Donnerstag, 11. August 2022

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Vor 100 Jahren gestorben
Der amerikanische Schriftsteller Henry James

Henry James gilt als einer der modernsten Autoren des späten 19. Jahrhunderts. Er ist überzeugt, dass man nicht ausgiebig durchlebt haben muss, wovon man erzählt – ein winziger Einblick in fremde Leben genüge, um zum lebendigen Kern eines Romans zu werden. Aktuell wird der Autor in einer Reihe von Neuübersetzungen wieder entdeckt.

Von Ruth Fühner | 28.02.2016

    Der Schriftsteller Henry James (1843 - 1916) in einer undatierten Aufnahme
    Der Schriftsteller Henry James (1843 - 1916) in einer undatierten Aufnahme (dpa / picture alliance / Pixfeatures)
    Die Gespenster-Erzählung The Turn of the Screw ist wohl das bekannteste Werk von Henry James – und gilt als unübertroffen in seiner unheimlichen Doppeldeutigkeit.
    Eine Pfarrerstochter wird Gouvernante zweier reizender Kinder – doch sind die beiden wirklich so unschuldig, wie es scheint? Bald ist die Ich-Erzählerin überzeugt, ihre Schützlinge seien vom Bösen bedroht – wenn nicht mit ihm im Bunde:
    "Wir waren wirklich miteinander von der Welt abgeschnitten in unserer gemeinsamen Gefahr. Sie hatten niemand als mich, und ich – ich hatte sie ... Ich begann sie mit atemloser Spannung zu überwachen mit einer verborgenen Erregung, die sich, wenn sie zu lange gedauert hätte, leicht in Wahnsinn hätte verwandeln können ... Die bloße Spannung dauert nur kurz; sie wurde von grausigen Beweisen abgelöst."
    Kunstvoll lässt Henry James offen, ob die psychologische Daumenschraube, die die Erzieherin immer fester anzieht, nicht wirklich ihrem Wahnsinn geschuldet ist – oder ob die Kinder tatsächlich eine Schuld zu verbergen haben. So wurde "Die Drehung der Schraube" zu einem der meistinterpretierten Texte der Weltliteratur - und Benjamin Britten machte eine Oper daraus.
    Das Elternhaus war weltoffen und gebildet
    Henry James wurde 1843 in New York geboren. Das Klima im Elternhaus war weltoffen und gebildet; der Vater befreundet mit den wichtigsten Intellektuellen seiner Zeit, der Bruder William Mitbegründer des philosophischen Pragmatismus und die unglückliche Schwester Alice eine begabte Tagebuchschreiberin. James begann ein Jurastudium in Harvard, aber seine wirkliche Heimat wurden die Literatur und Europa, wurden Rom, Paris und London. Der Kontrast zwischen der verführerisch schönen, aber oft verdorbenen Alten und der Neuen Welt mit ihrer forschen Freiheits-Emphase wurde zu einem zentralen Thema seiner Gesellschaftsromane, die Titel tragen wie "Der Amerikaner", "Damen in Boston" oder "Die Europäer". Einer dieser Europäer löst bei der wohlerzogenen, aber in ihrer Weltkenntnis recht beschränkten Amerikanerin Gertrude nicht nur erotische Verwirrung aus:
    "'Mein armer Vater kam zwar in Sizilien zur Welt, aber seine Eltern waren Amerikaner.'
    'In Sizilien?' murmelte Gertrude.
    'Es stimmt zwar, dass sie in Europa lebten, aber sie waren gute Patrioten. Und das sind wir auch.'
    'Und Sie sind Sizilianer', sagte Gertrude.
    'Sizilianer – aber nein! Ich wurde an einem kleinen Ort … in Frankreich geboren, und meine Schwester kam in Wien zur Welt.'
    'Dann sind Sie also Franzose', sagte Gertrude.
    'Der Himmel behüte mich davor' rief der junge Mann aus.
    Gertrude starrte ihn fast unaufhörlich an. Wieder begann er zu lachen. 'Ich kann mich leicht als Franzose ausgeben, wenn Sie wollen.'
    'Sie sind also irgendein Ausländer!' erwiderte Gertrude."
    Seine erste Kurzgeschichte veröffentlichte Henry James mit 21, es folgten Jahre, in denen er sich mit literaturwissenschaftlichen Aufsätzen, Fortsetzungsromanen für Zeitungen und erfolglosen Theaterstücken mehr schlecht als recht über Wasser hielt. 1881 erschien sein erstes Meisterwerk, der psychologisch virtuos ausgefeilte Roman "The Portrait of a Lady". Seine Ausgangsfrage beschreibt James so:
    "Durch welchen Prozess logischen Wachstums kam diese unbedeutende Person, dieser schwache Schatten, eines zwar klugen, aber recht anspruchsvollen Mädchens dazu, mit den edlen Eigenschaften einer Persönlichkeit ausgestattet zu werden?"
    James beantwortete die Frage, indem er seine so schöne wie idealistische Titelheldin plötzlich an ein Vermögen kommen – und in eine üble Intrige geraten ließ.
    Moderne Charaktere sind in seinen Werken
    Als Raubtiere, die nur darauf lauern, ihre Klauen ins Fleisch Unschuldiger zu schlagen – so sah James die Welt. Aber nicht nur böser Wille – auch Konventionen, Dummheit und das ewige Thema Geld machen seinen Figuren zu schaffen. Eingekleidet in die plüschige Atmosphäre des 19. Jahrhunderts, in Fächergeraschel und Parfümduft, sind sie überraschend modern: Frauen mit eigenem Kopf, Männer ohne Talent zum Glück – und was sie über sich und die Welt zu sagen haben, ist zutiefst unzuverlässig und zweideutig.
    1915 nahm Henry James, enttäuscht über die Neutralität der USA im Ersten Weltkrieg, die britische Staatsbürgerschaft an. Ein Jahr später, am 28. Februar 1916, starb er in London.