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Vor 50 Jahren
Uraufführung des Musicals "Hair" am Broadway

Bunte Klamotten, Räucherstäbchen, freie Liebe: Das Rock-Musical "Hair" feierte die Aufbruchsstimmung und den Protestwillen der Hippies, die in den 1960er-Jahren massenhaft einen alternativen Lebensstil praktizierten. Am 29. April 1968 wurde es am Broadway in New York uraufgeführt.

Von Karl Lippegaus | 29.04.2018

Szene aus dem US-Musical "Hair", aufgeführt 1968 im Londoner Shaftesburgy Theatre am 24.09.1968
Am 29. April 1968 wurde das Musical "Hair" am Broadway in New York City uraufgeführt - im Bild ist eine Szene der Londoner Aufführung vom 24. September 1968 zu sehen (imago / United Archives International)
Am 29. April 1968 erlebte ein neues Musical seine Premiere am Broadway in New York und brachte es auf 1.750 Aufführungen, bevor es auf seine Weltumlaufbahn ging. Kontrastreich wurde auf der Bühne der Schrei der Jugend nach Befreiung, der Massenprotest gegen den Vietnam-Krieg farbenfroh und lustvoll inszeniert.
"Harmonie und Verständnis, Sympathie und Vertrauen, keine Falschheit mehr oder Spott, lebendige Träume goldener Visionen."
Ein grelles Produkt seiner Zeit
"Hair" war ein grelles Produkt seiner Zeit. Ein neues Zeitalter "im Zeichen des Wassermanns" – wie es in "Aquarius", dem ersten Song des Musicals, heißt - war angebrochen. Die bis dahin getrennten Welten von Rockmusik und Musiktheater führten die drei Macher von "Hair" zusammen.
Nicht nur den Krieg in Vietnam – viele Themen gab es, die die Blumenkinder aufgriffen. Der Theaterkritiker Scott Miller zählte sie auf:
"Rassismus. Umweltzerstörung. Armut. Sexismus und sexuelle Repression. Gewalt in der Familie. Entfremdung von neuen Technologien und politische Korruption. Die Hippies sahen sich als die wahren amerikanischen Patrioten, die dieses Land retten wollten. Lange Haare waren ihr Emblem – nicht nur als Symbol der Rebellion, sondern auch gegen die Diskriminierung und die überkommenen Gender-Rollen."
Politische Botschaften im Mainstream-Sound
Ohne den Abscheu von großen Teilen der amerikanischen Jugend gegen die Gräueltaten des schier endlosen Krieges hätte es die Hippie-Show, das Love-Rock-Musical wohl nicht gegeben. Vielleicht war genau das der neuralgische Punkt des Multicolorspektakels, das verschiedene alternative Theatertendenzen in New York auf clevere Weise bündelte.
Broadway bei Nacht.
1.750 Mal wurde "Hair" am Broadway aufgeführt (AFP / Stephane de Sakutin)
Die Hippie-Klamotten spielten eine wichtige Rolle: Bell-Bottom-Jeans, karierte Hemden, durchsichtige Batikblusen, Westen nach Großvater-Art, bunte Ketten, Stirnbänder, Indianerschmuck und Fransenjacken. Skandalös war, dass es plötzlich Songs zum Mitsingen gab mit Zeilen wie diesen:
"Sodomie, Fellatio, Cunnilungus, Päderastie - warum klingen diese Worte so abstoßend?"
Die nur 20 Sekunden dauernde Nacktszene am Ende des 1. Aktes sorgte für den nötigen Medienwirbel. Die Franzosen beuteten die Szene weidlich aus, die Skandinavier verhüllten sie schamhaft und in München fand sie anfangs hinter einem Schild statt, auf dem "Zensiert" stand.

"FBI, CIA, LSD: Ich entwickle mich durch Drogen. Haschisch, Kokain, Marihuana, Opium."
Karriere-Sprungbrett für Afro-Amerikaner
Der als Kirchenmusiker an der Orgel ausgebildete Komponist Galt McDermot schrieb 40 zum Teil zugkräftige Songs. Etliche Songs aus "Hair" landeten durch andere Interpreten - wie The Fifth Dimension und Nina Simone - in den Top Ten der internationalen Hitparaden. Für so manchen Schauspieler – ein Drittel waren Afroamerikaner – wurde "Hair" zum Sprungbrett für eine Pop-Karriere.
Musikalisch war es purer Mainstream der Ostküsten-Mittelklasse: Frank Zappa machte sich lustig über die Hippies, Leonard Bernstein verließ vorzeitig den Saal und John Lennon winkte ebenfalls ab.
Das Libretto stammte von Gerome Ragni und James Rado. Es kreist um den jungen Claude Bukowski, den seine Eltern 1967 zum Militärdienst zwingen wollten. In New York stößt er auf eine Clique langmähniger Hippies, die sich gegen den Militärdienst sträubt und einen alternativen Lebensstil praktiziert. Claude findet sich in einer Dreierbeziehung wieder – zwischen der politisch engagierten Sheila und dem Anarchisten Berger.
Über 58 000 junge Amerikaner starben im Vietnam-Krieg, der erst 1975 nach elf Jahren zu Ende ging. Der kurze Sommer der Anarchie, von dem die Hippies in dem Musical "Hair" singen, tanzen und träumen, hatte diesen Krieg trotz der Massenproteste nicht verhindern können.