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Vormarsch in Afrin
Verbündete der Türkei kontrollieren Zentrum der Stadt

Bei ihrer Militäroffensive in Nordwest-Syrien haben die türkische Armee und verbündete syrische Rebellen die kurdische Stadt Afrin eingenommen. Präsident Erdogan lässt sich bejubeln - während weiter Widerstand geleistet wird und tausende Zivilisten fliehen.

Von Michael Lehmann | 18.03.2018

Soldaten der mit der türkischen Armee verbündeten oppositionellen Freien Syrischen Armee feiern im Zentrum von Afrin an der Statue einer mythologischen kurdischen Figur.
Soldaten der mit der türkischen Armee verbündeten oppositionellen Freien Syrischen Armee feiern im Zentrum von Afrin an der Statue einer mythologischen kurdischen Figur ( Hasan Kirmizitas, AP)
Afrin heute morgen - ein kurzes Video zeigt Kämpfer der Freien Syrischen Armee, die sich selbst aufgenommen haben. Sie laufen durch leere Straßen der Stadt, in denen Kampfspuren zu sehen sind. Sie feiern ihren Einzug in Afrin mit Flaggen und sie halten Waffen in die Luft. Im Internet wollen sie mit diesem Video zeigen, dass sie die Herrschaft über große Teile der Stadt haben.
Andere Berichte sprechen von immer noch heftigen Kämpfen in der Stadt, dass sich kurdische YPG-Kämpfer nicht so einfach geschlagen geben, dass tausende Zivilisten in Kellern und Luftschutzbunkern Schutz gesucht haben.
Erdogan lässt sich bejubeln
Die türkische Armee hatte sehr früh am Morgen den militärischen Erfolg aus Afrin gemeldet. Türkische Truppen hätten gemeinsam mit den Kämpfern der freien syrischen Armee viele YPG-Kämpfer vertrieben. Präsident Erdogan lies sich bejubeln vor Anhängern im Stadion der westtürkischen Stadt Canakkale.
"Wir haben das Zentrum von Afrin komplett eingenommen. Es ist unter Kontrolle der Freien Syrischen Armee, unterstützt durch türkische Einheiten. Das Ganze geschah heute morgen um 8.30 Uhr Ortszeit."
Zivilisten flüchten vor der türkischen Armee
Auch die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London meldet, türkische Truppen seien gemeinsam mit FSA-Kämpfern heute morgen sehr schnell in die Stadt vorgedrungen - dass es weiter heftige Kämpfe gibt und viele der als Terroristen von türkischen Truppen gesuchten YPG-Kämpfer sich gemeinsam mit tausenden Zivilisten der Stadt verstecken, ist sehr wahrscheinlich.
Die Folgen der Kämpfe um und in Afrin werden offenbar, zum Beispiel südlich der Stadt. Lange Flüchtlingstrecks haben sich gebildet: Alte Pick-Ups, Lastwagen mit Menschen und zum Teil auch alten Möbeln auf den Ladeflächen, stauen sich. Ein kurdischer Flüchtling hat sich ein Tuch zum Schutz vor Staub tief ins Gesicht gezogen:
"Wir sind geflohen, weil unsere Dörfer von den Türken mit Luftschlägen und Bomben angegriffen wurden. Es gibt keine Vereinten Nationen oder andere Internationale Kräfte, die uns dort helfen. Niemand kümmert sich um die humanitäre Moral, die geboten wäre. Was können wir als Bevölkerung tun? Die Türkei ist ein Monster-Staat. Sie schießen auf uns mit Kampfflugzeugen, Mörsern und Bomben. Was können wir tun. Wir müssen an sichere Orte fliehen."
Propagandaschlacht um Afrin
Später am Vormittag meldet sich eine Vertreterin der syrischen Kurden zu Wort - der Nachrichtenagentur AP sagt sie, es sei nicht richtig, dass die türkische Armee und ihre Verbündeten das Zentrum von Afrin komplett eingenommen hätten. Es gäbe weiter Kämpfe. Und, so die Kurden-Sprecherin, die kurdische YPG-Miliz habe Zivilisten aus der Stadt in Sicherheit gebracht.
Wie viele Menschen tatsächlich Afrin inzwischen verlassen haben, ist unklar - manche Berichte sprechen von mehr als 200.000. Das würde bedeuten, dass mindestens genauso viele Zivilisten immer noch in Afrin ausharren. Im Internet läuft derweil auch die Progagandaschlacht um Afrin weiter - das türkische Militär zeigt ein Video, in dem ein türkischer Soldat mit Flagge in der Hand gemeinsam mit einem Mann und syrischer Oppositionsflagge am Parlamentsgebäude von Afrin auftreten.