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Von der Spätantike bis heute

Babylon, 50 Kilometer südlich des heutigen Bagdads, war über Jahrhunderte das kulturelle Zentrum des antiken Nahost-Raums. Im Pariser Louvre wird ein Bild dieser sagenumwobenen Stadt gezeichnet. Bis zum 2. Juni sind 400 Objekte von architektonischen Fundstücken über Gravuren und Gemälde bis zu Manuskripten zu sehen.

Von Björn Stüben | 15.03.2008

Im ersten Buch der Bibel, in der Genesis, steht geschrieben: "Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! - und [...] lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen."

Das hätten sie mal besser nicht machen sollen, einen gewaltigen Turm in Babel errichten, denn wer mit Gott wetteifert, wird bekanntlich bestraft. Die göttliche Lektion war das Sprachengewirr, daher auch der Name der biblischen Stadt Babel, abgeleitet vom hebräischen Wort bâlal für "vermischen oder verwirren". Als Babylon hingegen, das "Tor der Götter", kannten die Griechen die sagenumwobene, aber historisch seit dem dritten vorchristlichen Jahrtausend eindeutig belegte und im Zweistromland am Euphrat, dem heutigen Irak, gelegene Stadt, der sich jetzt eine große Ausstellung im Pariser Louvre widmet. Ihr Ziel soll es sein, zum einen das historisch gesicherte Babylon so präzise wie möglich zu rekonstruieren und zudem sein Nachleben oder vielmehr den Mythos Babylon durch die Jahrhunderte nachzuzeichnen. Doch die Zeugnisse sind spärlich, die die Zeiten überdauert haben.

Im ersten Ausstellungssaal kann der Louvre gleich auftrumpfen, denn er besitzt die Originalstele mit dem vertikal in Keilschrift eingemeißelten Kodex Hammurapi, einer der ältesten Gesetzessammlungen der Menschheit, benannt nach seinem königlichen Autor, der um 1700 vor Christus Babylon eine erste Blütezeit bescherte. Das Abbild des Herrschers ist an der Spitze des über zwei Meter hohen schwarzen Basaltpfeilers aus dem Stein gehauen. Gefunden wurde er 1902 jedoch nicht in Babylon selbst, sondern in Susa im heutigen Iran.

Daneben kniet in einem Schaukasten der "Gottesanbeter von Larsa", eine kleine Kupferfigur mit vergoldetem Gesicht und Händen, die der Inschrift zufolge bei Gott Amurru für den König von Babylon betet. Finesse in der Ausführung kennzeichnet auch die wenigen in Erdfarben ausgeführten Freskenfragmente, die mit modernen Ergänzungen eine Opferszene erkennen lassen, die wohl einst einen babylonischen Palast dekorierten. Das Terracotta-Relief der sogenannten Königin der Nacht, einer nackten, von Eulen und Löwen begleiteten Göttin, wies den Babyloniern den Weg ins Reich der Toten.

Natürlich darf in der Schau auch nicht ein Modell des in der Bibel erwähnten Turmbaus von Babel fehlen. Die Rekonstruktion geht von einem 90 mal 90 Meter in der Grundfläche messenden und beinahe 80 Meter hohen stufenförmigen, der Hauptgottheit Marduk geweihten Turm aus, einem Zikkurat, wie es ihn in allen babylonischen Städten gab. Die Pariser Schau kann nur mit zwei teilweise originalen Drachen- und Löwendarstellungen aus farbig glasierten Tonziegeln glänzen, die die berühmte babylonische Prozessionsstraße schmückten. Das Berliner Pergamonmuseum, in dem die Ausstellung im Anschluss an Paris zu sehen sein wird, kann hier mehr bieten.

Zudem wird Berlin mit der monumentalen Rekonstruktion des Ishtar-Tores auftrumpfen, die naturgemäß nicht in Paris gezeigt werden konnte. Dem Glanz lässt die Schau jetzt den Fall Babylons folgen. "Und ich sah eine Frau auf einem scharlachroten Tier sitzen, das war voll lästerlicher Namen und hatte sieben Häupter und zehn Hörner. ... und auf ihrer Stirn war geschrieben ein Name, ein Geheimnis: Das große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Gräuel auf Erden." Illustrationen dieser Passage aus der Apokalypse liefert unter anderem Dürer in seinen Stichen und auf dem Abguss eines Kapitels der Abtei von Moissac in Südwestfrankreich reitet die Hure Babylon.

Die künstlerische Fantasie beflügelte vor allem aber der Turmbau zu Babel. Dabei kontrastiert Pieter Brueghels detailfreudiges Meisterwerk mit dem Manierismus eines Monsù Desiderio. Der Babylonmythos scheint unerschöpflich. Edgar Degas zeigt Semiramis von ihren "Hängenden Gärten", einem der Sieben Weltwunder, auf das nur schemenhaft erkennbare Babylon herabschauend und der amerikanische Stummfilmregisseur Griffith lässt 1916 die Stadt dramatisch in Flammen aufgehen.

Die Schau schließt mit der Dokumentation der bisher umfangreichsten archäologischen Ausgrabungen in Babylon, die vom deutschen Robert Koldewey zwischen 1899 und 1917 unternommen wurden. Aber der Besucher ist eigentlich noch gefesselt vom Nachleben Babylons, dem letztlich doch zwei Drittel der Schau gewidmet wurden. Die wenigen noch erhaltenen Originalwerke drohen in der Ausstellung vor dem Mythos Babylon leider etwas zu verblassen.


Vom 26. Juni bis zum 5. Oktober ist die Ausstellung "Babylon. Mythos und Wahrheit" in Berlin zu sehen.