besser als erwartet! Ein anderer Fan meint:

Grundsätzliche Regelungen wie auf der Toilette nur 20 Personen, so was wird natürlich nicht eingehalten und die Leute stauen sich einfach, wo es geht. Aber im Grunde fühle ich mich schon sicher als junger Mensch.

Zwiespältiges Gefühl bei vielen Fans

Viele Fans rechnen damit, dass bald wieder weniger Menschen zugelassen werden – oder sogar wieder Geisterspiele kommen. Für einige war das sogar ein Grund, extra nochmal ins Stadion zu gehen. Auch für diesen Fan, der die ganze Widersprüchlichkeit der aktuellen Lage in sich vereint.
Fan: „Ich habe mich nicht sicher gefühlt.“
Reporter:
„Würdest du dann nochmal kommen?“
Fan: „Ja! (lacht) Ich würde wiederkommen. Aber weißt du warum? Ich glaube, ich würde wiederkommen, weil ich eine Ausflucht suche aus dem normalen Alltagstrott.“