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Vor 70 Jahren
Massaker in den Ardeatinischen Höhlen

Es war eines der schlimmsten deutschen Massaker im von Nazi-Deutschland besetzten Italien: Am 23. März 1944 ermordeten SS-Truppen in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom 335 italienische Geiseln. Noch heute zählt der Platz der Bluttat zu den wichtigsten Erinnerungsorten Italiens.

Von Henning Klüver | 24.03.2014

    Blick auf das Mahnmal Ardeatinischen Höhlen
    Jedes Jahr am 24. März legt am heutigen Mahnmal der italienische Staatspräsident einen Kranz nieder. (picture alliance / dpa - Andrea Rossi / Eidon)
    März 1944: Rom ist von deutschen Truppen besetzt. Das öffentliche Leben der Stadt steht unter der Kontrolle der militärischen Ordnungspolizei. Dazu gehört auch das Polizeiregiment "Bozen", das vorwiegend aus Südtirolern besteht. Lutz Klinkhammer ist Experte für Faschismus und Krieg am Deutschen Historischen Institut in Rom: "Diese Ordnungspolizei war sehr sichtbar in der Stadt bei Absperrungsaufgaben, bei Überwachungsaufgaben. Sie hatten auch mitgewirkt bei den Absperrungen, die zur Verhaftung und Deportation der römischen Juden geführt hatten."
    Attentat auf Polizeikompanie von Widerstandsgruppe verübt
    Am 23. März marschiert eine Kompanie des Regiments "Bozen" wie jeden Tag gegen 15 Uhr durch die Via Rasella in der Innenstadt unweit der Via Veneto. Zwei Sprengkörper explodieren, die eine Widerstandsgruppe in einem Müllbehälter in der Straße versteckt hatte. Bei dem Attentat werden 33 Männer der Polizeikompanie getötet und über 40 schwer verletzt. Als die Deutschen die Nachricht vom Attentat erreicht, beabsichtigt Stadtkommandant General Kurt Mälzer, das ganze Viertel um die Via Rasella in die Luft zu jagen. Schnell setzt sich aber der Chef der Sicherheitspolizei der SS, Herbert Kappler durch: Wie bereits bei ähnlichen, wenn auch kleineren Anschlägen in der Vergangenheit, will er in einer sogenannten Sühneaktion für jeden gefallenen Polizisten zehn italienische Zivilisten erschießen lassen.
    "Es scheint so, als wäre diese Absprache vor Ort erfolgt, gar nicht mal unter Einbeziehung eines expliziten Befehls Hitlers."
    Kappler aber hat Probleme, in den von ihm kontrollierten Gefängnissen genügend Geiseln zu finden. Er lässt sich deshalb von der italienischen Verwaltung weitere Häftlinge zuliefern und greift auch auf jüdische Bürger zurück, die vor der Deportation stehen. Insgesamt sind es fünf Männer mehr als die 330 für 33 tote Polizisten.
    Am 24. März werden die Geiseln nach und nach in Lastwagen zu den Fosse Ardeatine, den Tuffsteinhöhlen an der Via Ardeatina kurz hinter der südlichen Stadtmauer gebracht. Zu je fünf Mann führt man sie in die Höhlen. Dort müssen sie über den bereits Umgebrachten niederknien und werden durch Schüsse in den Kopf getötet. Die makabre Hinrichtungszeremonie zieht sich vom Mittag bis zum Abend hin.
    "Die Sicherheitspolizisten, alle 70, haben persönlich mitgewirkt, und jeder hat mindestens einen oder zwei Menschen erschossen. Das Kommando wurde von Kappler persönlich geführt, aber ebenso von seinen leitenden Beamten der Sicherheitspolizei assistiert."
    Hochsensibler Erinnerungsort
    Der Liedermacher Giuseppe Lariccia erzählt die Geschichte der Fosse Ardeatine in "Roma Occupata". 70 Jahre nach dem Massaker ist die Erinnerung daran in der italienischen Öffentlichkeit höchst lebendig. Der Platz der Hinrichtung ist nach dem Krieg in ein Mahnmal verwandelt worden. Jedes Jahr am 24. März legt hier der italienische Staatspräsident einen Kranz nieder. Der deutsche Bundespräsident Johannes Rau erklärte bei seinem Besuch des Mahnmals im April 2002, dass die persönliche Schuld allein die Täter trügen, aber die Generationen danach sich mit den Folgen dieser Schuld auseinanderzusetzen hätten.
    "Niemand darf vergessen, dass jede Generation sich immer wieder neu den Blick schärfen muss für verbrecherische, menschenverachtende Ideologien. Wir müssen solche Irrlehren bekämpfen, bevor sie Macht über Menschen gewinnen können."
    In Italien wird nach wie vor über die Legitimität des Anschlags in der Via Rasella diskutiert, bei dem auch ein zufällig anwesendes Kind getötet wurde. Während einige dem Widerstand eine Art Mitschuld an der Geiselerschießung in den Ardeatinischen Höhlen zuschreiben, weil man durch den Anschlag das Massaker provoziert habe, verteidigen andere das Attentat als eine "notwendige Kriegshandlung". Diese Ansicht hat auch die italienische Rechtsprechung mehrfach bestätigt. Der Historiker Lutz Klinkhammer:
    "Und daran zeigt sich, dass die damals geschlagenen Wunden bis heute nicht verheilt sind. Obwohl es ein nationales Symbol ist, ist es nach wie vor ein hochsensibler Erinnerungsort, an dem sich die Geister scheiden."