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StartseiteDie neue PlatteVorkämpfer einer musikalischen Romantik29.04.2012

Vorkämpfer einer musikalischen Romantik

Orchesterwerke von Eduard Franck

Zu Lebzeiten wurde Eduard Franck als Pianist geschätzt. Als Komponist hinterließ er neben einer Vielzahl von Werken für sein Instrument Beiträge zu fast allen Gattungen. Die Württembergische Philharmonie Reutlingen bringt die Werke dieses Romantikers wieder ins Bewusstsein.

Von Ludwig Rink

"Der römische Carneval" ist eines der  Werke Frankcs für großes Orchester, (Stock.XCHNG /)
"Der römische Carneval" ist eines der Werke Frankcs für großes Orchester, (Stock.XCHNG /)
<p>Wenn ich Ihnen gleich die Ouvertüre "Der römische Carneval" von einem Komponisten namens Franck ankündige, vermuten Sie vielleicht einen Irrtum, denn den römischen Karneval in einer fulminanten Ouvertüre zu schildern, das war doch, wie wir wissen, die geniale Idee von Hector Berlioz. Und wenn Sie nun, einmal gedanklich in Frankreich unterwegs, an den Komponisten César Franck denken, gehen Sie erneut in die Irre, denn die Rede ist von Eduard Franck, geboren 1817 in Breslau, verstorben 1893 in Berlin. Die Werke dieses heute kaum noch bekannten Romantikers wieder ins Bewusstsein zu bringen – dieser Aufgabe widmet sich schon seit Längerem das Plattenlabel audite, das jetzt mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen weitere Orchesterwerke Eduard Francks produziert hat. Und eben auch dessen Ouvertüre "Der römische Carneval".<br /><br /><em>Eduard Franck<br />Der römische Carneval. Ouvertüre für großes Orchester, op. 21 (Anfang)<br />Track 1 <br />Dauer: 1'05<br />Württembergische Philharmonie Reutlingen<br />Leitung: Ola Rudner<br />audite (LC 04480) 97.686</em><br /><br />Eduard Franck wurde mit 17 Jahren Privatschüler von Felix Mendelssohn Bartholdy, der als Pianist und Komponist sein Vorbild wurde. In seiner Heimatstadt Breslau gehörte Franck zu einem Kreise Gleichgesinnter, die sich als Vorkämpfer einer musikalischen Romantik verstanden. Ab 1846 arbeitete er in Berlin als Lehrer und Virtuose, ab April 1851 lebte er sechs Jahre lang in Köln, wo er zusammen mit Ferdinand Hiller am dortigen Konservatorium als Dozent für Klavier und Theorielehre sowie als Pianist bei den Gürzenich-Konzerten und als Chordirigent wirkte. Dann erfolgte die Berufung an die Schweizer Musikschule in Bern, wo er auch zum Doktor h.c. der Universität ernannt wurde. Mit 50 Jahren folgte er einem Ruf nach Berlin als erster Klavierlehrer am Sternschen Konservatorium. Er wurde zum Professor ernannt und beendete seine Lehrtätigkeit erst im Alter von 75 Jahren.<br /><br /><em>Eduard Franck<br />Fantasie für großes Orchester, op. 16: 2. Satz – Menuett (Anfang)<br />Track 4 <br />Dauer: 2'40<br />Württembergische Philharmonie Reutlingen<br />Leitung: Ola Rudner<br />audite (LC 04480) 97.686</em><br /><br />Zu Lebzeiten wurde Franck als Pianist geschätzt. Bei seinen Interpretationen bewunderte man die klassische Ruhe, ein Schweizer Kritiker sprach gar von einem "Zauberspiel" wie auf einer "Äolsharfe oder Glasharmonika". Als Komponist hinterließ er neben einer Vielzahl von Werken für sein Instrument Beiträge zu fast allen Gattungen mit Ausnahme großformatiger Vokalmusik, also Orchesterwerke, Solokonzerte, Kammermusik von Sonaten für Violine und Klavier über Klaviertrios, Streichquartette, Quintette bis zum Sextett, außerdem Stücke für Cello und Klavier oder Klavierlieder. Gerühmt wurde dabei weniger sein Einfallsreichtum als vielmehr seine Kombinationsgabe, sein großes Geschick und handwerkliches Können bei der Themenverarbeitung. Welchen Platz der Komponist Eduard Franck im Umfeld der um 1850 beginnenden ideologischen Spaltung der deutschen Musikkultur ungefähr einnimmt – dies schildert der sehr lesenswerte Booklet-Text dieser Neuveröffentlichung. Die Musikkritik hatte stark an Bedeutung gewonnen, und in den Fachzeitschriften tobte der Streit zwischen den "Neudeutschen" auf der einen und den "Klassizisten" auf der anderen Seite, zwischen den "fortschrittlichen" Komponisten um Liszt und Wagner und den eher "konservativen" um Schumann und Brahms. Dem Starkult eines Liszt, dem auch noch aus Skandalen Gewinn schlagenden Showtalent eines Wagner stand ein feinfühliger und eher im Stillen wirkender Musiker wie Eduard Franck mit Skepsis gegenüber. Er respektierte bestimmte Erwartungen des bürgerlichen Publikums, warf die klassischen Formen nicht einfach über Bord, sondern versuchte ihnen immer wieder neue Ausgestaltungen und Varianten abzugewinnen. So entstanden gehaltvolle, handwerklich gediegene Kompositionen, die uns heute einen guten Einblick in das musikalische Denken und Können einer Epoche vermitteln, in der – ähnlich wie nach dem Zweiten Weltkrieg – Avantgarde und Konservative in heftigem Streit um die "richtige" Richtung liegen.<br /><br /><em>Eduard Franck<br />Fantasie für großes Orchester, op. 16:3. Satz Allegro moderato<br />Track 5 <br />Dauer: 5'17<br />Württembergische Philharmonie Reutlingen<br />Leitung : Ola Rudner<br />audite (LC 04480) 97.686</em><br /><br />Einmal mehr ist es nicht eins der großen, berühmten Orchester, das sich hier der Aufgabe widmet, vergessenes Repertoire wieder auszugraben. Das Wagnis unternimmt die Württembergische Philharmonie Reutlingen unter Ola Rudner, einem schwedischen Dirigenten, der hier seit vier Jahren die künstlerische Leiter innehat. Dieses Orchester wurde 1945 aus der Mitte der Reutlinger Bürgerschaft gegründet in dem Bewusstsein, dass Kultur und Musik den Menschen so wichtig sind wie Nahrung und ein Dach über dem Kopf. Von diesem Impuls weiter getragen, wandelte es sich vom Schwäbischen Symphonieorchester zur Württembergischen Philharmonie Reutlingen. Der Wille zur künstlerischen Weiterentwicklung und die fortdauernde bürgerschaftliche Unterstützung ermöglichten 1998 die Umwandlung in eine Stiftung. Das Orchester fühlt sich den Menschen in Reutlingen und Baden-Württemberg verbunden und versteht sich bei seinen Gastspielen in den Philharmonien von Berlin, Köln, München, Salzburg oder Amsterdam oder auf seinen diversen Tourneen bis hin nach Japan auch als deren Botschafter. Ola Rudner und seine Musikerinnen und Musiker hauchen den nicht zum üblichen Repertoire gehörenden Werken von Eduard Franck neues Leben ein – mit viel Einfühlungsvermögen, solidem instrumentalen Können und großer Musikalität. Nur wenn die interpretatorische Qualität so wie hier stimmt, kann es übrigens gelingen, bisher stiefmütterlich vernachlässigtes Repertoire wieder nachhaltig im Bewusstsein der Musikliebhaber zu verankern.<br /><br /><em>Eduard Franck<br />Concert Ouverture für großes Orchester, op. 12<br />Track <6> ab 3'20<br />Dauer: 5'12<br />Württembergische Philharmonie Reutlingen<br />Leitung : Ola Rudner<br />audite (LC 04480) 97.686</em></p>

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