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Vom Preis des billigen Geldes

Vor der Inflation haben die Deutschen ähnlich viel Angst wie vor Verbrechen, Krieg und Krankheit. Das ergeben Umfragen. Für Finanzminister Wolfgang Schäuble jedoch ist eine Inflationsrate wie derzeit von zwei bis drei Prozent "noch hinnehmbar". Und auch Ökonomen halten die derzeitige Furcht vor der Geldentwertung für hysterisch.

Von Sandra Pfister | 11.12.2012

"Des Deutschen Angstwort Inflation taucht wieder auf. Betroffen sind vor allem Rentner und Geringverdiener, denn sie müssen von ihrem Geld besonders viel für Lebensmittel und Energie aufwenden. Da wird die gefühlte zur wirklichen Inflation."

"Den Deutschen, denen man ohnehin eine gewisse Ängstlichkeit unterstellt, fürchten besonders die Inflation, die Entwertung ihre Ersparten."

"Und dazu begrüße ich den Börsen-Psycholgen Winfried Neun. Die Inflationsangst ist laut aktuellen Studien im Augenblick die größte Angst der Deutschen, wie erklären Sie sich das?"

"Was bedeuten dies Entscheidungen für Deutschland, für Europa? Rutschen wir in eine große Inflation, übernehmen wir uns? Ist Europa überhaupt noch zu retten?"

Verfolgt man die Talkshows, Wirtschaftsnachrichten oder Börsenberichte der letzten Monate, so scheint sie tatsächlich wiederzukehren: die alte Angst der Deutschen vor der Geldentwertung. "Fünf Prozent Inflation sind mir lieber als fünf Prozent Arbeitslosigkeit", dieser Satz wird Altkanzler Helmut Schmidt zugeschrieben. Anfang der 1970er-Jahre glaubte er, die Arbeitslosigkeit bekämpfen zu können, indem er höhere Preise in Kauf nahm.

Viel billiges Geld, hohe Lohnforderungen und dann auch noch der Ölpreisschock: Am Ende hatte Schmidt beides, hohe Arbeitslosigkeit und eine Inflation von sechs Prozent. Das damalige Bundesbank-Vorstandsmitglied Otmar Emminger, ein energischer Verfechter der Preisstabilität, reagierte darauf mit dem Satz: "Wer mit der Inflation flirtet, wird von ihr geheiratet".

Seit mehr als 35 Jahren wird in Deutschland nicht mehr mit der Inflation geflirtet, die Preise stiegen nur moderat. Derzeit aber müssen Chefvolkswirte deutscher Großbanken häufiger denn je auf die immer gleiche Frage antworten: Wann kommt sie denn, die Inflation? Niemand flirtet so heftig mit ihr wie ausgerechnet Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank. Vor drei Monaten verkündete er, die EZB werde Staatsanleihen von klammen Euro-Staaten kaufen, die sich unter den Rettungsschirm flüchten, unbegrenzt, ohne Limit. Und bekannte sich zugleich voll und ganz zum Euro:

"The Euro is irreversible."

Die Finanzmärkte jubeln, lassen sich beruhigen. Die EZB aber hat inzwischen bereits mehr als 280 Milliarden Euro in Staatsanleihen investiert und vergibt unbegrenzt Kredite an Geschäftsbanken, zuletzt türmten sie sich zu einem Berg von 1,5 Billionen Euro auf. Der Historiker Werner Abelshauser ist einer von vielen, die das kritisch sehen.

"Alles das, was die Europäische Zentralbank, natürlich verklausuliert als Rettungsmaßnahmen, Liquiditätsbildung für Banken und so weiter inszeniert, ist nichts weiter als das Drucken von Geld."

Auch die Notenbanken in London, Tokio und vor allem New York kaufen weiter eifrig Staatsanleihen, Hypotheken und andere Papiere auf. Die Bilanzsumme der vier wichtigsten Notenbanken Fed, EZB, Bank of Japan und Bank of England hat sich von 4,5 Billionen Dollar seit der Lehman-Pleite verdoppelt. Jörg Hallerbach, Honorarberater bei der Kölner Quirin-Bank, macht sich schon seit Jahren Sorgen, ob das gut gehen kann.

"Ich hab vor einigen Jahren schon sehr deutlich gesagt, da muss jetzt Inflation kommen, und zwar aus der einfachen Logik, wenn viel Geld geschaffen wird, ich glaube, das braucht man an der Stelle nicht betonen, dass wir eine Geldmenge haben, die exorbitant angestiegen ist. Wenn jetzt alle auf die Idee kämen, von dem vorhandenen Geld Waren kaufen zu wollen, dann würde man sehr schnell feststellen, es gibt gar nicht so viele Waren auf dieser Welt, und dann müssten die Preise massiv ansteigen."

Die EZB druckt also viel mehr Geld, als Güter im Umlauf sind. Das führt klassischerweise zu Inflation: Ein Verbraucher bekommt für das gleiche Geld immer weniger. In der Folge setzen die Gewerkschaften Lohnerhöhungen durch. Die Betriebe holen diese Kosten wieder herein, indem sie die Preise erhöhen. Eine Inflationsspirale setzt sich in Gang. Das zumindest besagt die reine ökonomische Lehre.

Aber obwohl die Europäische Zentralbank so viel billiges Geld auf den Markt wirft, steigen die Preise eben nicht exorbitant an. Die Inflationsrate liegt derzeit im Schnitt nur bei etwa zwei Prozent. Woran liegt das? Michael Grömling, Volkswirt beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln.

"Die Frage ist nur, die Geldmenge, die derzeit geschaffen wird, erreicht sie den Endmarkt, erreicht sie letztlich die privaten Haushalte, erreicht sie die Investitionskultur, die Konsumkultur, oder wird dieses Geld nicht derzeit dazu gebraucht, um den Bankensektor zu stabilisieren, und wird möglicherweise in höherem Maße in diesem Finanzsektor stecken bleiben und somit nicht zu einer Inflationsgefahr in der Privatwirtschaft entwickeln."

Tatsächlich: Die Geschäftsbanken horten das Geld zurzeit lieber auf ihren Konten bei der Zentralbank, statt damit Kredite an Unternehmen oder Privatkunden zu finanzieren. Dass die Banken mit Krediten knausern, liegt daran, dass sie ihre Darlehen jetzt mit mehr Eigenkapital unterlegen müssen, das heißt, sie müssen dafür eigenes Geld zurücklegen, falls der Kredit platzt. Doch dazu müssten die Banken eigentlich höhere Gewinne machen, was sie derzeit nicht tun, oder sie müssten mehr Aktien ausgeben, aber die sind derzeit nicht besonders gefragt.

Deshalb bleiben die Banken derzeit lieber auf dem geliehenen Geld sitzen. Aus diesem Grund findet eine Reihe von Ökonomen, die Furcht vor Inflation sei hysterisch, darunter auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger oder der amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman. Sie glauben, die Notenbanken werden irgendwann, wenn es Südeuropa besser geht, die Schleusen einfach wieder schließen. Doch was, wenn nicht?

Die Deutschen trauen dem Braten nicht. Sie sind nicht nur die größten Financiers der Euro-Rettung: Sie fürchten sich auch weit mehr als andere Nationen vor der schleichenden Geldentwertung. In Umfragen geben sie an, davor ähnliche Angst zu haben wie vor Verbrechen, Krieg und Krankheit. Die Erfahrungen der Weimarer Republik haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, erläutert der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser:

"Das war ja unmittelbar nach dem Krieg, da führte die Inflation zunächst einmal dazu, dass die Deutschen den Bürgerkrieg vermeiden konnten, indem sie Geld druckten bzw. die Schulden nicht zurückgezahlt haben, um Arbeitsplätze zu schaffen, also die Inflation hatte zunächst eine segensreiche Wirkung. Aber dann kamen politische Verstrickungen dazu, dass nun plötzlich das Ganze aus dem Ruder lief und nicht mehr zu kontrollieren war. Und dann führte das zur Hyperinflation."

Der Historiker konnte zuletzt in den 1970er-Jahren beobachten, wie dünnhäutig die Deutschen auf Inflation reagieren.

"Da ist natürlich die Inflation im Wesentlichen von den Energiepreisen getrieben worden, aber es war auch staatliche Ausgabenpolitik im Spiel, die Bundesregierung hat versucht, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und hat Geld in den Kreislauf gepumpt, so dass die Inflation auf sechs Prozent kam; das war die äußerste Grenze, mehr hätte nicht kommen dürfen, das hat zu großer Unruhe geführt in der Bevölkerung, von daher würde ich sagen: Sechs Prozent, das ist das allerhöchste und äußerste, was in Deutschland verkraftbar ist, jedenfalls aus der Erfahrung der 70er-Jahre."

Von sechs Prozent ist die Geldentwertung in Deutschland weit entfernt. Dennoch bekommen viele Verbraucher eine indirekte Form der Geldentwertung zu spüren, und zwar weniger im alltäglichen Verbrauch als bei ihrer Geldanlage. Die Zinsen auf dem Sparbuch oder bei den Lebensversicherungen gleichen mit Müh und Not die Inflationsrate aus.

Damit zahlen die deutschen Sparer am Ende vielleicht auf diesem Umweg die Zeche für die Euro-Rettung. Denn die niedrigen Zinsen für das Ersparte der Bürger sind ein direktes Resultat der Euro-Rettung. Billiges Geld, das die klammen Südeuropäer dringend benötigen, führt eben nicht nur zu niedrigen Kreditzinsen, sondern minimiert auch die Zinsen auf das Ersparte. Anlageberater Jörg Hallerbach begegnet immer häufiger verunsicherten Kunden.

"Die Leute überlegen sich natürlich: Was heißt das für mich. Und da kommen die meisten auf Inflation, Geldentwertung, teilweise werden wir sogar angesprochen, ob wir uns vorstellen könnten, dass sogar eine Währungsreform droht."

Je mehr die Inflation steigt, desto mehr vernichtet sie das Vermögen auf den Sparbüchern. Und davon wären die Deutschen besonders stark betroffen, meint Martin Lück, Chefvolkswirt der Schweizer Großbank UBS:

"Das liegt daran, dass wir in Deutschland eine verhältnismäßig hohe Sparquote haben, das heißt, die Deutschen sparen verhältnismäßig viel. Das, was sie sparen, das haben sie nicht angelegt in Immobilien, wir haben eine der geringsten Eigentümerquoten bei Immobilien in Europa, wir haben auch eine der geringsten Aktienquoten, und das sind zwei der sogenannten 'realen' Anlageformen, also Anlageformen, die vor Inflation schützen.

Entweder legen wir es uns gleich unters Kopfkissen, oder wir legen es aufs Sparbuch oder in andere Sparprodukte, oder wir haben es in Anleihen investiert, alles Produkte, die von Inflation betroffen werden, weil sie dadurch entwertet werden."

Jeder vierte Deutsche versucht deshalb bereits, sein Vermögen vor einer drohenden Inflation zu schützen, so hat es die Beratungsgesellschaft Faktenkontor zusammen mit der Marktforschungsfirma Toluna im September ermittelt. Wer kann, kauft Immobilien. Ein typisches Krisenphänomen, sagt der Historiker Werner Abelshauser.

"Das war auch in den 20er-Jahren natürlich der Fall, dass man die Flucht in die Sachwerte angetreten hat, wenn man konnte, wenn man die Situation verstanden hat, von daher ist diese Entwicklung, die wir heute sehen, natürlich schon ein erstes Anzeichen für den Vertrauensverlust in die Währung."

Der Kölner Immobilienmakler Ralf Pass verzeichnet seit der Lehman-Pleite 2008 eine deutlich höhere Nachfrage nach Häusern, Wohnungen und Büros.

"Wenn ich früher zehn Besichtigungstermine hatte, dann habe ich heute nur noch drei, manchmal auch nur noch einen, und dann ist das Objekt veräußert, je nachdem, in welcher Lage wir uns befinden."

Weil so viele in Betongold investieren wollen, künden die Immobilienanzeigen in Ballungsgebieten inzwischen von satten Preissteigerungen.

"Das kann man relativ leicht festmachen. Im Investmentbereich war vor Jahren in einer normalen Lage so dass 13-, 14-fache einer Jahreskaltmiete der übliche Kaufpreis; heute reden wir schon über das 18-, 19- und 20-fache, was natürlich auch mit den niedrigen Zinsen zu tun hat."

Vermögenserhalt statt Vermögensentwertung – das ist es, worum es vielen wohlhabenderen Anlegern heute geht. Wer es sich leisten kann, flieht in Sachwerte. Jürgen Räke, der Geschäftsführer der elitären Berenberg Bank, investiert das Vermögen seiner millionenschweren Kunden derzeit gerne auch in Immobilien und Edelmetalle. Aber auch Wald, Ackerland und Kunst seien aktuell besonders beliebt: Anlagen, die materiell greifbar und nicht beliebig vermehrbar sind – ganz anders eben als Papiergeld, das sich jederzeit nachdrucken lässt.

Bei all diesen Vermögenswerten steigen die Preise seit Jahren beharrlich. Deutlicher noch ging der Goldpreis nach oben: Er hat sich seit 2009 verdoppelt. Das liegt auch daran, dass sich inzwischen nicht mehr nur Spezialisten und Untergangspropheten Gold ins Portfolio mischen, sondern auch Ärzte, Anwälte und Manager. Das Problem ist bloß: Gerade diese größeren Anschaffungen bildet der Verbraucherpreisindex nicht ab. Deshalb sagt eine Inflationsrate von um die zwei Prozent auch nicht die ganze Wahrheit darüber, ob wir nun Inflation haben oder nicht, meint der Ökonom Michael Grömling.

"In der Tat, wenn wir den Verbraucherpreisindex heranziehen, dann sehen wir derzeit keine Inflationsgefahren. Es gibt allerdings eine Reihe von Ökonomen, die darauf hinweisen, den Inflationsbegriff derzeit etwas weiterzuziehen, nicht nur die Konsumausgaben der privaten Haushalte im Blick zu haben, sondern auch das, was sich an den Vermögensmärkten, beispielsweise an den Immobilienmärkten zeigt."

Die Inflation wütet inzwischen also nicht bei den Lebensmittelpreisen oder den Gehältern. Sie hat sich andere Märkte gesucht: Vermögenswerte, Immobilien, Gold und Land.

Zu viel Geld ist auf dem deutschen Markt, wenn auch das meiste noch bei den Banken schlummert und noch gar nicht in Umlauf gebracht wurde. Wenn die Konjunktur wieder anzieht, Banken mehr Gewinne machen und ihr Eigenkapital erhöhen, dann werden sie wieder Kredite vergeben. Die Frage ist, ob die EZB es dann schaffen wird, das Zentralbankgeld rechtzeitig wieder zurückzuholen, bevor es Inflation auslösen kann. Dazu müsste die EZB zum Beispiel griechische Staatsanleihen wieder zum Verkauf anbieten, weniger Kredite an Geschäftsbanken gewähren oder gleich den Leitzins erhöhen.

"Die Frage ist nur, besteht auch der politische Wille, diese Maßnahme am Ende des Tages zu ergreifen, um letztlich das Primärziel, Preisniveaustabilität im Euroraum, aufrecht zu erhalten."

Dazu kommt ein weiteres Problem: Deutschland mit seiner derzeit noch prosperierenden Wirtschaft bräuchte, selbst wenn die Konjunktur sich abkühlt, viel höhere Zinsen als die Krisenstaaten, um Inflation zu verhindern. Doch für die komplette Eurozone gibt es nur einen einheitlichen Leitzins. Die ärmeren Staaten Europas brauchen das billige Zentralbankgeld, um nicht Bankrott anmelden zu müssen.

Viele Banken in den gebeutelten Ländern Europas müssten sofort staatliche Hilfen beantragen, wenn die EZB kein billiges Geld mehr in den Bankenkreislauf pumpte. Ein deutlicher Paradigmenwechsel in der Geschichte der Zentralbank, der auch dem Historiker Werner Abelshauser nicht behagt.

"Die Bundesbank war ja nur der Geldwertstabilität verpflichtet, das hat die EZB jetzt geändert, es ist sozusagen ein Vertrauensbruch und hat darüber hinaus Aufgaben übernommen, die eigentlich die Staaten übernehmen müssten, nämlich Stabilisierung des Euro, Stabilisierung der Arbeitsmärkte, Stabilisierung der Banken, das ist alles nicht Aufgabe eines Hüters der Geldwertstabilität."

Alles nicht Aufgabe der EZB – doch jetzt, wo ihr die Rolle des Euro-Retters erst einmal zugefallen ist, kommt die oberste europäische Währungshüterin so schnell nicht wieder davon los. Dazu kommt, dass der Einfluss der Bundesbank auf die EZB in den kommenden Jahren schwinden könnte. Davor warnt aktuell CSU-Generalsekretär Markus Söder: Durch die bevorstehende Erweiterung der Eurozone könnte Deutschland bei wichtigen Entscheidungen künftig gar nicht einbezogen sein, weil sich die fünf wichtigsten Euro-Länder vier Sitze im EZB-Rat teilen müssen.

Der politische Druck, die Zinsen niedrig zu halten, um die zarte Erholung in den Krisenländern nicht abzuwürgen, wird nach Ansicht vieler Volkswirte dafür sorgen, dass die Zentralbank ihr billiges Geld kaum wieder wird einsammeln können. Diese Ansicht teilt auch der UBS-Ökonom Martin Lück:

"Weil ich glaube, dass die Inflation am Ende des Tages ein Teil der gesamten Lösung sein muss, wenn man die Alternativen nicht will. Die Alternativen zu einer stärkeren Inflationierung im Euroraum, insbesondere in Deutschland, wären: Ersten, ein Auseinanderfallen des Euro als solcher, als Institution, das ist von der Politik definitiv ausgeschlossen worden.

Und die zweite Alternative wäre eine komplette Entschuldung der überschuldeten Staaten, ein Schuldenschnitt also auch für die größeren Länder, das ist im Moment eine Alternative, die man nicht gehen will, also bleibt nur, eine stärkere Inflationierung in Kauf zu nehmen."

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble jedenfalls hält eine Inflationsrate wie derzeit von zwei bis drei Prozent für "noch hinnehmbar". Kein Wunder, nutzt doch eine hohe Inflation dem Staat am meisten. Wenn die Inflationsrate höher ist als der Zins, zu dem er sich Geld geliehen hat, dann schmelzen seine Schulden auf wundersame Weise dahin.

"Heute ist es so, dass man bei einer zehnjährigen Bundesanleihe etwa 1,5 Prozent bekommt, man hat aber jetzt schon etwa zweieinhalb Prozent Geldentwertung, und das ist genau das, was die Politik gerne hat, denn mit dieser Methode entschuldet sie sich automatisch, bei dem Beispiel mit etwa einem Prozent pro Jahr."

Zu den Profiteuren zählen auch die Banken: Sie – die viele Staatspapiere gekauft haben und große Gläubiger der Krisenstaaten sind, sie kommen mit einem blauen Auge davon. Die EZB kauft ihnen viele Papiere ab, und sie können überdies Geld zu Minizinsen leihen, aber teurer weitergeben. Die Risiken werden auf die Steuerzahler der Gläubigerländer abgewälzt. Und damit auch auf jeden Verbraucher.

Denn wenn die Inflation kommt, schleichend oder galoppierend, dann macht sie erfahrungsgemäß vor allem die Unter- und Mittelschicht ärmer. Denn die Geldentwertung trifft besonders kleinere Sparer. Sie haben oft in Lebensversicherungen und ähnliche Anlagen investiert. Und Lebensversicherer sind verpflichtet, einen Teil ihres Geldes "sicher" anzulegen, also in Papiere wie Staatsanleihen, die wenig Erträge abwerfen. Die Inflation schwächt also nicht nur die Kaufkraft der Mittelschicht, sondern dezimiert auch noch ihre niedrig verzinsten Ersparnisse. Martin Lück, Chefvolkswirt der UBS:

"Wir alle wissen aus der Erfahrung, die Inflation hat auch negative Verteilungswirkungen, weil sie nämlich niedrigere Einkommen, schwächere Glieder der Gesellschaft, besonders schädigt, auch das ist bekannt, deshalb ist gerade mit der extrem unabhängigen und starken Deutschen Bundesbank ein starkes Gegengewicht nach dem Zweiten Weltkrieg installiert worden, um vor Inflation zu schützen, wir Deutschen werden uns da also umgewöhnen müssen."

Doch bis die Kleinanleger sich daran gewöhnt haben, dass die EZB jetzt weniger als zuvor die Kaufkraft ihrer Währung schützt, haben professionelle Anleger ihr Geld meist bereits in Sicherheit gebracht – wenn sie gut beraten und flexibel sind.

Ob und wann und in welchem Ausmaß die Inflation allerdings kommt, darüber streiten sich die Geister. Werner Abelshauser, der Wirtschaftshistoriker, besteht darauf, nicht für Vorausschauen, sondern für den Blick zurück zuständig zu sein. Dennoch könne man aus der Vergangenheit auch für die Zukunft lernen – und in sofern wagt er doch eine Prognose:

"Vor dieser Inflation, die wir zweimal im 20. Jahrhundert erlebt haben, müssen wir diesmal keine Angst haben. Das waren ja Geldentwertungen, die die Folge von verlorenen Kriegen waren, so weit sind wir noch nicht. Außerdem ist Inflation nicht das Ergebnis von Rechenoperationen, sondern Inflation ist eine Folge von Vertrauensverlust, und wenn das Vertrauen verloren ist, dann kann das ganz schnell gehen. Da gibt es ja die alte Volksweisheit: Kurz vor ihrem Tode war sie noch am Leben, die Stabilität."