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StartseiteKalenderblattDie Wahl Gustav Heinemanns zum Bundespräsidenten05.03.2019

Vor 50 Jahren Die Wahl Gustav Heinemanns zum Bundespräsidenten

Nicht Staatspräsident - ein Bürgerpräsident wollte Gustav Heinemann sein. In diesem Sinne führte er sein Amt als dritter Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, nach Theodor Heuß und Heinrich Lübke. Wie kaum ein anderer steht er für den demokratischen Aufbruch am Ende der 1960er Jahre.

Von Otto Langels

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag, Helmut Schmidt (r), gratuliert seinem Parteigenossen Gustav Heinemann (l) zu seiner Wahl. Heinemann ist am 5. März 1969 in Berlin im dritten Wahlgang mit 512 von 1023 der abgegebenen Stimmen zum neuen Bundespräsidenten gewählt worden. | Verwendung weltweit (picture-alliance / dpa)
Gustav Heinemann wird am 5. März 1969 in Berlin im dritten Wahlgang zum neuen Bundespräsidenten gewählt. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Helmut Schmidt (r.) gratuliert ihm zur Wahl. (picture-alliance / dpa)
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"Für den Kandidaten Dr. Heinemann sind 512 Stimmen abgegeben worden, für den Kandidaten Dr. Schröder 506 Stimmen."

Der Bundestagspräsident Kai-Uwe von Hassel verkündete am 5. März 1969 das Wahlergebnis der Bundesversammlung. Im dritten Wahlgang wählten die Delegierten den Sozialdemokraten Gustav Heinemann mit knapper Mehrheit zum dritten Bundespräsidenten. Nach der Wahl erklärte Heinemann in der für ihn typischen trockenen, prägnanten Weise:

"Ich danke Ihnen und grüße alle deutschen Bürger."

Gustav Heinemann, geboren 1899 im westfälischen Schwelm, hatte Jura, Volkswirtschaft und Geschichte studiert, promoviert und als Justitiar bei den Rheinischen Stahlwerken Essen gearbeitet. Nach 1933 war er in der Bekennenden Kirche aktiv gewesen, einer Oppositionsgruppe evangelischer Christen, die den Nationalsozialismus ablehnten.

Protest gegen Wiederbewaffnung der Bundesrepublik

Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Mitbegründer der CDU im Rheinland und Oberbürgermeister von Essen. 1949 holte ihn Konrad Adenauer als Bundesinnenminister in sein Kabinett. Aus Protest gegen dessen Pläne zur Wiederbewaffnung der Bundesrepublik trat Heinemann jedoch schon ein Jahr später zurück:

"Wer im politischen Amt steht, soll nach seiner gewissenhaften Überzeugung handeln und nicht an einem Posten kleben."

In der Rücktrittserklärung klang an, was sich wie eine ethische Leitlinie durch Gustav Heinemanns weiteres politisches Leben ziehen sollte: Glaubwürdigkeit und Prinzipientreue:

"Wir reden davon, dass wir eine Demokratie verteidigen wollen. Da müssen wir zunächst einmal Demokratie sein und Demokratie riskieren."

Gustav Heinemann verließ 1952 die CDU und gründete die Gesamtdeutsche Volkspartei, die ein wiedervereinigtes, blockfreies Deutschland anstrebte. Nach deprimierenden Wahlergebnissen löste sich die Partei 1957 auf. Heinemann trat der SPD bei, zog noch im selben Jahr in den Bundestag ein und wurde 1966 in der Großen Koalition von CDU/CSU und SPD Bundesjustizminister. Er liberalisierte das Strafrecht und war in den Zeiten politischer Unruhen des Jahres 1968 ein überzeugter Demokrat und besonnener Mahner, was ihn für das Amt des Bundespräsidenten prädestinierte:

"Das Grundgesetz ist nicht papierener Text geblieben. Es ist die erste deutsche Verfassung, die die Zustimmung unseres Volkes gefunden hat."

Mehr Demokratie wagen

SPD und FDP wählten erstmals einen Sozialdemokraten in das höchste Staatsamt und läuteten kurz darauf eine Ära sozialliberaler Regierungen unter den Kanzlern Brandt und Schmidt ein. Gustav Heinemann aber profilierte sich rasch als überparteilicher, mehr dem Volke als den Politikern zugewandter erster Mann im Staate. Wie kaum ein anderer stand er für die gesellschaftliche Aufbruchstimmung in der Bundesrepublik und verkörperte das Motto Willy Brandts, "mehr Demokratie zu wagen". Heinemann scheute sich auch nicht, gesellschaftliche Missstände anzuprangern:

"Es ist bequem, sich um eine Kindesmisshandlung in der Nachbarschaft nicht zu kümmern, es ist bequem, mit den Wölfen zu heulen, wenn sich etwa ein Wohngebiet gegen ein neues Heim für körperlich oder geistig behinderte Mitmenschen in seinem Bereich wehrt, wie das auch unlängst wieder vorgekommen ist."

Zu den angenehmen Pflichten als Bundespräsident zählte die Ansprache am 26. August 1972 im Münchner Olympiastadion. 36 Jahre nach Olympia unter dem Hakenkreuz in Berlin wollte die Bundesrepublik sich als friedliches, weltoffenes Land präsentieren. Doch die "heiteren Spiele" waren jäh beendet, als palästinensische Terroristen am 5. September einen Anschlag auf die israelische Mannschaft verübten und elf Athleten ermordeten.

1974 verzichtete Gustav Heinemann auf eine Wiederwahl. Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit eröffnete er die "Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte" im badischen Rastatt – ein markanter Schlusspunkt seines Wirkens:

"Man hat mich manchmal Bürgerpräsident genannt, ich wollte helfen, Untertanengesinnung und Unterwürfigkeit in staatsbürgerliches Selbstbewusstsein und staatsbürgerliche Mitverantwortung zu verwandeln."

Erwartungen, die heute mehr denn je gelten. 

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