Dienstag, 17. Mai 2022

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Vor 100 Jahren geboren
Charlie Parker - Saxofonist, Exzentriker, Jazzrevolutionär

Charlie Parker führte ein unkonventionelles und selbstzerstörerisches Leben. Er wurde nur 34 Jahre alt. Dennoch veränderte er das Saxofonspiel grundlegend und schuf das Fundament des modernen Jazz. Am 29. August 1920 wurde Parker in Kansas City geboren.

Von Karl Lippegaus | 29.08.2020

Der legendäre Charlie Parker (Mitte), rechts neben ihm sein Schüler Miles Davis, circa 1947 in New York
Der legendäre Charlie Parker (Mitte), rechts neben ihm sein Schüler Miles Davis, circa 1947 in New York (imago / Cinema Publishers Collection / William P. Gottlieb)
"In 50 oder 75 Jahren werden die Errungenschaften des heutigen Jazz so ernst genommen werden wie klassische Musik. Warten Sie's ab, Sie werden sehen."
Charlie Parker, der keine richtige Kindheit gehabt hatte und weitgehend sich selbst überlassen war, kam auf Güterzügen 1940 aus dem Mittleren Westen nach New York. Es war das Ziel der Suche des 20-Jährigen, der binnen kurzem den Jazz revolutionieren sollte. Der Sohn eines Sängers und Tänzers lehnte alle Konventionen und Zwänge ab. Seit seinem 14. Lebensjahr war er als Saxofonist auf der Bühne, kurz darauf wurde er unwissentlich heroinabhängig. In seinen rasend schnellen Sololäufen blies Parker bereits die gesamte Konkurrenz in Kansas City von der Bühne.
Speerspitze der Avantgarde
Anfangs jobbt Charlie als Tellerwäscher für neun Dollar die Woche in Jimmy's Chicken Shack in Harlem. Dabei hat er die Chance, den leibhaftigen Art Tatum am Klavier zu erleben. Dessen Virtuosität bringt Parker auf die Idee, unübliche Intervalle zu verwenden, um über einen Song zu improvisieren. Es klingt seltsam und ungewohnt, aber es funktioniert.
Im Szenelokal Monroe's Uptown House schart sich um ihn eine Clique, für die "Bird", wie sie ihn nennen, zum Guru wird. Mit dem Trompeter Dizzy Gillespie bildet er die Speerspitze der Avantgarde. Charlie war in Kansas City mit der Musik der Count Basie Big Band groß geworden. Deren Starsolist Lester Young wurde für den schweigsamen und scheuen Jungen zum Lehrmeister. Bird findet seinen modernen, vibratolosen Sound, als er den von Lester Young und Coleman Hawkins verschmilzt.
Auf dem s/w Bild spielt ein Mann an einem aufgeklappten, verzierten Flügel. Dabei hat er den Blick in die Kamera gewendet. z
Über Legendenbildung im Jazz
"Eine Geschichte erzählen" – das ist nicht nur eine Grundforderung an ein Jazz-Solo. Um die ganze Musikform spinnen sich zahllose Storys, Mythen und Überhöhungen. Anlass genug, nach 100 Jahren Jazz-Historie über Dichtung und Wahrheit nachzudenken.
"Er schaffte es nie pünktlich zur Probe"
Charlie Parker wird am 29. August 1920 in Kansas City geboren und wächst als Einzelkind auf. Bei seinen ersten Auftritten wird er ausgelacht.
"Die Nachbarn baten meine Mutter irgendwann, wir sollten doch umziehen, ich würde sie verrückt machen mit dem Horn. Ich habe zwischen elf und fünfzehn Stunden täglich geprobt, drei bis vier Jahre lang."
Es gibt angeblich nur zwei Filmaufnahmen von Charlie Parker, eine ohne Ton. Er steht still wie eine Statue da, mit Anzug und Krawatte, völlig in die rasend schnelle Musik vertieft. Der Trompeter Red Rodney erinnert sich:
"Er schaffte es nie pünktlich zur Probe. Er kam unvorbereitet rein, hörte sich das an und legte los, als habe er seit Wochen mit der Band gespielt. Wenn sie modulierten oder die Tonart wechselten, hörte er eine Minute zu, wohin es ging; dann lenkten ihn seine Instinkte und sein großartiges Gehör."
Befreiung vom alten Jazz
1943 explodiert das Quintett mit Charlie Parker und Dizzy Gillespie. Das Duo platziert die Akzente absolut verblüffend zwischen den Beats. Bird fungiert als Katalysator für Diz. Der Saxofonist war fasziniert von Strawinsky und Bartók. "I came alive", ich wurde lebendig, sagte Parker später über die Befreiung von den Fesseln des alten Jazz.
Die knapp fünfzig Kompositionen, die er hinterließ, eröffnen viele neue Möglichkeiten. Heute gehören sie in den Jazz-Klassen weltweit zum klassischen Kanon.
In der Studioarbeit zeigt sich Parker als Perfektionist. Er weiß, dass die Platten für die Labels Savoy oder Dial sein Vermächtnis werden. Und er lässt nicht locker, bis die optimale Version im Kasten ist.
Nach Gillespies Ausscheiden wird der Saxofonist zum Mentor für den jungen Miles Davis, der sogar die Bandproben leitet. Er habe in so vielen Stilen spielen können, sagte Miles, Bird habe das Beste aus ihm herausgeholt: "Ich hatte fast vergessen, wie fabelhaft er war."
Nach dem Tod seiner Tochter
Bird versucht nach dem Tod seiner Tochter mehrmals, sich das Leben zu nehmen. Selbstzerstörerisch war er immer, jetzt fährt er zeitweise als Obdachloser nächtelang U-Bahn und hat Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken mit Elektro-Schocks hinter sich. Ein Leben von Stunde zu Stunde.
Charlie Parker wusste, dass er nicht lange zu leben hatte. Er starb mit 34 Jahren am 12. März 1955 in New York.