Vor 100 Jahren geborenSchauspielerin Deborah Kerr, die schillernde Britische Rose

Lange legte Hollywood Deborah Kerr auf strenge, stolze Frauen-Rollen fest. Doch die britische Schauspielerin ließ in ihren vermeintlich tugendhaften Figuren stets anderes aufblitzen. Als Gouvernante am thailändischen Hof wurde sie populär. Am 30. September wäre Kerr hundert Jahre alt geworden.

Von Katja Nicodemus | 30.09.2021

Ein zeitgenössisches Schwarzweiß-PR-Foto zeigt die Schauspielerin Deborah Kerr im Film "Verdammt in alle Ewigkeit", ihren Filmpartner Burt Lancaster umarmend
Deborah Kerr und Burt Lancaster 1953 in "Verdammt in alle Ewigkeit" (picture alliance / Everett Collection )
Was für eine aufwühlende Liebesszene: es ist der Moment, in dem Deborah Kerr und Burt Lancaster am Strand von Hawaii von einer Welle umspült werden, während sie sich küssen. In Fred Zinnemanns Kriegsfilm "Verdammt in alle Ewigkeit" von 1953 verkörpern die beiden ein ehebrecherisches Paar, das kurz vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor zusammenfindet. Kerr spielt die unglücklich verheiratete Offiziersgattin Karen Holmes, Lancaster den Sergeant, der ihre Verletzlichkeit und Sehnsucht spürt.

Ein Film-Still zeigt die Schauspielerin Deborah Kerr und Filmpartner Burt Lancaster bei einem Kuss am Strand von Hawaii von einer Welle umspült
Ein ikonischer Kuss - Deborah Kerr und Burt Lancaster in "Verdammt in alle Ewigkeit" am Strand von Hawaii (picture-alliance / Mary Evans Picture Library)
Halbnackte Körper, Wasser, Sand, der Beginn einer Affäre – als der Film herauskam, wurde die Szene in der Brandung als skandalös und erotisch provokant empfunden. Für Deborah Kerr führte "Verdammt in alle Ewigkeit" zu einem Imagewandel. Zuvor hatte sie in Hollywood Rollen gespielt, die ins Fach der "British Rose" fielen: zurückhaltende, auf Ruf und Anstand achtende, Tee trinkende Britinnen. In "Verdammt in alle Ewigkeit" zeigte Deborah Kerr auf der Leinwand plötzlich überraschende Abgründe, eine Mischung aus Weltverachtung und Lebenshunger.

Eine aufreizend unnahbar wirkende Blondine

Deborah Kerr, die am 30. September 1921 im schottischen Helensburgh geboren wird, erlernt ihren Beruf in der Schauspielschule ihrer Tante. Sie lässt sich in London zusätzlich als Tänzerin ausbilden, bekommt erste Rollen am Theater.
Szene aus "Der Leopard", noch liegen sich alle in den Armen.
Visconti-Film mit Burt Lancaster: "Der Leopard" - Der Letzte seines Geschlechts
Ein Paradebeispiel für gelungene Literaturverfilmungen ist Luchino Viscontis Aneignung von Giuseppe Tomasi di Lampedusas "Der Leopard". Der zugrundeliegende Roman ist nun neu zu entdecken, durch Burkhart Kroebers Neuübersetzung, die dem Original endlich gerecht wird.
Es ist das britische Regie-Duo Michael Powell und Emeric Pressburger, das die aufreizend unnahbar wirkende Blondine Deborah Kerr für ihre ersten größeren Leinwandrollen verpflichtet: in deren Film "Die schwarze Narzisse" verkörpert sie 1947 eine unerfahrene Nonne, die an einer Mission im Himalaya scheitert. Durch die mystische Umgebung eines alten Palastes wird sich die Ordensschwester der eigenen verdrängten Sinnlichkeit bewusst.

Die Filmkamera war für Kerr "ein seltsames Tier"

Hollywood wird aufmerksam auf Deborah Kerr. In der Traumfabrik wird sie ab dem Ende der vierziger Jahre zunächst auf strenge, stolze Frauenfiguren festgelegt, denen sie jedoch Nuancen und Tiefe verleiht. Erst in "Verdammt in alle Ewigkeit" kann Deborah Kerr zeigen, welche Register noch in ihr stecken. Und womöglich waren auch ihre vermeintlich "tugendhaften" Figuren gerade deshalb so faszinierend, weil das Objektiv unter Deborah Kerrs kontrollierten Gesichtszügen stets etwas anderes erahnen ließ. Sie selbst bescheinigte der Filmkamera die Fähigkeit, auf den Grund der Persönlichkeit zu blicken. Deshalb sei es ohnehin vergeblich, das eigene Ich vor ihr zu verbergen:
"Sie ist schon ein seltsames Tier, diese Kamera, nicht wahr? Sie blickt einfach in die Menschen hinein. Und selbst wenn du spielst, dass du nicht diese Art von Mensch bist, durchschaut sie dich. Es gibt da keine Regeln, aber jedenfalls kann man das Schauspielen nicht spielen."

Publikumserfolg "Der König und ich"

Es war die Unberechenbarkeit ihrer Leinwandimago, die Deborah Kerr so besonders machte: jene Mischung aus einer Aura der Disziplin und Strenge und der Sehnsucht, daraus auszubrechen. Zwischen diesen Polen oszilliert auch eine ihrer populärsten Rollen: 1956 spielt Kerr in Walter Langs Film "Der König und ich" eine Hauslehrerin, die Mitte des
19. Jahrhunderts an den thailändischen Hof kommt – und dem arroganten Monarchen, gespielt von Yul Brynner, Paroli bietet. Mit offensichtlicher Freude spielt Deborah Kerr ihre gouvernantenhafte Seite aus.

Ein später Oscar

Es ist die Hauslehrerin, die den König zum Tanz auffordern und ihm den Kopf verdrehen wird. Für ihre Rolle in "Der König und ich" bekam Deborah Kerr ihre fünfte von insgesamt sechs Oscarnominierungen. Doch erst 1994 erhielt sie den Preis für ihr Lebenswerk. Ende der sechziger Jahre zog sich die Schauspielerin aus Hollywood zurück, mit der Begründung, es gebe nun zu viel Sex und Gewalt im Kino. Im Jahr 2007 starb die "British Rose", die ihr Rosendasein auf der Leinwand so wunderbar zu unterwandern wusste, in Suffolk, England, im Alter von 86 Jahren.